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Yermis Reise

Eine Fahrt von Israel nach Ramallah

29.3.2010 | Marlene Halser | Artikel drucken


Yermi Brenner steht mit seinem Auto in der Schlange am Checkpoint und hat Angst. Angst vor der Ungewissheit dessen, was ihn erwartet, Angst vor den Bildern in seinem Kopf. Zum ersten Mal in seinem Leben fährt der 29-jährige Israeli in das von Palästinensern kontrollierte Westjordanland. Nach Ramallah, in die temporäre Hauptstadt der Palästinenser, in die sich im Oktober 2000 zwei israelische Reservesoldaten verirrten. Eine wütende palästinensische Menschenmenge schlug den beiden die Schädel ein und schleifte ihre Leichen triumphierend durch die Stadt. Seitdem hat sich einiges verändert: Israel errichtete eine Sperranlage zwischen sich und dem Westjordanland. Palästinensische Selbstmordanschläge hat es in Israel seit Jahren nicht mehr gegeben. Trotzdem umklammern Yermis Hände angespannt das Lenkrad, während er langsam auf den Checkpoint zwischen Jerusalem und Ramallah zurollt. Als sich ein junger israelischer Soldat mit Maschinengewehr und grünem Helm ans Fenster beugt, ruft er erleichtert: "Hallo! Wie geht's!" Dann winkt der Soldat ihn durch. Yermi hat das israelische Staatsgebiet verlassen.

Yermi Brenner wohnt in einem Kibbuz nahe der israelischen Küstenstadt Ashdod. Im Ausland war er schon oft, hat Indien, China und Europa bereist. Im Westjordanland, das Israel 1967 im Sechs-Tage-Krieg eroberte und besetzte und das nur 67 Kilometer östlich von seiner Haustür beginnt, war Yermi noch nie. Seit seiner Kindheit wurde er vor den Palästinensern gewarnt. Sie seien gefährlich, sagten ihm Lehrer/innen, Eltern, Nachbarn/innen und Bekannte; Terroristen, denen es am liebsten wäre, die Juden würden aus dem Land verschwinden. Araber/innen, auch solche, die als israelische Staatsbürger/innen im Land leben, kannte Yermi bis vor kurzem nicht. Erst auf neutralem Boden ergab sich ein Kontakt: "Bei einem Austauschprogramm in Deutschland habe ich die ersten Palästinenser kennen gelernt", erzählt er. "Wir haben uns gut verstanden." Damit hat Yermi den meisten seiner Landsleute etwas voraus. Die Mehrheit der jungen Israelis begegnet Palästinensern/innen erstmals während des Militärdienstes, bewaffnet und verantwortlich für einen Checkpoint im Westjordanland oder auf der Suche nach Terrorverdächtigen. Keine gute Gelegenheit für ein Gespräch. 

Jenseits des Checkpoints beginnt das Verkehrschaos. Kaum hat Yermis Wagen die meterhohe graue Betonmauer passiert, die links und rechts des Checkpoints beginnt, scheinen sämtliche Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt. Ein pausbäckiger arabischer Junge hat sich selbst zum Verkehrspolizisten ernannt und winkt die ankommenden Autos eilfertig in den mehrspurigen Stau. Als Yermis Wagen neben ihm zum stehen kommt, strahlt der Junge. "Hello! Good afternoon! How are you?", ruft er und reckt Yermi die Hand zum Gruß entgegen. Yermi zögert einen Moment, dann kurbelt er entschlossen die Scheibe herunter und drückt dem Araber die Hand. "Danke, Mann! Mir geht's gut, und dir?", antwortet er auf Englisch. Dann setzt sich der Wagen vor ihm in Bewegung und Yermi kurbelt die Scheibe eilig wieder hoch. "Ob er wohl auch so freundlich gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass ich Israeli bin?", fragt er und atmet erleichtert auf. Die Angst, die Yermi mit sich trägt, ist diffus und sitzt tief. Mit rationalen Argumenten ist ihr nicht beizukommen. "Irgendwie denke ich, wenn sie herausfinden, dass ich Israeli bin, dann bringen sie mich um", sagt er. Auf einem Betonblock neben der Straße steht in hebräischen Buchstaben: "Zutritt für Israelis verboten".

