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Die neuen Grafikdesign-Magazine

Gute Schrift, richtige Anordnung

22.5.2010 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken
In "Die neue Typographie", einem "Handbuch für zeitgemäß Schaffende", schlug der deutsche Typograf und Gestalter Jan Tschichold 1928 eine weit reichende Vereinheitlichung im Zeitschriftendesign vor. "Wer je viele Zeitschriften las und zu verarbeiten hatte", schrieb Tschichold, "kennt den Hauptfehler aller Zeitschriften zur Genüge: die mangelnde Einheitlichkeit ihrer Formate. Da es bis vor einiger Zeit keine Norm hierfür gab, konnte man ein beliebiges Zufallsformat wählen. Jeder weiß, wie unangenehm sich dies bei der Aufbewahrung und Ordnung der Zeitschriften bemerkbar machen kann."

Ein Glück, befand Tschichold, dass der Deutsche Normenausschuss (das heutige Deutsche Institut für Normung, kurz DIN) nun endlich die Zeitschriften im Format A4 genormt hatte, und mit ihnen Satzspiegel, Spaltenbreite und Klischeegröße: "Die vielfach gesuchte Individualität im Aussehen einer einzelnen Zeitschrift erscheint von höheren Gesichtspunkten aus gänzlich verfehlt. Die Normung der Zeitschriften ist ein wichtiger und notwendiger Schritt auf dem Wege zu einer höheren Ökonomie der geistigen Arbeit."
 
Diese auf Funktionalität ausgerichtete gestalterische Haltung Tschicholds sah also von jenen Aspekten ab, die heute zu den Voraussetzungen einer erfolgreichen Zeitschriftengründung zählen: Originalität, Individualität, Singularität des Produktes – also das, was eine Zeitschrift gestalterisch unverwechselbar macht.

Graphic Cover

Form und Inhalt als Einheit

Dass Tschichold zu jener Zeit über das Design von Zeitschriften nachdachte, ist kein Zufall: Gerade im Deutschland der 1920er-Jahre gab es eine Reihe von Zeitschriften, die sich mit gestalterischen Fragen auseinander setzten. Unter anderem auch, weil die technischen Neuerungen der Zeit diese Fragen erst möglich machten.
 
1925 deklarierte Tschichold in einem von ihm herausgegebenen, völlig neuartig gestalteten Sonderheft der Zeitschrift Typographische Mitteilungen – der Zeitschrift des Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker – nicht nur seine Thesen von einer "elementaren Typographie", sondern stellte darin auch damals als radikal und avantgardistisch geltende Gestalter wie El Lissitzky, Herbert Bayer oder László Moholy-Nagy vor. Für die Entwicklung von Designzeitschriften nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international markiert dieses Sonderheft einen entscheidenden Punkt. Denn hier wurde erstmals das Design eines Heftes mit dessen Inhalt zusammengedacht.
 
Auch die Zeitschrift Gebrauchsgraphik, die ab 1923 in Berlin herausgegeben wurde und sich eher mit dem werblichen Bereich des Grafikdesigns beschäftigte, gehörte zu den bemerkenswerten Design-Magazinen dieser Zeit. Ebenso wie die ab 1929 herausgegebene Zeitschrift die neue linie, die zwar eher ein Lifestyle-Magazin war, aber, da sie den Ideen des Bauhaus' verpflichtet war, immer wieder auch Design thematisierte.

Slanted Cover

Parallele Entwicklungen

Tschicholds Vorstellung von einer genormten Zeitschriftenwelt erscheint heute abenteuerlich. Nicht nur, weil durch die Entwicklung heutiger Produktionstechniken die damaligen Probleme für Layout und Gestaltung nichtig geworden sind. Sondern auch, weil heute ein sehr dynamischer Markt von Magazinen zu, mit und über Grafikdesign beweist, dass immer neue gestalterische Varianten von Printmagazinen möglich sind – auch in Zeiten des Internets.
 
