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Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz

Menschen in der Großstadt

1.10.2004 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Gegenüber dem Alexanderplatz, auf einem hässlichen Geschäftsgebäude aus DDR-Zeiten, stehen seit vielen Jahren versprengte Zeilen, jeder halbmetergroße Buchstabe auf eine Fensterscheibe geklebt, die so enden: "Nächstes Jahr, 1929, wird es noch kälter.“ Als der Schriftsteller Alfred Döblin das 1928 in seinen Roman "Berlin Alexanderplatz“ schrieb und ihn kurz danach zum Druck freigab, konnte er nicht wissen, wie prophetisch dieser Satz war: Im Oktober 1929 sauste die New Yorker Börse in eine beispiellose "Baisse“, die bald die gesamte westliche Welt erfasste. In Deutschland stieg die Zahl der Arbeitslosen bis Anfang 1933 von 1,3 auf 6 Millionen – die Unzufriedenheit mit der Politik der Weimarer Republik in Kombination mit der Weltwirtschaftskrise verschaffte Hitlers NSDAP bei den Reichstagswahlen im September 1930 einen erdrutschartigen Erfolg, den sie bis zur Machtergreifung 1933 erfolgreich ausbaute.

Schneller Welterfolg


Döblins Roman, der die Stimmungen dieser Zeit kurz vor der Krise, die 20er-Jahre in Berlin, so kunstvoll und gleichzeitig so populär und verständlich wiedergab, wie es noch nie davor gemacht worden war, wurde ein Welterfolg. Er wurde schon 1931 verfilmt, als eher mäßig vorlagengetreues UFA-Spektakel, das mit hervorragenden Schauspielern und Originalschauplätzen glänzte. Die kongeniale Verfilmung gab es erst von Rainer Werner Fassbinder Ende der 70er-Jahre, als dreizehnteilige TV-Serie mit Epilog; ein Flop in Deutschland, aber ein Riesenerfolg in den USA. Fassbinder, der Döblins Roman als Jugendlicher las und sofort liebte, benutzte den Namen Franz Biberkopf oder einfach Franz - die Hauptperson in "Berlin Alexanderplatz“ - in vielen seiner Filme für die Figuren, die er selber spielte.
In diesem Franz Biberkopf, groß, schwer und kräftig, einem einfachen Arbeiter (“Möbeltransportör“), der aus dem Zuchthaus entlassen wird und versucht, wieder Fuß zu fassen in der Arbeitswelt und einer bürgerlichen Existenz, spiegelt sich der ganze 500-Seiten-Roman: die Großstadt Berlin mit ihren Reklamen und vollgepropften Hinterhäusern; die politischen Strömungen der Zeit, und auch die Grausamkeit der menschlichen Existenz, um die es Döblin letztlich geht. Der Mensch geht am Menschen zugrunde, das ist die Idee und das Fazit von "Berlin Alexanderplatz“.

Schwankende Gestalten

Der Mensch, an dem der eigentlich grundoptimistische Franz zugrunde geht, heißt Reinhold. Reinhold ist ein Kleinkrimineller, der Franz Freundschaft vorgaukelt und dabei dessen Gutmütigkeit und Naivität ausnutzt. Franz, der allein und einsam ist, wird angewiesen sein auf den Hallodri – das weiß und fürchtet man als Leser/in. Gut, dass später eine Freundin kommt, ein Vorstadtmädchen, das Franz liebevoll Mieze nennt. Das Leben scheint perfekt: Mieze geht für Franz auf den Strich, der hat seinen Schwur, anständig zu bleiben, verdrängt. Nur so scheint das Überleben in der Gegend zwischen Scheunenviertel, Spandauer Vorstadt und Rosenthaler Vorstadt bis zum Alexanderplatz im Berlin der 20er-Jahre möglich.

Döblin verleiht der unausweichlichen Tragödie, die am Ende in einer Farce endet, Nachdruck, indem er sie mit expressionistisch wirkenden Bibelstellen unterlegt. Schreckliche Engel sind unter den Menschen, die "Hure Babylon“ reitet durch die Stadt, Berlin verwandelt sich in "Sodom“, die biblische Stadt, die Gott aus Zorn über die Verfehlungen der Menschen untergehen ließ.

Stehaufmännchen

Der Proletarier, an dem Döblin diese Großstadthöllenqualen durchexerziert, ist dabei ein einfaches, berlinerisches Gemüt, das gerne Bier und Schnaps kippt, Frauen liebt und dem es egal ist, ob er Schnürsenkel, Pornohefte oder den Völkischen Beobachter, die Zeitung der Nationalsozialisten, verkauft. Nur dass er sich dann mit den Kommunisten kloppen muss, mit denen er früher Lieder gesungen hat. Aber Franz singt eben gerne, auch das von den Kommunisten verpönte "Guter Kamerad" - das bringt ihm an einer Stelle des Romans in eine gefährliche Situation. Wenn es heikel wird, findet Franz aber meist eine Lösung. Er lässt sich schlagen - und steht wieder auf, wie das bauchige Stehaufmännchen, das er im Bauchladensortiment verkauft.

Aber es kommt in dem langen, ausführlichen, spannenden Roman immer noch dicker und dicker. Mieze, das liebe Mädchen, wird vergewaltigt und ermordet. Franz dreht durch und kommt in die Irrenanstalt. Als er herauskommt, ist er ein braver Bürger der Gesellschaft, brainwashed, ein typischer Mitläufer der herannahenden Nazi-Zeit. Als Leser/in kann man sich auch einen anderen Schluss ausdenken. Dazu laden Döblins Autoren-Kommentare im Text geradezu ein. Und man kann auch, übrigens, den Roman an irgendeiner Stelle anfangen zu lesen, wieder aufhören, später wieder woanders einsteigen. Die Mühe lohnt sich: Wer "Berlin Alexanderplatz“ liest, erfährt nicht nur viel über Deutschland und Berlin und die menschliche Natur im Allgemeinen und Besonderen, sondern erfährt auch, was Literatur sein kann: ein großes, schönes, unergründliches Wunder.

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
(dtv 2002, 9 €)




Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin und besitzt auch eine englischsprachige Ausgabe von "Berlin Alexanderplatz" - für alle Fälle.

Foto: © Ole Brömme



www.alfred-doeblin.de
Die Website der "Internationalen Alfred Döblin-Gesellschaft"

www.ub.fu-berlin.de
Nützliche Linksammlung zu Alfred Döblin von der Freien Universität (FU) Berlin

www.dhm.de/lemo/
Mehr über "Berlin Alexanderplatz" mit vielen Verlinkungen im "Virtuellen Museum Online"




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