Marcus & August
Vor zwei Monaten traf ich zufällig
meinen Freund August aus Dänemark in Kambodscha. Wir beide genießen zurzeit ein
Jahr Pause vom hektischen Alltagsleben in Europa und versuchen auf einer
einjährigen Weltreise unseren Horizont zu erweitern.
Von Südostasien aus zogen wir
gemeinsam gen Norden nach China. Unser Plan war, über die chinesische Provinz
Yunan nach Tibet zu gelangen. Als wir unsere Reiseerlaubnis für Tibet beantragen
wollten, war allerdings gerade eine einmonatige Einreisesperre für Ausländer
verhängt worden. Daher entschieden wir uns, den Himalaya zu umkurven und erst
mal die nordwestlich gelegene Provinz Xinjiang zu erkunden.
Wir wussten nur im Ansatz, was uns dort genau erwarten würde. Durch die Medienberichterstattung bei den blutigen Aufständen im Juni 2009 hatten wir zwar erfahren, dass dies der muslimische Teil Chinas
ist, aber viel weiter reichte unser Wissen nicht. Xinjiang, die Heimat der
Uiguren, wurde ebenso wie Tibet vor circa 60 Jahren von China annektiert, und
wie in Tibet sind die Menschen dort nicht so ganz zufrieden mit der Situation.
Seit 20 Jahren werden Han-Chinesen im Westen des Landes von der Regierung mit
hohen Gehältern angeworben, um in diesen neuen Teil Chinas zu ziehen. Mit ihnen
kommen die chinesische Kultur, die Schrift und die Sprache.
Kebab versus Nudel
Image 25370
Wir fanden eine für uns sehr
ungewöhnliche Situation vor. In den Städten gab es muslimische Enklaven der
Uiguren, und auch ebensolche der Han-Chinesen. Die Schrift war meist Chinesisch,
oft aber auch auf Uigurisch – selten Englisch oder sogar Kyrillisch. Auch das Essen
ist höchst unterschiedlich: Zum einen gibt es in Xinjiang viel Nudeln und
Suppe, zum anderen auch Brotfladen und Fleischspieße. Und zwar "entweder
oder"; wir sahen kaum mal Chinesen uigurisch essen und Uiguren chinesisch.
Offiziell gilt die "Beijing-Zeit", benutzt wird allerdings lieber die
lokale Zeit, was eine Verschiebung um zwei Stunden nach hinten bedeutet und für uns mehr als einmal für ein heilloses Durcheinander sorgte.
In manchen Gegenden, gerade auf dem
Land, fanden wir eine fast rein muslimische Bevölkerung vor. Die Polizei und
das Militär bestanden allerdings so gut wie ausschließlich aus Han-Chinesen. Die
Situation wirkt noch immer angespannt. Überall ist das Militär präsent,
bewaffnet patrouillieren kleine und große Legionen durch die Straßen. Und in
Hotan, einem einst sehr wichtigen Handelsort an der Seidenstraße, exerzieren
fast täglich 100 bis 200 Soldaten im Stadtpark auf dem zentralen People's
Square.
Nahkampf-Training in der Abendsonne
Gerade hier offenbarte sich für uns
die ganze Situation sehr anschaulich. Der Platz, den eine große Mao-Statue in
zwei Teile teilt, lag während unseres Aufenthalts in der warmen Abendsonne. Auf
der einen Seite trainierten die Soldaten mit Schildern, Knüppeln und Gewehren
offensichtlich den Straßen-Nahkampf mit wildem Kampfgeschrei, auf der anderen
Seite des Platzes waren die Uiguren. Es gab Gymnastik- und Tanzgruppen, Kinder
ließen Drachen steigen und Frauen mit Kopftüchern oder Burkas spielten
Volleyball. Eine absurde Gegenüberstellung von Staatsmacht und öffentlichem
Leben.
