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Vom Weltkonzern Datong Chemicals
wird Ai damit beauftragt, einen Werbespot für das neue Parfum "Wald" zu
entwickeln. Er weiß "überhaupt nichts über Kosmetik" und recherchiert für die
Ideenfindung in Büchern und Filmen. In seiner Wohnung stößt er auf ein Buch,
das sein Urgroßvater ihm vererbt hat: "Hänsel und Gretel". Ai hat das Märchen der
Gebrüder Grimm nie gelesen, aber er lässt sich davon inspirieren. "Ich sah das
Buch an, das Mädchen, und ich beneidete den kleinen Jungen, der neben ihr ging.
Es war eine Liebe ohne Zweifel, die das Mädchen ihm gab, eine Fürsorge ohne
Kalkül."
Ais Begeisterung für das deutsche
Brauchtum ist voller Klischeevorstellungen. Bei der Präsentation seiner Idee
für den Werbespot erklärt er, in Deutschland "hatten sie Häuser aus Gebäck,
bevor wir das Land mit unseren Östliche-Morgendämmerung-Schnellrestaurants überzogen
haben. Alles war alt und wild." Da Ai erfolgreiche Überzeugungsarbeit geleistet
hat, wird die Idee für den Werbespot umgesetzt. Die Rolle des Mädchens im Wald wird
mit der Schauspielerin Olympia besetzt, in die der Werbefilmer unsterblich verliebt
ist.
Jörg-Uwe Albig
Der Autor und langjährige Journalist Jörg-Uwe Albig spielt in seinem futuristischen Roman durchgehend mit dem Verhältnis von Fremd- und Eigenperspektive. Er verdreht in den drei Kapiteln des Buches gekonnt die eurozentristische Sehweise westlicher Leser/innen. Albig setzt kraftvolle Bilder ein und schafft mit seiner punktgenauen Sprache große Unmittelbarkeit. Im Vergleich mit der atmosphärischen Beschreibungsdichte des chinesischen Zukunftsszenarios wirkt die Handlung – die Liebesgeschichte zwischen Ai und Olympia – stellenweise allerdings nebensächlich.
Auch lässt die Handlung Fragen offen. Denn Ai benutzt den TV-Spot, um Olympia näher zu kommen, und entwickelt dabei eine beinahe krankhafte Besessenheit. "Mir ging es schon längst nicht mehr um die Besetzung des Films. Es ging mir in Wirklichkeit auch nicht mehr um den Film. Es ging mir um Olympia." Aber warum gesteht Ai Olympia nicht einfach seine Liebe? Trotz solcher kleinen Schwächen ist der Roman ein lesenswertes Buch für alle, die sich von Albigs konsequentem Verfremdungseffekt mitnehmen lassen wollen auf eine unterhaltsame Reise nach China im Jahre 2032.
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Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace (Tropen Verlag 2010, 224 S., 19.90 €)
Nicola Roeb ist 30 und lebt als freie Autorin in Düsseldorf.
Foto oben: ©Photoriegger/ photocase.com
Foto unten: ©Klett-Cotta/Rolf Wegener
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