Der Mensch, an dem der eigentlich grundoptimistische Franz zugrunde geht, heißt Reinhold. Reinhold ist ein Kleinkrimineller, der Franz Freundschaft vorgaukelt und dabei dessen Gutmütigkeit und Naivität ausnutzt. Franz, der allein und einsam ist, wird angewiesen sein auf den Hallodri – das weiß und fürchtet man als Leser/in. Gut, dass später eine Freundin kommt, ein Vorstadtmädchen, das Franz liebevoll Mieze nennt. Das Leben scheint perfekt: Mieze geht für Franz auf den Strich, der hat seinen Schwur, anständig zu bleiben, verdrängt. Nur so scheint das Überleben in der Gegend zwischen Scheunenviertel, Spandauer Vorstadt und Rosenthaler Vorstadt bis zum Alexanderplatz im Berlin der 20er-Jahre möglich.
Döblin verleiht der unausweichlichen Tragödie, die am Ende in einer Farce endet, Nachdruck, indem er sie mit expressionistisch wirkenden Bibelstellen unterlegt. Schreckliche Engel sind unter den Menschen, die "Hure Babylon“ reitet durch die Stadt, Berlin verwandelt sich in "Sodom“, die biblische Stadt, die Gott aus Zorn über die Verfehlungen der Menschen untergehen ließ.
Stehaufmännchen
Der Proletarier, an dem Döblin diese Großstadthöllenqualen durchexerziert, ist dabei ein einfaches, berlinerisches Gemüt, das gerne Bier und Schnaps kippt, Frauen liebt und dem es egal ist, ob er Schnürsenkel, Pornohefte oder den Völkischen Beobachter, die Zeitung der Nationalsozialisten, verkauft. Nur dass er sich dann mit den Kommunisten kloppen muss, mit denen er früher Lieder gesungen hat. Aber Franz singt eben gerne, auch das von den Kommunisten verpönte "Guter Kamerad" - das bringt ihm an einer Stelle des Romans in eine gefährliche Situation. Wenn es heikel wird, findet Franz aber meist eine Lösung. Er lässt sich schlagen - und steht wieder auf, wie das bauchige Stehaufmännchen, das er im Bauchladensortiment verkauft.
Aber es kommt in dem langen, ausführlichen, spannenden Roman immer noch dicker und dicker. Mieze, das liebe Mädchen, wird vergewaltigt und ermordet. Franz dreht durch und kommt in die Irrenanstalt. Als er herauskommt, ist er ein braver Bürger der Gesellschaft, brainwashed, ein typischer Mitläufer der herannahenden Nazi-Zeit. Als Leser/in kann man sich auch einen anderen Schluss ausdenken. Dazu laden Döblins Autoren-Kommentare im Text geradezu ein. Und man kann auch, übrigens, den Roman an irgendeiner Stelle anfangen zu lesen, wieder aufhören, später wieder woanders einsteigen. Die Mühe lohnt sich: Wer "Berlin Alexanderplatz“ liest, erfährt nicht nur viel über Deutschland und Berlin und die menschliche Natur im Allgemeinen und Besonderen, sondern erfährt auch, was Literatur sein kann: ein großes, schönes, unergründliches Wunder.
Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
(dtv 2002, 9 €)
Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin und besitzt auch eine englischsprachige Ausgabe von "Berlin Alexanderplatz" - für alle Fälle.
Foto: © Ole Brömme
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