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Warum wir nie auslernen?

Ein Job ist nicht mehr genug

 sterne

Petra Beckmann-Schulz & Heinz-Josef Sprengkamp | 26.11.2002

Die Examensprüfungen sind vorüber und Silke ist endlich Diplom-Sozialpädagogin. Sie hat sogar schon einen Job in Aussicht. In der Beratungsstelle, in der sie als studentische Hilfskraft gearbeitet hatte, kann sie als ausgebildete Sozialpädagogin übernommen werden. Doch: Bedingung ist eine juristische Fortbildung, denn in ihrem Arbeitsbereich sind Rechtskenntnisse Voraussetzung. Gleich nach der Uni geht das Lernen also weiter.

Ähnlich, aber doch anders, war es bei Thomas: Ausbildung zum Industriekaufmann, ein paar Jahre Berufstätigkeit, dann Wechsel in ein Export-Import-Unternehmen. Ein möglicher Weg: eine berufbegleitende Ausbildung zum Exportkaufmann bei der Industrie- und Handelskammer. Danach überredete ihn seine Freundin, die dreijährige Ausbildung zum Betriebswirt an einer privaten Akademie mit ihr gemeinsam anzugehen. An drei Abenden in der Woche und am Samstagvormittag war "Schule".

Erst Spanisch, jetzt Portugiesisch

Mittlerweile hat sich Thomas - auch durch die Ausbildungen - beruflich verbessern können. In der Firma, für die er jetzt arbeitet, ist er für das Südamerika-Geschäft verantwortlich. Seine Spanischkenntnisse, die ursprünglich aus der Höheren Handelsschule stammen und die er gepflegt hat (Freundeskreis, Kneipen, Lektürekurse), wurden auch fachlich nach und nach ausgebaut. Durch Kurse für kaufmännisches Spanisch hat er sich zum Vertrags- und Verhandlungskaufmann qualifiziert. Die geschäftlichen Besuche in Südamerika ließen sich gut verbinden mit Urlauben, um Land und Leute kennen zu lernen. Jetzt wird sich das Unternehmen dem portugiesischsprachigen Brasilien zuwenden ... also lernt er Portugiesisch.

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Was Silke und Thomas tun, ist heute Normalität. Niemand kann sich mehr darauf verlassen, mit einer Ausbildung (ob in Schule, Beruf oder Hochschule) "ausgelernt" zu haben. "Lifelong learning" ist angesagt. Da Wissensbestände und Arbeitsfelder sich in einem ständigen Wandel befinden, sind viele Menschen zum ständigen Neulernen von Kompetenzen gezwungen oder animiert, auf die das alte Bildungssystem nicht hinreichend vorbereitet. Das birgt Herausforderungen für manche Probleme, zeigt aber auch Chancen auf: Mehr denn je hat es Sinn, sich für das zu entscheiden (ob Ausbildung oder Studium), was wirklich interessant ist. Die Bemerkung "Was willst du denn damit mal werden?" ist irrelevant. Jeder und jede muss im Laufe des beruflichen Lebens dazulernen und sich weiterqualifizieren.

Wo stehe ich? Wo will ich hin?

Das kann ganz unterschiedlich aussehen: eine zusätzliche Ausbildung, die mehrere Monate andauern kann, eine Qualifikation wie etwa das Erlernen nicht alltäglicher Computerprogramme im Wochenseminar oder ein Wochenend-Rhetorikkurs. Was als ständige Last erscheinen kann, ist auch eine Chance. Lebenslanges Lernen mag vordergründig dem beruflichen Fortkommen dienen, aber es fördert daneben auch die persönliche Weiterentwicklung, eine bessere Lebensgestaltung und das Selbstbewusstsein.

Es kann also nicht nur darum gehen, aufgrund einer rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung eine Qualifikation nach der anderen zu erwerben oder einen Lernprozess an den anderen zu reihen. Gefragt ist die häufige Selbstvergewisserung: Wo stehe ich? Wo will ich in fünf oder zehn Jahren sein? Welche Schritte muss ich unternehmen, um dahin zu kommen? Wie lassen sich diese Schritte mit meiner Familie oder meinen Freunden verbinden?

Sicher ist es notwendig, Wissen und Können auf dem aktuellen Stand zu halten, doch für den Einzelnen geht es letztlich darum, durch lebenslang anhaltende Lernkompetenz und lebenslanges Lernen in sich verändernden Situationen selbstständig, urteils- und handlungsfähig zu bleiben.

Petra Beckmann-Schulz und Heinz-Josef Sprengkamp leben und arbeiten als Journalisten und Autoren in Hamburg und Magdeburg.

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