t

Außer Dienst

Wenn die Frage Armee oder Gefängnis heißt

1.2.2011 | Timo Vogt | Artikel drucken

Was passiert, wenn junge Menschen vor der Frage stehen, in die Armee zu gehen oder oder ihrem Gewissen zu folgen? In Israel, Armenien oder der Türkei werden gerade erst erwachsen Gewordene zum Militärdienst eingezogen. Der Staat ruft sie und sie haben keine Wahl. Keine Wahl? Es sind einige wenige Frauen und Männer, die ihren Überzeugungen den Vorrang geben.

In der türkischen Armee werden auch Wehrdienstleistende im Osten des Landes in kriegerischen Auseinandersetzungen mit kurdischen Aufständischen eingesetzt. Mehmet Tarhan wollte sich vor allem der gewalttätigen militärischen Logik verweigern und leistete den Dienst nicht ab. Als "Terrorist" wurde er ins Gefängnis gesteckt.

Karen Smbatyan ist Zeuge Jehovas und daher der Gewaltfreiheit verpflichtet – und seiner Religion, in der er "nur einem Herrn dienen" darf. In seiner Heimat Armenien sitzen jedes Jahr bis zu 80 junge Männer ein, die zu zwei bis drei Jahren Haft verurteilt wurden, weil sie den Armeedienst aus religiösen Gründen nicht leisten können.

Israel fordert von Frauen und Männern gleichermaßen den Dienst am eigenen Land. Doch die Besetzung der palästinensischen Gebiete durch die israelische Armee lässt einige Schulabgänger offen an der Richtigkeit dieses Tuns zweifeln. Ohne Alternativdienst bleibt ihnen nur der Weg ins Militärgefängnis, bis sie aus "psychologischen Gründen" als wehruntauglich entlassen werden.

Drei Geschichten von Menschen, die partout nicht in eine Uniform steigen wollen. Der Fotograf Timo Vogt besuchte sie in Armenien, Israel und der Türkei. Vogt erzählt von ihren Gründen und den Konsequenzen ihrer Entscheidung. Seine Bilder entstanden an der israelischen Grenze, bei Militärparaden in der Türkei oder in den Schützengräben in Berg-Karabach.

Jesaja sagt in Kapitel 2,4, alle Menschen sollen Schwerter und Waffen niederlegen und sie zu Pflugscharen machen. Gott fordert alle Nationen auf, keine Kriege zu führen. Ich folge dem und will nicht an Waffen ausgebildet werden.

Karen Smbatyan, Armenien

 

 

Um ein Uhr begann die Verhandlung. Ich war gut vorbereitet und brachte alle Gründe für meine Kriegsdienstverweigerung vor. Ich erklärte, wenn es einen zivilen Dienst gäbe, würde ich sofort zur Ableistung bereit sein. Danach lächelte der Richter und bat, dass ich mich setze. Er zog sich zur Urteilsfindung zurück. Nach fünf Minuten kam er wieder und verkündete das Urteil. Ich wurde zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilt.

Karen Smbatyan, Armenien

Im Gefängnis gab es Tische, die am Boden festgeschraubt waren. Sie bestanden aus Eisen, mit Holzleisten bestückt. In den Ritzen zwischen Eisen und Holz tummelten sich Kakerlaken. Die ersten Tage erschreckte uns das und wir sagten: "Was für eine Hölle." Doch nach einem Monat im Gefängnis riefen wir zynisch: "Hey, schau mal, die Kakerlaken sind wieder da!"

Karen Smbatyan, Armenien

 

Als Mädchen, das sich behaupten will, wollte ich unbedingt in eine Kampfeinheit, um den Leuten zu zeigen, dass auch Mädchen das können. Ich war, was man auf Hebräisch "Murelet" nennt. Ich hatte sozusagen "glühende Augen", wenn ich nur an unsere Armee dachte.

Or Ben David, Israel

 

Die Gründe für meine Verweigerung? Zunächst einmal beschützt uns die israelische Armee nicht wirklich. Sie ist vielmehr eine Besatzungsarmee. Und dann ist die Armee ein patriarchaler Ort. Dort herrschen Männer, Mädchen werden vergewaltigt oder zumindest sexuell belästigt. Als Feministin will ich kein Teil eines so patriarchalen und gewalttätigen Systems sein.

Or Ben David, Israel

Ich glaubte, dass Palästinenser gefährlich seien. Dann traf ich Leute, die in der Westbank gewesen waren und mit Palästinensern gesprochen hatten. Ich habe mich total gewundert, dass sie nicht hinterrücks erstochen worden waren. Als ich später bei einer Demonstration in der Westbank war, sprach ich zum ersten Mal selbst mit Palästinensern … Wow, immer wenn ich daran denke, bin ich richtig glücklich, diesen Schritt gemacht zu haben.

Or Ben David, Israel

Ich erlebte den Bürgerkrieg 1995 hautnah mit. Ich musste Musterungen im Namen des Staates durchführen. Ich sah nicht nur, was die Armee tat. Ich spürte auch, was es bedeutet, unter dem Kommando einer organisierten Gewalt und der ständigen Drohung der Gewaltanwendung zu stehen. Das ist letztlich der für mich entscheidende Grund gewesen, den Kriegsdienst zu verweigern.

Mehmet Tarhan, Türkei

 

Die Leitung des Militärgefängnisses hatte offenbar schon einen Plan für mich. Den Gefangenen wurde gesagt, dass ich ein Terrorist sei. Die Wärter begleiteten mich nur bis zum Anfang des Ganges und schlossen die Tür hinter mir ab. Alle Gefangenen, es waren inhaftierte Soldaten, warteten schon auf mich. Ich wurde erst mal stundenlang verprügelt.

Mehmet Tarhan, Türkei

 

Ich kann jederzeit wieder angeklagt und verhaftet werden. Dann geht das übliche Verfahren bei Kriegsdienstverweigerern wieder von vorne los. Aber ich würde es auf jeden Fall wieder machen. Ich will auf keinen Fall Teil dieses Militärsystems sein.

Mehmet Tarhan, Türkei

 

 

Die 45-minütige Audioslide "… aber hat nicht gedient – Junge Menschen verweigern den Krieg" ist jetzt als DVD mit einem umfangreichen Booklet im Trotzdem Verlag erschienen. Mitte Februar wird der Fotograf damit auf eine Deutschland-Tour gehen.

Fotos: ©Timo Vogt



Informationen des Auswärtigen Amtes zu Israel, Türkei, Armenien