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Im Land der Uiguren

Zwei Backpacker in Xinjiang

8.5.2010 | August Boberg, Marcus Kuhn | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Marcus & August

Vor zwei Monaten traf ich zufällig meinen Freund August aus Dänemark in Kambodscha. Wir beide genießen zurzeit ein Jahr Pause vom hektischen Alltagsleben in Europa und versuchen auf einer einjährigen Weltreise unseren Horizont zu erweitern.

Von Südostasien aus zogen wir gemeinsam gen Norden nach China. Unser Plan war, über die chinesische Provinz Yunan nach Tibet zu gelangen. Als wir unsere Reiseerlaubnis für Tibet beantragen wollten, war allerdings gerade eine einmonatige Einreisesperre für Ausländer verhängt worden. Daher entschieden wir uns, den Himalaya zu umkurven und erst mal die nordwestlich gelegene Provinz Xinjiang zu erkunden.
 
Wir wussten nur im Ansatz, was uns dort genau erwarten würde. Durch die Medienberichterstattung bei den blutigen Aufständen im Juni 2009 hatten wir zwar erfahren, dass dies der muslimische Teil Chinas ist, aber viel weiter reichte unser Wissen nicht. Xinjiang, die Heimat der Uiguren, wurde ebenso wie Tibet vor circa 60 Jahren von China annektiert, und wie in Tibet sind die Menschen dort nicht so ganz zufrieden mit der Situation. Seit 20 Jahren werden Han-Chinesen im Westen des Landes von der Regierung mit hohen Gehältern angeworben, um in diesen neuen Teil Chinas zu ziehen. Mit ihnen kommen die chinesische Kultur, die Schrift und die Sprache.  
 
Kebab versus Nudel
 

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Wir fanden eine für uns sehr ungewöhnliche Situation vor. In den Städten gab es muslimische Enklaven der Uiguren, und auch ebensolche der Han-Chinesen. Die Schrift war meist Chinesisch, oft aber auch auf Uigurisch – selten Englisch oder sogar Kyrillisch. Auch das Essen ist höchst unterschiedlich: Zum einen gibt es in Xinjiang viel Nudeln und Suppe, zum anderen auch Brotfladen und Fleischspieße. Und zwar "entweder oder"; wir sahen kaum mal Chinesen uigurisch essen und Uiguren chinesisch. Offiziell gilt die "Beijing-Zeit", benutzt wird allerdings lieber die lokale Zeit, was eine Verschiebung um zwei Stunden nach hinten bedeutet und für uns mehr als einmal für ein heilloses Durcheinander sorgte.
 
In manchen Gegenden, gerade auf dem Land, fanden wir eine fast rein muslimische Bevölkerung vor. Die Polizei und das Militär bestanden allerdings so gut wie ausschließlich aus Han-Chinesen. Die Situation wirkt noch immer angespannt. Überall ist das Militär präsent, bewaffnet patrouillieren kleine und große Legionen durch die Straßen. Und in Hotan, einem einst sehr wichtigen Handelsort an der Seidenstraße, exerzieren fast täglich 100 bis 200 Soldaten im Stadtpark auf dem zentralen People's Square.
 
Nahkampf-Training in der Abendsonne
 
Gerade hier offenbarte sich für uns die ganze Situation sehr anschaulich. Der Platz, den eine große Mao-Statue in zwei Teile teilt, lag während unseres Aufenthalts in der warmen Abendsonne. Auf der einen Seite trainierten die Soldaten mit Schildern, Knüppeln und Gewehren offensichtlich den Straßen-Nahkampf mit wildem Kampfgeschrei, auf der anderen Seite des Platzes waren die Uiguren. Es gab Gymnastik- und Tanzgruppen, Kinder ließen Drachen steigen und Frauen mit Kopftüchern oder Burkas spielten Volleyball. Eine absurde Gegenüberstellung von Staatsmacht und öffentlichem Leben.
 

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Durch die Begegnungen mit zwei Einwohnern der Provinz bekamen wir einen tieferen Einblick in die Situation. Auf der Straße wurden wir von dem jungen Chinesen Justin aufgelesen. Justin war natürlich nur sein englischer Wahlname, den chinesischen konnten wir nie richtig aussprechen und haben ihn auch schnell wieder vergessen. Unser neuer Freund war Englischlehrer an einer Privatschule, ein wunderbar netter junger Mann, der wirklich an ein harmonisches Zusammenleben zwischen Chinesen und Uiguren glaubt. Er selbst hatte sich die Mühe gemacht, etwas Uigurisch zu lernen – sein bester Freund war übrigens Uigure –, war damit aber leider eher die Ausnahme.