Dass Yermi dennoch ins Westjordanland fahren darf, liegt an seinem Beruf. Yermi ist Videojournalist. Einer seiner Interviewpartner hat in Ramallah sein Büro. Da Palästinenser/innen ohne Sondergenehmigung nicht nach Israel einreisen dürfen, muss Yermi für das Interview einen Checkpoint passieren. Dafür hat er eine Sondergenehmigung beim israelischen Militär beantragt. Eine Hürde, die nicht viele israelische Journalisten/innen für ihre Berichterstattung auf sich nehmen. "Israelische Fernsehteams haben palästinensische Kameramänner, die für sie im Westjordanland oder in Gaza arbeiten", erklärt Yermi. "Dass israelische Journalisten heutzutage einfach so nach Ramallah fahren, ist nicht üblich." Weil Yermi freiberuflich arbeitet und kein Team zur Verfügung hat, muss er selbst fahren, wenn er auf das Interview nicht verzichten will.

Yermi Brenner

Freude auf das Gefühl danach

Kurz hinter dem Checkpoint, als der Verkehr langsam wieder zu fließen beginnt, steht wie vereinbart ein schwarzer Wagen am Straßenrand. Aus Sicherheitsgründen hatte Yermi seinen Gesprächspartner um Geleitschutz gebeten. Der Fahrer winkt und fährt ihm voraus. Das Interview läuft gut. Yermis Gesprächspartner ist ein stiller, freundlicher Mann, der sachlich seinen Standpunkt vertritt. Nach dem Gespräch erklärt er Yermi im Plauderton, woher die Wimpel und Bilder in seinem Büro stammen. Eine junge Frau mit Kopftuch serviert süßen arabischen Kaffee. "Wenn alle Palästinenser so sind wie er, dann kann ich mir vorstellen, dass wir doch irgendwann Frieden schließen", sagt Yermi nach dem Gespräch erstaunt. "Der Mann war sehr reflektiert und hat seine Kritik an der israelischen Besatzungspolitik rational formuliert. Mit so jemandem kann man verhandeln."

Ins Zentrum von Ramallah will Yermi trotzdem nicht fahren – auch wenn er für seinen Beitrag Aufnahmen aus den belebten Straßen bräuchte. Zu sehr haben sich die Bilder von den beiden zu Tode geprügelten Reservisten eingebrannt. Das Display seines Handys blinkt: eine SMS von seiner Mutter, die wissen will, wie es ihm geht. Die Familie ist besorgt. Am Abend zuvor haben ihn die Brüder noch mal angerufen. Ramallah ist ein belebtes Geschäftszentrum. Viele, aber nicht alle Frauen auf den Straßen tragen ein Kopftuch. Ausländische Touristen/innen werden freundlich begrüßt. Das alles kann Yermi nicht locken. "Ich fühle mich zwar nach dem Interview schon viel sicherer als noch gestern Abend", sagt er. In der Nacht zuvor habe er aus Sorge noch lange wach gelegen. "Aber die Vorstellung, mit den Palästinensern auf der Straße sprechen zu müssen, erschreckt mich." Es ist die unkontrollierte Masse, die ihn ängstigt. Er wolle es jetzt nur noch schnell hinter sich haben, sagt er und steigt ins Auto. "Ich freue mich auf das Gefühl danach", auf die Erleichterung.

Marlene Halser ist freie Journalistin. Seit Oktober 2009 ist sie Stipendiatin der Herbert-Quandt-Stiftung “Trialog der Kulturen” an der Hebrew University, Jerusalem, Israel.

Fotos: ©Marlene Halser



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Von "arabische Israelis" bis "Zionismus". Das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung widmet sich ganz dem Staat Israel, seiner Geschichte, Politik und Gesellschaft.