Nach der Haupt- oder Realschule eine Lehrstelle suchen. Gleich das erste eigene Geld als Lehrling in der Schreinerei oder im Büro verdienen. Mit 18 ein eigenes Auto kaufen, ein Jahr später ausgelernt und auf eigenen Beinen stehen. Noch vor 15 Jahren war das Normalität für die meisten Abgänger/innen allgemein bildender Schulen. Seitdem hat sich einiges geändert: Das duale System – so benannt, weil die Lehrlinge gleichzeitig im Betrieb und in Berufsschulen ausgebildet werden – hängt stark vom Arbeitsmarkt ab. Das heißt: Gibt es viele Arbeitsplätze, dann gibt es auch genug Ausbildungsplätze. In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland viel zu wenige Arbeitsplätze – dementsprechend existieren nun auch zu wenige Ausbildungsplätze.
Vergangenes Jahr haben in Deutschland über 300.000 Jugendliche, die versucht haben, eine Lehrstelle zu finden, keine bekommen. Das sind so viele Menschen, wie in Karlsruhe wohnen. Aus den offiziellen Statistiken lassen sich diese Zahlen nur mühsam ablesen. Diejenigen Jugendlichen, die wirklich als erfolglose Bewerber/innen zählen, sind nur diejenigen, für die auch keine Ersatzbeschäftigung gefunden werden konnte. Wer auf 400-Euro-Basis jobbt, gilt als vermittelt. "Man tut so, als hätten sie sich gar nicht um einen Ausbildungsplatz bemüht", sagt Dr. Joachim Gerd Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Die "nicht vermittelten Bewerber/innen" machen nur sechs Prozent der gesamten Lehrstellensuchenden aus. Sie sind diejenigen, die zu Hause sitzen und nichts mit sich anzufangen wissen. "Sie entsprechen den Obdachlosen unter den Wohnungssuchenden", umschreibt Ulrich die Situation der – auch offiziell – Erfolglosen. "Alle anderen finden eine Wohnung oder kommen bei Freunden unter." Es sind meist ältere Bewerber/innen, für die auch die Bundesagentur für Arbeit keine Hoffnung mehr sieht, noch eine Ausbildung zu finden. Hauptschüler/innen sind am stärksten betroffen.
Hauptschüler/innen sind am stärksten betroffen
Diejenigen, die keine Lehrstelle finden, sind meist Hauptschüler/innen. Für Betriebe sind die Schulnoten Auswahlkriterium Nummer eins. Und wenn ein Personalchef die Wahl zwischen Haupt- oder Realschüler/in hat, wird er den höherwertigen Schulabschluss stets vorziehen. Außerdem haben sich einige Berufsbilder stark verändert, so dass Hauptschüler/innen nicht mehr die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Durch immer mehr Elektronik in Kraftfahrzeugen beispielsweise entwickelte sich der Beruf des Kfz-Mechanikers zu dem des Kfz-Mechatronikers – eine Ausbildung, für die fast nur noch Realschüler/innen oder gar Abiturienten/innen mit sehr guten Noten in Mathematik und Physik genommen werden.
Vor drei Jahren erschien dann ein neues Programm, welches erneut mehr Jugendlichen einen Ausbildungsplatz verschaffen sollte. Es wurde das Einstiegsqualifizierungsjahr (EQJ) erfunden: Ausbildungssuchende können seitdem in einem Betrieb ein einjähriges Praktikum beginnen. Wären sie erst einmal in der Firma, so der Gedanke, könnten sie ihre Fähigkeiten beweisen und nach Ablauf des EQJ, während dem sie wie ihre Kollegen/innen mit fester Lehrstelle die Berufsschule besuchen, direkt ins zweite Lehrjahr übergehen. Um dieses Programm auch für die Firmen attraktiver zu machen, erstattet die Bundesagentur für Arbeit die Praktikumsvergütung der Jugendlichen und die entsprechenden Sozialabgaben. Das Unternehmen hat also im ersten Jahr eine kostenlose Arbeitskraft und kann sich dafür den Jugendlichen näher ansehen.
Die Ausbildungsreife als Argument zählt nicht
"Immer wenn der Ausbildungsmarkt enger wurde, klagten die Arbeitgeber über die mangelnde Ausbildungsreife der Jugendlichen", weiß Ulrich zu berichten. "Da fragt man sich, ob das nicht nur ein vorgeschobenes Argument ist." Wenn Politik und Wirschaft nicht genügend Lehrstellen schaffen, könnte man dies leicht meinen. Die Reife der Jugendlichen ist ein ernst zu nehmendes Thema. Aber selbst, wenn man nur ausbildungsreife Jugendliche betrachtet – die Bundesagentur für Arbeit ist verpflichtet, nicht ausbildungsreife Jugendliche anderweitig zu vermitteln –, wird die Nachfrage nach Lehrstellen nicht einmal ansatzweise befriedigt.
Angesichts rapide sinkender Geburtenzahlen wird das Problem des Lehrstellenmangels voraussichtlich in einigen Jahren verschwinden. Und dann wird es rasch einen Angebotsüberfluss geben und zu wenig Bewerber/innen, um die Stellen zu besetzen. Die Jugendlichen, die heute auf der Strecke bleiben, könnten die gut ausgebildeten Arbeiter/innen sein, die der Wirtschaft in zehn bis fünfzehn Jahren fehlen werden.
Franz-Martin Engeser studiert an der TU Darmstadt Online-Journalismus. Er hat sich für seine Diplomarbeit ein halbes Jahr lang mit der Lage am Lehrstellenmarkt auseinander gesetzt.
Fotos: ©Franz-Martin Engeser
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