Für Freunde des Boulevardesken und Schlüpfrigen die schlechte Nachricht vorweg: Trotz seines reißerischen Titels "Fragen Sie Dr. Sex!“ handelt es sich bei diesem Buch um ein höchst seriöses Sachbuch. Feuchte Träume werden auf keiner Seite buchstäblich wahr, dafür verschaffen uns die Herausgeber Peter-Paul Bänziger, Stefanie Duttweiler, Philipp Sarasin und Annika Wellmann tiefe und bemerkenswert detaillierte Einblicke in die Sexberatung durch Massenmedien und die dort stattfindende Konstruktion des Sexuellen.
Die zwölf Autoren/innen des Sammelbandes führen uns an Orte, an denen "der Diskurs des Sexuellen nicht nur unterhält und erregt, sondern Expertinnen und Experten auftreten lässt". Diese Profis – prominentestes Beispiel hierzulande ist sicher die Sexratgeber-Figur "Dr. Sommer" aus der Jugendzeitschrift Bravo – klären das Publikum über geläufige gesellschaftliche Sexualitätsnormen auf. Sie helfen bei der Nachjustierung und Feinjustierung dieser Normen und erzählen uns, wo und wann wir Gefahr laufen, vom "normalen" Weg sexueller Bedürfniserfüllung abzugeraten.
Medial beglaubigte Sexualität
Dabei sind es nicht zuletzt die Konsumenten und Konsumentinnen selbst, die sich an die Sexratgeber wenden – sie "anrufen", um es mit einer Formulierung des Philosophen Louis Althusser zu sagen. Über Leserbriefe an Zeitungen und Zeitschriften, die die Redaktion auf Massenattraktivität zurechtbiegt, gelegentlich auch bei Auftritten in Fernsehtalkshows und in den letzten Jahren verstärkt auch in Internetforen fragen sie nach Anleitungen für ihr (Sex-)Leben. Die Fragesteller/innen erhalten auf diese Weise nicht nur Vorschläge zur Problemlösung, sondern erfahren sich zudem, schreiben die Herausgeber/innen in ihrer Einleitung zu dem Buch, als Subjekte mit einer medial beglaubigten Sexualität.
Philosophisch gesehen geht es in jeder Ratgeber-Kommunikation immer auch um die Frage nach der "Wahrheit" von Sex, darum, den Sex über sich selbst zum Sprechen zu bringen, auf dass man in ihm den geheimen Kristallisationspunkt der "Identität" des Subjekts finde. So zumindest hatte es sich der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault gedacht, als er sich in den 1970er-Jahren an die Ausarbeitung einer Geschichte der Sexualität des Abendlandes machte.
"Fragen Sie Dr. Sex!" untersucht die Ratgeber-Kommunikationen verschiedener Medien auf Foucaults Spuren. Schließlich spielt Sex in den letzten fünfzig Jahren unserer Gesellschaft eine in dieser Gewichtung nie gekannte Rolle bei der Konstitution dessen, was man gemeinhin Subjekt nennt. Der – problematische – eigene Körper, die sexuellen Intimverhältnisse zu anderen, die Art, wie wir unsere Geschlechtsidentität definieren, gehören unbedingt zu dieser Subjektfindung.
Liebe vs. Sexualität
Kein Wunder, dass sie die herausragenden Themen von Sexberatung sind. Zumal, wie es der Systemtheoretiker Peter Fuchs in seinem so gut verständlichen wie anspruchsvollen Essay herausarbeitet, die Liebe innerhalb eines Intimsystems aus zwei Personen kaum beobachtbar ist, sich also nur schwer beschreiben lässt, die Sexualität hingegen, längst abgekoppelt von der Liebe in modernen Gesellschaften, sehr wohl sichtbar und beschreibbar ist. Das macht sie, unter anderem, zu einem so brauchbaren Gegenstand für Sexberatung durch Massenmedien.
Lebendig und mit subtilem Humor arbeitet der Medizinhistoriker Lutz Sauerteig in seinem Aufsatz mit dem Titel "Wie soll ich es nur anstellen, ohne etwas falsch zu machen?" variierende Beratungsmuster der Bravo heraus und beschreibt ihre unbestreitbare Funktion als normatives Leitmedium für jugendliche Ratsuchende.
Sittliche Ordnung
In den frühen und mittleren 1960ern funktioniert die Zeitschrift noch als eine Art "Knigge für Verliebte" und ist sorgsam bedacht auf die Einhaltung der Etikette einer konservativen Sexualideologie: Die Sexualität der Mädchen zeichnete der damalige Bravo-Ratgeber Dr. Vollmer als nach Zärtlichkeit und Zuneigung suchend, als Beziehungsideal galt selbstredend die Ehe. Eine traditionelle Familien- und Geschlechterordnung, orientiert an den Lebensmodellen des späten 19. Jahrhunderts, sollte sittliche Ordnung stiften. Dr. Vollmer lehnte die Kriminalisierung von Homosexuellen zwar ab, bezeichnete homosexuelle Beziehungen aber trotzdem als "unrechte" Beziehungen, deren Protagonisten/innen geheilt werden müssten.
