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Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace

Verarmte Westvölker

3.5.2010 | Nicola Roeb | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Eines Tages waren sie einfach dagewesen wie die Vögel", erinnert sich Li "Eisenstein" Ai, Held des neuen Romans von Jörg-Uwe Albig. Ich-Erzähler Ai meint die verarmten "Westvölker", die ihre Heimat verlassen haben und nach Asien strömen. Wir befinden uns im China des Jahres 2032. Deutsche, Skandinavier und Niederländer putzen an Pekinger Straßenkreuzungen die Windschutzscheiben reicher Chinesen und hausen in abgewrackten Vorstadt-Ghettos. Ai ist Werbefilmer und verkehrt in edlen Szene-Restaurants. Er ist fasziniert von der deutschen Folklore, die langsam ihren Weg von der Sub- in die Mainstreamkultur findet.

Ein Häuschen von Pfefferkuchen fein
 

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Vom Weltkonzern Datong Chemicals wird Ai damit beauftragt, einen Werbespot für das neue Parfum "Wald" zu entwickeln. Er weiß "überhaupt nichts über Kosmetik" und recherchiert für die Ideenfindung in Büchern und Filmen. In seiner Wohnung stößt er auf ein Buch, das sein Urgroßvater ihm vererbt hat: "Hänsel und Gretel". Ai hat das Märchen der Gebrüder Grimm nie gelesen, aber er lässt sich davon inspirieren. "Ich sah das Buch an, das Mädchen, und ich beneidete den kleinen Jungen, der neben ihr ging. Es war eine Liebe ohne Zweifel, die das Mädchen ihm gab, eine Fürsorge ohne Kalkül."
 
Ais Begeisterung für das deutsche Brauchtum ist voller Klischeevorstellungen. Bei der Präsentation seiner Idee für den Werbespot erklärt er, in Deutschland "hatten sie Häuser aus Gebäck, bevor wir das Land mit unseren Östliche-Morgendämmerung-Schnellrestaurants überzogen haben. Alles war alt und wild." Da Ai erfolgreiche Überzeugungsarbeit geleistet hat, wird die Idee für den Werbespot umgesetzt. Die Rolle des Mädchens im Wald wird mit der Schauspielerin Olympia besetzt, in die der Werbefilmer unsterblich verliebt ist.

In der angesagten Bongo-Bongo-Bar lernen Ai und seine Filmcrew Sigi kennen, einen abgeschlafften deutschen Volkslieder-Sänger, der in Lederhosen auftritt. Sigi nimmt Ai und Olympia mit in die "Schwalbenstadt", das Migranten-Ghetto am Rande Pekings. Dort steht der "Berlin Palace", eine trostlose deutsche Kneipe, in der Ai zum ersten Mal Deutschen begegnet, die nicht seinem Klischee entsprechen. Bisher waren die Deutschen für Ai ein Kontrapunkt zur hochindustrialisierten Welt der Chinesen, etwas Ursprüngliches, Wahres. Sein verklärtes Bild bekommt erste Risse. Die "Schwalbenstadt" verliert ihre exotische Anziehungskraft. Und auch Olympia, Projektionsfläche für Ais unerfüllte Liebe, erscheint ihm plötzlich in einem anderen Licht.

Virtuos verkehrte Welt
 

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Jörg-Uwe Albig

Der Autor und langjährige Journalist Jörg-Uwe Albig spielt in seinem futuristischen Roman durchgehend mit dem Verhältnis von Fremd- und Eigenperspektive. Er verdreht in den drei Kapiteln des Buches gekonnt die eurozentristische Sehweise westlicher Leser/innen. Albig setzt kraftvolle Bilder ein und schafft mit seiner punktgenauen Sprache große Unmittelbarkeit. Im Vergleich mit der atmosphärischen Beschreibungsdichte des chinesischen Zukunftsszenarios wirkt die Handlung – die Liebesgeschichte zwischen Ai und Olympia – stellenweise allerdings nebensächlich.
 
Auch lässt die Handlung Fragen offen. Denn Ai benutzt den TV-Spot, um Olympia näher zu kommen, und entwickelt dabei eine beinahe krankhafte Besessenheit. "Mir ging es schon längst nicht mehr um die Besetzung des Films. Es ging mir in Wirklichkeit auch nicht mehr um den Film. Es ging mir um Olympia." Aber warum gesteht Ai Olympia nicht einfach seine Liebe? Trotz solcher kleinen Schwächen ist der Roman ein lesenswertes Buch für alle, die sich von Albigs konsequentem Verfremdungseffekt mitnehmen lassen wollen auf eine unterhaltsame Reise nach China im Jahre 2032.
 

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Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace (Tropen Verlag 2010, 224 S., 19.90 €)




Nicola Roeb ist 30 und lebt als freie Autorin in Düsseldorf.

Foto oben: ©Photoriegger/ photocase.com
Foto unten: ©Klett-Cotta/Rolf Wegener



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