Atelier Sakina M Sa
Der Boulevard de Barbès schlägt eine Kerbe durch das 18. Pariser Arrondissement. Auf der einen Seite liegt der Touristenmagnet Montmartre. Auf der anderen Seite führen steile Treppen hinab in eine Welt, in der afrikanische Lebensmittelläden und blinkende Handyshops das Bild bestimmen. Statt Akkordeonisten und Porträtmalern säumen Männer in schwarzen Lederjacken die Straßenränder und preisen mit kehligen Stimmen Zigaretten an.
Abgesehen von dem Billigkaufhaus Tati gibt es kaum Sehenswertes in Barbès. Sakina M'Sa stört das wenig. Seit sechs Jahren entwirft und produziert die von den Komoren stammende Modedesignerin hier ihre Kollektionen. Der schlechte Ruf, der dem Viertel ebenso anhaftet wie der intensive Geruch nach Frittiertem, ist für die 37-Jährige eine Herausforderung. "Als Modemacherin und Künstlerin habe ich mich immer wieder gefragt, was ich eigentlich für die Gesellschaft tun kann", sagt sie und bestellt frischen Minztee in einer Bar, wenige Meter von ihrem Atelier entfernt.
Sakina M Sa
Dem Viertel etwas zurückgeben
Weil die Stadt Paris die Gegend aufwerten und jungen Modemachern/innen die Chance geben wollte, sich jenseits der großen Modehäuser zu etablieren, hat sie vor neun Jahren in einer Seitenstraße des Boulevards de Barbès die "Rue de la Mode" mitgegründet. Rund ein Dutzend junger Designer/innen konnten hier Ateliers und Verkaufsräume zu günstigen Konditionen mieten: Nur etwa 60 Euro kostet der Quadratmeter im Jahr. Dafür arbeitet man eben nicht im schick-alternativen Marais in unmittelbarer Nähe zum Centre Pompidou oder im bourgeoisen Passy nahe der Champs Elysées, sondern in direkter Nachbarschaft mit Kebapverkäufern/innen und Koranschule.
Dass weder der puristische Stil ihrer Entwürfe noch die gehobenen Verkaufspreise zum Viertel passen, sei ihr durchaus bewusst, sagt M'Sa. Die Tochter eines Einwandererpaares, die im Alter von sieben Jahren von den Komoren nach Marseille kam, kennt sich aus mit Gegensätzen. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, konnte sie dank eines Stipendiums die Modeschule in Marseille besuchen. Heute will sie beweisen, dass hochwertige Mode auch inmitten eines Arbeitermilieus entstehen kann. 2006 hat sie darum den Verein Daika gegründet. In Kooperation mit anderen Modemachern/innen bildet er Langzeitarbeitslose zu Schneidern/innen aus, mit dem Ziel wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. "Ich möchte dem Viertel etwas zurückgeben", erklärt M'Sa, "und die Bewohner/innen an meiner Arbeit teilhaben lassen." In ihrem Atelier beschäftigt sie drei Schneiderinnen aus Barbès, die sie selbst ausgebildet hat. Seit letztem Jahr ist ihre Marke sogar ein vom französischen Arbeitsministerium anerkannter Betrieb zur Wiedereingliederung Arbeitsloser.
Kollektion Sakina M Sa
Vom Roten Teppich in die Seitenstraße
Wenige Schritte von Sakina M'Sas Atelier entfernt klimpern bei offener Tür einige Windspiele. Es ist wenig los in der Boutique von Marcia de Carvalho; viel Laufkundschaft kommt nicht hierher. Seit acht Jahren verkauft und entwirft die Brasilianerin ihre knallbunten Kreationen in der "Rue de la mode". Stoffe und Inspiration für ihre Entwürfe bringt sie aus Brasilien mit. "Ich verarbeite vor allem Spitze und bestickte Stoffe, die in meiner Heimat große Tradition haben", sagt die 45-Jährige und wendet sich einigen Teenagern zu, die im hinteren Teil des Ladens an einem großen Holztisch sitzen. Konzentriert beugen sie ihre Köpfe über Stoffreste, aus denen sie Blütenbroschen nähen.
Rund 30 Schüler/innen absolvieren jedes Jahr bei Marcia de Carvalho ein Praktikum. Dafür arbeitet die Mutter zweier Kinder, die neben dem Modediplom noch ein Soziologiestudium in der Tasche hat, eng mit den Schulen aus dem Quartier zusammen. "Barbès hat zwar nicht den besten Ruf, aber schlechte Erfahrungen habe ich noch nie gemacht", sagt sie mit einem warmen portugiesischen Akzent.
Weil sich Touristen/innen und Fashion Victims nur selten in die kleine Straße im 18. Arrondissement verirren, verkauft Sakina M'Sa ihre Kollektionen vor allem über das Internet und auf Messen. Das funktioniert so gut, dass sie als gefragte Designerin mittlerweile sogar Kundinnen in Japan und Russland hat und Schauspielerinnen wie Eva Mendés ihre Entwürfe auf dem Roten Teppich tragen. Die Nähkunst und handwerkliche Fertigkeit, die M'Sa als "savoir faire à la Parisienne" bezeichnet, stehen im Zentrum ihrer skulptural anmutenden Kollektionen: Stoffbahnen werden in Falten gelegt, Muster mithilfe von Nähten geschaffen; all das geschieht in Handarbeit in ihrem Kelleratelier in Barbès.
Kollektion Verwaiste Socken
"Verwaiste Socken" in der Nachbarschaft
Bei Marcia de Carvalho packen die Schülerpraktikanten/innen Nadel und Faden ein. Im Gegensatz zu Sakina M'Sa dominiert bei der Brasilianerin ein bunter Ethnostil; lange Kleider, bunte Stulpen, gehäkelte Kopfbedeckungen. 2009 hat sie das Projekt "Verwaiste Socken" gegründet. Dazu bat sie die Nachbarn/innen, ihr alte Kleidungsstücke zur Verfügung zu stellen. In einem wöchentlichen Nähkurs, gemeinsam mit Frauen aus Barbès und unterstützt von Modestudierenden aus Frankreich und Brasilien, entsteht aus diesen Kleiderresten dann etwas Neues. Die Ergebnisse präsentieren die Frauen bei kleinen Modenschauen in der Nachbarschaft. "Das soll frischen Wind ins Viertel bringen und es attraktiver machen", sagt de Carvalho, die 2008 eine zweite Boutique eröffnet hat: in Marais, dem stylischen Mode- und Kunstviertel.
Sakina M'Sa setzt weiterhin auf Barbès. Im Winter 2010 hat sie ihre erste Haute-Couture-Kollektion präsentiert und sich in der Königsdisziplin des Modedesigns einen Namen gemacht. "Mein Kindheitstraum!", sagt sie und widmet sich ihrem ununterbrochen klingelnden Handy. Demnächst steht eine Kooperation zwischen ihr und der Pinault-Printemps-Redoute-Gruppe an, zu der unter anderem Gucci und Yves Saint Laurent gehören. In der Rue de la Mode herrscht derweil Mittagsruhe. Einige Schulkinder rennen lärmend einem Ball hinterher. Zwei verschleierte Frauen tragen ihre Einkäufe die Straße hinunter; die bunten Schaufenster und Auslagen der Designer/innen würdigen sie dabei kaum eines Blickes.
Fotos: ©Marcia de Carvalho; ©Sakina M'Sa
Julia Rosch arbeitet als freie Journalistin.
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