Ende der 1960er-Jahre lösten die unübersehbaren Umbrüche in der Sexualmoral und im Sexualverhalten von Jugendlichen "einen Diskurs kultureller Verunsicherungen" aus. Bravo reagierte darauf, indem dort 1969 der Arzt und Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein eingestellt wurde, der fortan als Kunstfigur Dr. Sommer mit einem Team freier Mitarbeiter/innen täglich Hunderte von Briefen bekam. Mit großem Erfolg und einiger Offenheit machte er sich an deren Beantwortung.
Anhand einer zweiten von Goldstein geschaffenen Figur namens Dr. Alexander Korff gab es bald auch längere Aufklärungsartikel in der Bravo. Sexualität, damals noch als "Liebe" bezeichnet, wurde ähnlich wie in den Aufklärungsfilmen Oswalt Kolles zu einer lernbaren Angelegenheit, zu einer intimen Kulturtechnik. Wenngleich man Bravo wohl zugute halten darf, dass es in ihr anders als in den Sexatlanten Beate Uhses und in den Oswalt-Kolle-Filmchen nicht um das Nachturnen sämtlicher Grundstellungen des Sex-Bodenturnens ging, wie Günter Amendt 1970 in seinem kritischen Klassiker "Sexfront" lästerte.
Die Definitionsmacht der Bravo nahm stetig zu. Und wer, so Sauerteig, "die durch Bravo vermittelten sexuellen Skripte nicht verstand, die erotischen Techniken nicht beherrschte, keine Ahnung von Empfängnisverhütung hatte, den Sexualkörper nicht kannte und keine Selbstdisziplin übte, konnte mit Beziehungsproblemen, Ablehnung, Ausgrenzung oder gar Einsamkeit bestraft werden".
Briefe an die "Liebe Marta"
Als Pendant zu "Dr. Sommer" gilt in der Schweiz die Kolumne "Liebe Marta" der Boulevardzeitung Blick. Ihre Analyse beziehungsweise die Untersuchung von 7.000 Leserbriefen an die "Liebe Marta" stehen im Mittelpunkt des Sammelbandes. Außerdem wird in "Fragen Sie Dr. Sex!" die Genealogie der Sexualratgeber nachgezeichnet, die Unterschiedlichkeit der medialen Strategien im deutschsprachigen Sexualdiskurs seit 1945 referiert, der Weg vom Leserbrief zum virtuellen Rat aufgezeigt, das Verhältnis von Talkshows und Zuschauern/innen betrachtet und ein Vergleich der symbolischen Ordnung sexueller Körper bei Michel Foucault und der "Lieben Marta" gezogen. Es steht wirklich viel in diesem umfangreichen und klugen Buch.
Eine einfache Erkenntnis nach der Lektüre des Buches: Generell sollte man sich von Ratschlägen, die frage- und antworttechnisch für den einfachen Sprachgebrauch und niedrigen Komplexitätsgrad von Boulevardmedien zurechtgestutzt sind, nicht zu viel erhoffen: Tiefer liegende Probleme können und sollen dort gar nicht erörtert werden.
Natürlich kann man massenmedialer Sexualitätsberatung noch aus anderen Gründen skeptisch gegenüberstehen. Die meisten Beratungsangebote sind stark normalisierend und disziplinierend gemeint und beschreiben meist nichts als den Status Quo der gesellschaftlichen Erwartungen. Wer damit Probleme hat und etwa auf der Suche ist nach einer emanzipativeren Form von Sexualität jenseits typischer Geschlechterklischees und althergebrachter Macht- und Rollenkonstellationen, wird hier mit Sicherheit nicht fündig.
Peter-Paul Bänziger, Stefanie Duttweiler, Philipp Sarasin, Annika Wellmann (Hg.): Fragen Sie Dr. Sex! Ratgeberkommunikation und die mediale Konstruktion des Sexuellen (Edition Suhrkamp 2010, 376 S., 15 €)
Weiterlesen:
Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1 (Suhrkamp 1983, 160 S., 9 €)
Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen, ist leitender Redakteur des Magazins pony und lebt in Berlin.
Foto: ©photocase.com / carlitos
www.bravo.de
Hier geht es direkt zu Bravos Dr. Sommer.
http://videoportal.sf.tv
Film-Nachruf auf die "Liebe Marta" von 2001 (schweizerdt.)
http://de.wikipedia.org
Mehr zu Günther Amendt auf Wikipedia
www.oswaltkolle.de
Die Seite von Oswalt Kolle
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