Image 25374
Durch die Begegnungen mit zwei Einwohnern
der Provinz bekamen wir einen tieferen Einblick in die Situation. Auf der
Straße wurden wir von dem jungen Chinesen Justin aufgelesen. Justin war
natürlich nur sein englischer Wahlname, den chinesischen konnten wir nie richtig aussprechen
und haben ihn auch schnell wieder vergessen. Unser neuer Freund war
Englischlehrer an einer Privatschule, ein wunderbar netter junger Mann, der
wirklich an ein harmonisches Zusammenleben zwischen Chinesen und Uiguren glaubt.
Er selbst hatte sich die Mühe gemacht, etwas Uigurisch zu lernen – sein bester
Freund war übrigens Uigure –, war damit aber leider eher die Ausnahme.
140.jpg
Am Abend wollten wir zusammen etwas unternehmen und schlugen einen Treffpunkt an einer Straßenecke in der Nähe unseres Quartiers vor. Justin schaute etwas kritisch und sagte, er würde sich viel lieber woanders treffen. Also machten wir einen anderen Ort aus. Als wir später aber die besagte Straßenecke passierten, waren nur Uiguren und kein einziger Chinese in der Gegend. Offensichtlich ist es für Chinesen unratsam, zu spät in bestimmten Gegenden zu verkehren, und das wusste auch unser Freund.
Zwei Tage später trafen wir Mardan, einen jungen uigurischen Zimmermann. Auch mit ihm ging es in dem Gespräch bald um die groteske Konflikt-Situation in der Provinz. Mardan verhielt sich allerdings weitaus dezenter und wählte seine Worte mit mehr Sorgfalt als Justin. Wie er mit den Han-Chinesen zurechtkomme, fragten wir. Mardan blies nachdenklich etwas Luft zwischen den Lippen hervor und schaute uns ernst in die Augen. Dann sprach er sehr langsam: "Ihr habt ein paar Millionen Türken in Deutschland, richtig? Kommt ihr mit denen zurecht?" - "Im Großen und Ganzen: Ja! Es läuft nicht perfekt, aber wir arbeiten daran." - "Stellt euch vor, innerhalb von zehn Jahren wäre die halbe Bevölkerung in eurer Stadt türkisch und vergäbe prestigeträchtige und gutbezahlte Arbeitsplätze nur an andere Türken. Wie würdet ihr euch dann fühlen?" Er erwartete keine Antwort.
Internetsperre als Folge der Proteste
Image 25373
Später fragte er uns nach unserer Telefonnummer in Europa. Wir erklärten ihm, dass wir ihm lieber unsere Emailadressen geben würden. Er beharrte aber auf der Nummer – denn das Internet ist hier seit dem Aufstand gesperrt und die Menschen rechnen in frühestens ein bis zwei Jahren mit einer Freischaltung. Vom Thema Internetsperre kamen wir wieder auf den Auslöser dieser Sperre, auf die Proteste. Wieder wurde Mardan sehr nachdenklich, es war offenbar ein sehr sensibles Thema für ihn. Er entschuldigte sich: Er fühle sich im Moment nicht in der Lage, darüber zu sprechen, zu jung seien die Ereignisse noch. Außerdem wäre es sehr gefährlich, sich in der Öffentlichkeit darüber zu unterhalten.
Aufgrund der Sprachbarriere war es im Endeffekt sehr schwer für uns, die Situation auf einer objektiven Ebene in Erfahrung zu bringen, vor allem weil wir aus Reiselust und nicht für Nachforschungen hierherkamen. Der Artikel speist sich also hauptsächlich aus einigen Gesprächen mit den Menschen vor Ort, die wir auf unsere Weise interpretierten. Was wir hier schreiben, ist also alles andere als empirisch, dennoch sind wir überzeugt, dass es die Zustände angemessen beschreibt. Das von Justin gewünschte Miteinander in Xinjang ist noch immer in weiter Ferne.
August Boberg (18) ist angehender Schriftsteller und nimmt zurzeit ein Jahr Pause für eine Weltreise. Marcus Kuhn (24) ist Gelegenheitsautor, machte letztes Jahr seinen BA in Pädagogik und reist nun ebenfalls durch Asien.
Fotos: ©Marcus Kuhn
Kommentare
Dein Kommentar