In seiner Schule gab es, wie er erzählte, Kinder beider Volksgruppen. Dass so lange nach den Protesten noch so viel Militär auf den Straßen zu sehen ist, gefiel ihm gar nicht – die Proteste, meinte er, wären schließlich Vergangenheit und ja auch nur ein großes Missverständnis gewesen. Diese Aussage machte uns etwas stutzig. An ein Missverständnis wollten wir nicht wirklich glauben. Was steckte dahinter? Verschleierung von Tatsachen gegenüber Ausländern? War Justin ein naives Opfer der chinesischen Propaganda? Inzwischen sind wir davon überzeugt, dass unser Freund sich wirklich ein Miteinander wünschte. Und wären alle Menschen in Xinjiang so motiviert, dann wäre es auch sicher möglich. Wir denken, dass Justin ungewollt in der unangenehmen Position des "Besatzers" lebte und es vor uns nur ungern zugeben konnte.

Nebeneinander statt miteinander
 

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Am Abend wollten wir zusammen etwas unternehmen und schlugen einen Treffpunkt an einer Straßenecke in der Nähe unseres Quartiers vor. Justin schaute etwas kritisch und sagte, er würde sich viel lieber woanders treffen. Also machten wir einen anderen Ort aus. Als wir später aber die besagte Straßenecke passierten, waren nur Uiguren und kein einziger Chinese in der Gegend. Offensichtlich ist es für Chinesen unratsam, zu spät in bestimmten Gegenden zu verkehren, und das wusste auch unser Freund.
 
Zwei Tage später trafen wir Mardan, einen jungen uigurischen Zimmermann. Auch mit ihm ging es in dem Gespräch bald um die groteske Konflikt-Situation in der Provinz. Mardan verhielt sich allerdings weitaus dezenter und wählte seine Worte mit mehr Sorgfalt als Justin. Wie er mit den Han-Chinesen zurechtkomme, fragten wir. Mardan blies nachdenklich etwas Luft zwischen den Lippen hervor und schaute uns ernst in die Augen. Dann sprach er sehr langsam: "Ihr habt ein paar Millionen Türken in Deutschland, richtig? Kommt ihr mit denen zurecht?" - "Im Großen und Ganzen: Ja! Es läuft nicht perfekt, aber wir arbeiten daran." - "Stellt euch vor, innerhalb von zehn Jahren wäre die halbe Bevölkerung in eurer Stadt türkisch und vergäbe prestigeträchtige und gutbezahlte Arbeitsplätze nur an andere Türken. Wie würdet ihr euch dann fühlen?" Er erwartete keine Antwort.
 
Internetsperre als Folge der Proteste
 

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Später fragte er uns nach unserer Telefonnummer in Europa. Wir erklärten ihm, dass wir ihm lieber unsere Emailadressen geben würden. Er beharrte aber auf der Nummer – denn das Internet ist hier seit dem Aufstand gesperrt und die Menschen rechnen in frühestens ein bis zwei Jahren mit einer Freischaltung. Vom Thema Internetsperre kamen wir wieder auf den Auslöser dieser Sperre, auf die Proteste. Wieder wurde Mardan sehr nachdenklich, es war offenbar ein sehr sensibles Thema für ihn. Er entschuldigte sich: Er fühle sich im Moment nicht in der Lage, darüber zu sprechen, zu jung seien die Ereignisse noch. Außerdem wäre es sehr gefährlich, sich in der Öffentlichkeit darüber zu unterhalten.
 
Aufgrund der Sprachbarriere war es im Endeffekt sehr schwer für uns, die Situation auf einer objektiven Ebene in Erfahrung zu bringen, vor allem weil wir aus Reiselust und nicht für Nachforschungen hierherkamen. Der Artikel speist sich also hauptsächlich aus einigen Gesprächen mit den Menschen vor Ort, die wir auf unsere Weise interpretierten. Was wir hier schreiben, ist also alles andere als empirisch, dennoch sind wir überzeugt, dass es die Zustände angemessen beschreibt. Das von Justin gewünschte Miteinander in Xinjang ist noch immer in weiter Ferne.
 

August Boberg (18) ist angehender Schriftsteller und nimmt zurzeit ein Jahr Pause für eine Weltreise. Marcus Kuhn (24) ist Gelegenheitsautor, machte letztes Jahr seinen BA in Pädagogik und reist nun ebenfalls durch Asien.

Fotos: ©Marcus Kuhn



www.welt.de
Welt-Bericht über die Proteste der Uiguren

http://de.wikipedia.org/wiki/Xinjiang
Informationen zur Provinz Xinjiang auf Wikipedia
 
www.amnesty.de
AI-Report über Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang
 
http://de.wikipedia.org/wiki/Han-Chinesen
Mehr über den Begriff der Han-Chinesen




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