Dabei läuft die Entwicklung von Grafikdesign-Magazinen parallel mit der Entwicklung des Internets mit seinen Designblogs, -tweets oder Facebookgruppen: Slanted etwa, ein Printmagazin, das seit 2005 in Karlsruhe herausgegeben wird, widmet sich in der aktuellen, der 10. Ausgabe unter dem Titel "Heavy Metal. Lovers" ganz der typo- und fotografischen Ästhetik von Schwermetallkulten. Der bereits seit 2004 betriebene Slanted-Blog dient weniger als Ergänzung zum Heft, sondern funktioniert als eigenständiges Format und gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Blogs zum Thema Grafikdesign.

Verknüpfung von Print und Online

Eine andere Verknüpfung von Internet und Print, diesmal auf internationaler Ebene, fand kürzlich zwischen dem viel beachteten, von Charlotte Cheetham seit 2007 in Paris herausgegebenen, englisch-sprachigen Grafikdesignblog Manystuff und dem gleichzeitig auf Koreanisch und Englisch erscheinenden Printmagazin GRAPHIC statt. GRAPHIC wird in Seoul produziert und in Europa immer breiter vertrieben.
 

Page Cover

In seiner Ausgabe vom Winter 2009 veröffentlichte das südkoreanische Magazin alle 1945 Postings, die bis dato auf Manystuff erschienen waren – allerdings leider fast ganz in Schwarz und Weiß. Mit erstaunlich eurozentrischem Blick behandelt das vierteljährlich erscheinende GRAPHIC auch in seiner aktuellen, 13. Ausgabe das Thema "Visual Identity": Unter anderem werden hier Berliner Designer/innen und Designagenturen wie Milchhof oder Manuel Raeder zum "Identitätsdesign" befragt und mit entsprechenden Entwürfen vorgestellt.
 
Natürlich bieten auch Magazine mit hoher Auflage und großer Verbreitung wie die in Hamburg herausgegebene, deutschsprachige PAGE ("Ideen und Know-how für Design, Werbung, Medien") oder der internationale Branchenführer Eye ("The International Review of Graphic Design") auf ihren Websites eine publizistische Weiterführung ihrer Hefte. Eye und PAGE gehören für die meisten Designer/innen zur Pflichtlektüre. PAGE, ein typisches "Branchenmagazin", nicht zuletzt wegen Softwaretipps, Wettbewerbsmeldungen, eher knapp gehaltener Ausstellungsbesprechungen, Buchrezensionen und geschmeidiger Heftthemen. Eye wegen der kenntnisreichen, mit Designtheorie unterfütterten Vorstellungen neuer Designströmungen und wegen des Aufgreifens historischer Themen.

Neuwerk Cover

Nachschub aus den Kunstakademien

Neue, interessante Entwicklungen von Grafikdesign-Magazinen kann man derzeit auch an den Akademien beobachten, entweder im Rahmen von Designstudiengängen oder als Resultate von Studierenden-Initiativen. Hier werden zuweilen Themen lanciert, die in den großen kommerziellen Formaten keinen Platz fänden.

Neuwerk etwa, "Zeitschrift für Designwissenschaft", ein Magazin, das in der Schriftenreihe der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale veröffentlicht wird, ist als Resultat aus dem dortigen Masterstudium der Design Studies hervorgegangen. In der ersten Ausgabe 2009 fragte sie nach dem Aufeinandertreffen von "Oberflächen" und "Untersichten". Zumeist junge Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Design, Designforschung und Designwissenschaft beschreiben hier in theoretischer Dichte und entsprechender thematischer Unschärfe Problemstellungen der Gestaltung. Für die zweite Ausgabe, die im November 2010 erscheinen soll und sich dem Thema "X mal Nutzen" widmet, können derzeit noch Artikelvorschläge eingereicht werden.
 
Martin Conrads lebt als freier Autor in Berlin und lehrt Visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.

Foto, oben: ©MisterQM /
photocase.com
Coverabbildungen: ©Verlag


Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_neue_linie
Mehr über die neue linie

www.slanted.de
Slanted-Heft
 
www.slanted.org
Slanted-Designblog
 
http://manystuff.org
Manystuff
 
www.graphicmag.kr
GRAPHIC-Magazin
 
www.eyemagazine.com
Eye-Seite
 
www.page-online.de
PAGE im Netz
 
www.neuwerk-magazin.com
Neuwerk online
 
www.fontblog.de
Fontblog – ein weiterer wichtiger deutschsprachiger Designblog





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