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Einmal alles anders machen

Ein AFS-Schuljahr in China

29.1.2011 | Katharina Wedel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als ich am 20. August 2009 in das Flugzeug Richtung Peking stieg, begann mein ganz persönliches großes Abenteuer. Ein Jahr China, ein Jahr Leben in einer Gastfamilie, ein Jahr chinesische High School, ein Jahr ohne deutsche Familie und meine Freunde. In diesem Moment habe ich nicht richtig realisiert, auf was ich mich da eingelassen hatte. Wohl aber ahnte ich, dass das kommende Jahr eines der aufregendsten, spannendsten, anstrengendsten und wundervollsten in meinem Leben werden würde.

Schon als ich noch jünger war, habe ich alle Nachrichten über China interessiert studiert. Ich kaufte mir chinesische Zeitschriften, obwohl ich sie nicht lesen konnte, hängte eine chinesische Landkarte in mein Zimmer und hielt in der Schule Referate über die chinesische Sprache. Auf die Idee, ein Auslandsjahr zu machen, kam ich durch eine Freundin, die für ein halbes Jahr mit 30 anderen Schülern durch die Welt gesegelt war. Für mich stand fest, dass ich das auch machen wollte. Ich war schon dabei, mein Segelabenteuer zu planen. Doch dann kam alles anders. Als ich einen Fernsehbeitrag über Austauschschüler sah, fiel mir auf, dass ich ja auch nach China gehen könnte. Für meinen großen Traum musste ich kämpfen. Meine Eltern hätten es lieber gesehen, wenn ich erst nach der zehnten Klasse mit der Hochschulreife in der Tasche weggegangen wäre. Aber ich habe mich durchgesetzt.

Nun war ich endlich da. Nach drei Tagen Aufenthalt in Peking mit 120 anderen Austauschschülern des AFS aus der ganzen Welt ging es für mich weiter nach Deyang, einer Drei-Millionen-Stadt in der Provinz Sichuan, im Südwesten des Landes. Gemeinsam mit drei weiteren Austauschschülern – zwei Thailändern und einer Belgierin – sollte diese für chinesische Verhältnisse ziemlich kleine Stadt ein Jahr lang meine Heimat sein.

Ungebremste Euphorie

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In den ersten Tagen, Wochen und sogar Monaten konnte nichts so wirklich meine Euphorie bremsen. Ich war endlich da, in China, in dem Land, von dem ich schon so lange geträumt hatte. Viele sagen, dass es eigentlich egal ist, wo man sein Auslandsjahr macht, man erlebe überall eine aufregende Zeit. Das mag stimmen. Aber für mich war es einfach klar, dass ich nur nach China wollte, dass ich dieses atemberaubende Land näher kennen lernen wollte.

Alles Neue saugte ich auf wie ein Schwamm. Selbst die gewöhnungsbedürftigen Ansichten der Chinesen machten mir nichts aus: zum Beispiel, dass man im Sommer heißes Wasser trinken müsste, weil kaltes ungesund sei, und dass das Essen von Wassermelonen im Winter krank mache. Das glaube ich zwar immer noch nicht, aber für ein Jahr konnte ich mich darauf einlassen. Ich lebte in einer gut situierten chinesischen Familie mit einer Tochter. Mein Gastvater besaß zahlreiche Läden, die über das Land verteilt waren. Meine Gastmutter war Hausfrau – was aber nicht hieß, dass sie sich auch um den Haushalt kümmerte. Meine Gastschwester war ein Jahr jünger als ich und besuchte die gleiche Schule, allerdings zwei Klassen unter mir. Des Weiteren hielt sich meistens noch eine "Ayi" – eine Hausangestellte – in der Wohnung auf, die für Putzen, Waschen, Kochen und sonstige anfallende Arbeiten zuständig war.

Auch der lange Schultag von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends machte mir zunächst nichts aus. Ich freute mich auf diese neue Erfahrung, und besonders freute ich mich darauf, an besonderen Tagen eine Schuluniform anzuziehen. Irgendwie hatte das für mich immer zu dem Bild gehört, das ich von einem Auslandsschuljahr hatte. Auch die immer wieder auftretende Sprachbarriere – nur sehr wenige Chinesen sprechen verständliches Englisch – lächelte ich meist einfach weg.

"Do you want to be my friend?"

Nach einer Weile kam es mir normal vor, dass meine Gastschwester bis spät nachts Hausaufgaben machte und morgens schlaftrunken erklärte, sie habe nur zwei Stunden geschlafen. Oder dass mein Gastvater tagelang außer Haus war, um seinen Geschäften nachzugehen. Auch an die fast ständige Anwesenheit der Ayi hatte ich mich gewöhnt. Allerdings war es für mich schwer zu akzeptieren, dass ich nirgendwo mithelfen konnte.

Meine Umgebung schien sich an mich gewöhnt zu haben. Nur noch jedes zweite Mal wurde ich nach deutschen Traditionen gefragt. Die Begegnungen wurden alltäglicher, man wusste jetzt mehr von mir und meinem deutschen Leben – alles über mich hatte sich herumgesprochen, wenn auch nicht alles davon stimmte. Gerüchte gab es viele, aber nur die wenigsten trauten sich, bei mir nachzufragen. Und wenn es mal jemand tat, dann war ich darüber sehr dankbar. Oft entstanden aus diesen Gesprächen dann gute Freundschaften. Von Leuten, mit denen ich öfters unterwegs war, wurde ich inzwischen als ganz normal wahrgenommen. Zum Glück!

