t

Alles wankt

Zu Besuch im schwimmenden Dorf

27.3.2010 | Marcus Kuhn | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 24994

Image 24994


Seit drei Monaten trampe ich nun durch die Welt. Ein Jahr soll es werden, mindestens. Mit dem Bachelor in der Tasche folgte ich der Straße – von Norddeutschland aus nach Osteuropa, in die Türkei und schließlich landete ich im Iran. Die Weiterreise nach Pakistan war leider nicht möglich, so flog ich nach Bangkok und landete in Kambodscha. In den letzten Monaten habe ich wirklich seltsame Dinge gesehen. Doch die Tage auf dem Tonle-Sap-See waren doch etwas sehr Besonderes.

Generell vermeide ich auf meiner Reise touristische Plätze so weit wie möglich und suche immer erst mal den direkten Kontakt zu den "Locals". Da kam es mir gerade recht, dass ein Entwicklungshelfer mir von einem unerschlossenen schwimmenden Dorf erzählte. Auch den Weg dahin konnte er mir beschreiben: "Du musst einfach der Straße 30 Kilometer lang folgen und dann geht es links ab." Alles klar.
 

Image 24996

Image 24996

Als der Weg auf den letzten Metern plötzlich im Wasser endete, war ich aber schon etwas verblüfft. Das schwimmende Dorf zieht mit sinkendem Wasserpegel in Richtung Mitte des Sees, das wusste ich schon. Zu Fuß konnte ich also nicht an mein Ziel kommen. Ich mietete ein kleines Boot mit Fahrer, und der brachte mich in die engen Gassen der Wasser-Siedlung. Gleich am Anfang rammte er kräftig ein anderes Gefährt, das um die Ecke geschossen kam. Es war schon ein seltsames Gefühl, so herumkutschiert zu werden. Irgendwie hatte das etwas von einem Zoo-Besuch.

Einladung zum Tütenschnaps

Doch das Schicksal war auf meiner Seite. Fünf Männer prosteten sich gerade mit Tütenschnaps zu. Sie sahen mich, lachten und winkten mich zu sich. Unter den Flüchen meines Bootskapitäns sprang ich hinüber und machte den Männern mit Hand und Fuß deutlich, dass ich hierbleiben wollte. Zustimmendes Gelächter. Hatten sie verstanden, was ich wollte? Ich bezahlte schnell das Boot, nur Sekunden später war es schon hinter einem schwimmenden Telefonshop verschwunden.
 
Da war ich nun! Meine Interpretation der Lage war zum Glück richtig: Die Männer waren hell erfreut über meine Anwesenheit und ich musste mit ihnen trinken. Englisch war Fehlanzeige. Glücklicherweise hatte ich mir vor der Reise einige Zaubertricks angeeignet und so konnten wir nonverbal kommunizieren. Außerdem brachte mir die Show eine Einladung zum Abendessen ein.

Die Nacht wurde ich wegen des erheblichen Platzmangels in den Hausbooten in der Schulkirche untergebracht. Dort empfing mich der Pfarrer, der gleichzeitig auch Englischlehrer des Ortes war, so herzlich, dass ich sofort beschloss, mindestens noch eine Nacht zu bleiben.

Rätselhaftes Nichtstun

Image 24995

Image 24995

Am nächsten Tag hatte ich Gelegenheit, das Dorf etwas zu erkunden. Insgesamt leben hier um die 7.000 Menschen auf 1.000 Hausbooten – teils zu fünft in Räumlichkeiten, die nicht größer sind als in Deutschland eine kleine Studentenbude. Geschlafen wird in Hängematten. Das ist platzsparend, denn die Hängematten kann man tagsüber einfach losbinden. Das macht aber fast niemand. Denn am Tag wird hauptsächlich auf den Booten herumgelungert oder die Nachbarn werden besucht. Mir wurde mal wieder vor Augen geführt, dass Langeweile ein Problem der modernen Welt ist.
 
Wovon die Menschen hier leben? Ich weiß es nicht. Natürlich gab es einige Läden, Tankstellen, Werkstätten und sogar ein Café. Aber meine Vermutung, dass diejenigen, die nicht dort arbeiten, Fischer sind, bestätigte sich nicht. Dafür machte ich eine andere interessante Entdeckung: Unter jedem Hausboot befand sich eine Netzkonstruktion mit jeder Menge lebender Fische, die man gemütlich durch den Fußboden beobachten konnte. Ob es sich dabei um eine geschickte Reusenkonstruktion handelte oder ob das Ganze eine lebende Vorratskammer war, blieb mir ein Rätsel. Die schlechten Englisch-Kenntnisse meines Freundes, des Pfarrers, halfen mir bei der Lösung wenig.
 

140.jpg

140.jpg

Und wenn mal die Blase drückt, stellt man sich einfach an die Reling, ab ins Wasser damit. Die Frauen sind auf eine Luke im Boot angewiesen, mitten auf die Fische, die dann später gegessen werden. Ganz geschickt ist auch das System für die Müllentsorgung, es wird nämlich einfach alles in das Wasser geworfen. Wenn das Wasser zu dreckig wird und anfängt zu stinken, bewegt sich das schwimmende Dorf einfach weiter. Das macht es dann ungefähr 25 Mal im Jahr.
 
Englisch für Anfänger

Morgens und abends hatte ich die Ehre, Englisch zu unterrichten. Wunderbar! Voller Enthusiasmus saugten die Kinder jedes Wort auf. In der Pause rannten sie andauernd um die Schule herum, die das wohl größte Schiff ist und die einzige Möglichkeit bietet, mal wirklich zu beschleunigen. Vor und nach den Stunden kommt ein Imbissboot vorbei. Vor Ort wird ein Eisblock kleingeschabt und mit Sirup versehen – fertig ist der Eisshake.
 
Am dritten Tag kam Bewegung in das Dorf. Ein Boot nach dem anderen rückte Richtung Seemitte. Zeit für mich, zu gehen. Ich werde sicher noch oft an diese netten Menschen denken, die mich zum Essen, zum Spielen und zu dem widerlichen Schnaps aus Plastiktüten einluden. Zu gerne würde ich meinen Pastor noch einmal besuchen – aber das Dorf ist immer in Bewegung und auf keiner Karte eingezeichnet.
 
Marcus Kuhn, 24, ist weltreisender Reporter und Gelegenheitsautor für den Eisbrecher. http://www.der-eisbrecher.de
 
Fotos: ©Marcus Kuhn



http://de.wikipedia.org
Infos zum Tonle-Sap-See auf Wikipedia

www.bpb.de
BpB-Artikel zur Friedenskonsolidierung in Kambodscha
 
http://angkor-net.de
Fotogalerie zu Angkor in Kambodscha – Angkor Wat ist die größte Tempelanlage der Welt.
 
http://liportal.inwent.org
Infos zur politischen Lage Kambodschas




Kommentare

Dein Kommentar