Oft genug wurde ich aber noch auf der Straße angesprochen: "Can we take a picture?" oder "Do you want to be my friend?". Es macht mich stolz, wenn ich dafür gelobt wurde, dass ich Chinesisch lernte und mich mit der Sprache auseinander setzte. Klar, ich weiß, dass Chinesen mit ihren Lobhudeleien gerne übertreiben – aber es tat gut, mal ein Kompliment über meine Chinesisch-Kenntnisse zu bekommen. Und die Chinesen sahen es wiederum als Kompliment an, dass ich ihre Sprache lernte.

Ausländer sind etwas Besonderes in einer so ländlichen Stadt wie Deyang. Die Belgierin Yasmine und ich brauchten ein Weilchen, bis wir verstanden hatten, dass wir das Hauptgesprächsthema dieser Stadt waren. Nicht selten kam es vor, dass wir von wildfremden Leuten mit Namen angesprochen wurden, weil sie uns aus irgendwelchen Erzählungen kannten. Wir waren "das Mädchen mit den roten Haaren" (Yasmine) und "das Mädchen mit den braunen Locken" (ich). Auch in der Schule, in der es fast 10.000 Schüler und Schülerinnen gab, kannte uns ausnahmslos jeder. Wir waren das Aushängeschild dieser Schule – und auch der Stadt.

Staunen über die chinesische Kultur

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Langsam begeisterte mich die chinesische Sprache, und ich hatte viel mehr Spaß am Lernen als am Anfang. Jeder Erfolg spornte mich an. Besonders motivierend war eine Reise über Silvester in die 32-Millionen-Stadt Chongqing, sechs Autostunden von Deyang entfernt. Dort lebte eine andere deutsche Austauschschülerin. Aber was für mich das Besondere daran war: Dort gab es nicht einen so ausgeprägten Dialekt und man verstand mich viel besser. Das motivierte mich extrem.

Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich typisch chinesische Dinge, über die ich vorher geflucht hatte, wie die ständige Geräuschkulisse und das scharfe Essen, als selbstverständlich hinnahm. Mehr noch, ich konnte sie mir nicht mehr wegdenken. Es machte mir nichts mehr aus, auf Toiletten zu gehen, die weder Wände noch Türen hatten. Und ich hatte auch irgendwann kapiert, dass das Klopapier nicht in die Rinne gehört, sondern in den Mülleimer daneben.

Ausflüge nach Chengdu, der Provinzhauptstadt der Provinz Sichuan, nach Mount Eimeishan zum Skifahren oder nach Yunnan, einer Provinz im Süden Chinas, brachten mich immer wieder zum Staunen über die chinesische Kultur. Ich werde wohl nie ganz verstehen, wie man mit einer Jeans und einer dünnen Jacke und ohne Mütze oder Handschuhe Skifahren kann. Wie man so unorganisiert wegfahren kann und dann noch Spaß daran hat, mit einer Unmenge anderer Chinesen in leichter Bekleidung und Uraltskiausrüstung den Berg hinabzukugeln.

Ein eigenes Bild von China

Als meine deutsche Familie zu Besuch kam, reisten wir miteinander drei Wochen quer durch China. Das war ein Schock: Ich merkte, wie sehr ich mich bereits an die oft einfachen Umstände und die ganz anderen Lebenseinstellungen gewöhnt hatte. Und wie schwer es meiner Familie fiel, sich darauf einzulassen. Für sie aber war es extrem hilfreich, mich zum Dolmetschen und Erklären dabeizuhaben.

Nach dieser Reise hatte ich noch zwei Wochen bei meiner Gastfamilie und dann ging es auch für mich zurück ins beheimatete Deutschland. Auf einer Seite freute ich mich auf Deutschland und alles, was ich zurückgelassen hatte, aber auf der anderen Seite wusste ich, dass ein Teil von mir für immer in China bleiben würde.

Als ich die anderen Austauschschüler in Peking wiedertraf, lag eine komische Stimmung in der Luft. Den letzten Tag in China verbrachten wir gemeinsam, schwelgten gemeinsam in Erinnerungen und machten so viele Fotos, wie wir konnten. Mindestens drei Viertel von ihnen sind verwackelt – aber was macht das schon, die Erinnerungen werden wir für immer haben, und das ist gut so. Es war die richtige Entscheidung, dieses Auslandsjahr zu machen. Ich konnte mir ein eigenes Bild machen von einem Land, das wohl sehr vorbelastet ist durch die Medien. Und daher bin ich sehr dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen.

Diesen Sommer geht es weiter mit meinem Abenteuer China: Ich werde mit einer guten Freundin eine Rundreise quer durch das Land machen. Die Flugtickets sind bereits gebucht. Von Hong Kong über Tibet und Chengdu bis nach Deyang zu meiner chinesischen Familie, auf die ich mich sehr freue. Und am Ende der Reise wollen wir noch für einige Tage nach Shanghai. Ich weiß schon jetzt, dass mir der Abschied aus China wieder nicht leicht fallen wird, doch mein Leben findet zurzeit nun Mal in Deutschland statt. Und erst während meines Auslandsjahres habe ich gelernt, alles hier zu schätzen: meine Familie, meine Freunde und alles, was ich habe.

Katharina Wedel ist 17 Jahre alt und geht in die elfte Klasse des Wilhelm-Löhe-Gymnasiums in Nürnberg.

Fotos: ©Katharina Wedel



www.afs.de/schueleraustausch.html
Mehr über die Austauschprogramme des AFS

http://de.wikipedia.org/wiki/Deyang
Infos von Wikipedia zu Deyang





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