In Zeiten leerer Kassen Geld verteilen? Klingt wie ein Hirngespinst, wird aber heftig diskutiert. Das Versprechen: 1.000 Euro für jeden Bürger, monatlich, netto. Genug für ein entspanntes Leben nach der Schule, vermutet man. Wer mehr will, könnte im Hochlohn-Land Deutschland immer noch zur Arbeit gehen. Bedingung für dieses Modell: Alle Sozialleistungen abschaffen wie Bafög, Kindergeld oder Hartz IV. Zwischen 500 und 900 Milliarden Euro würde das kosten, schätzen Experten die dafür notwendige Summe vom Steuerzahler. Am liebsten wollen sie auch den wachsenden Niedriglohn-Sektor der Minijobs abschaffen. Jan Thomas Otte hat die Pro und Contras eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) untersucht ...
"Generation Mini-Job"-Politik?
Pro
Diana Huber ist Mitglied im Vorstand der Berliner Bürgerinitiative Grundeinkommen. Mit Aktionen wie "Unternimm das jetzt" fordert sie ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Hartz IV-Empfänger würden häufig verächtlich angeschaut: "Es wird vermittelt, dass man selbst schuld sei. Wer fühlt sich dann wertvoll genug, sich aktiv in dieser Gesellschaft zu engagieren?", fragt Diana Huber. Viele Betroffene würden sich isolieren, ihre finanzielle Situation am liebsten verschweigen. "Scham lähmt viele Menschen." Beim BGE geht es ihr nicht um ein schönes, neues, soziales Wohlgefühl, sondern die sozialen Einsparungen und schlechtere Arbeitsverhältnisse in der Wirtschaft. "Die Leute wachen langsam auf. Sie sehen, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher." Dabei geht es Huber nicht darum, überhaupt einen Job zu haben. Es würde häufig verschwiegen, dass viele Menschen von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Die müssten "als Aufstocker beim Amt auflaufen", sagt sie.
Huber versucht, Bedenken bei Arbeitnehmern zu entkräften. Zum Beispiel Sozialleistungen als "gestrichen" zu sehen, obwohl ein lebenslanges Grundeinkommen solche Zahlungen (bis zu 1.000 Euro) ja ersetzen und damit vereinfachen soll. Zudem seien die Anreize, einen "richtigen", sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen, äußerst gering: "Wer heute auf Hartz IV ist, hat kaum eine Chance, dort wieder rauszukommen. Wer dazuverdient, bekommt Abzüge mit hohem bürokratischem Aufwand", bemängelt Huber. Das BGE gäbe dagegen auch eine Basis, sich ehrenamtlich für andere einzusetzen.
Das Menschen mit BGE ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren würden, hält Huber für eine wunderbare Idee: "Tun wir doch nicht so, als hätten wir ein Überangebot an Arbeitsstellen!" Selbst wenn alle Stellenausschreibungen besetzt seien, wären noch Millionen Menschen ohne Job, rechnet sich Diana Huber aus. Die Produktivität sei heute so hoch wie nie. Mit immer weniger Menschen hinter dem PC. Bei Dienstleistungen könnten neue Jobs entstehen.
Mit wegfallenden Lohnnebenkosten durchs BGE sei das möglich. "Das birgt ein großes kreatives Potential, was Mehrwert schafft", sagt sie. Die Statistik der Arbeitslosigkeit hält Diana Huber ohnehin für "massiv verfälscht". Denn wer länger krankgeschrieben ist, sich mit Ein-Euro-Jobs über Wasser hält, eine Weiterbildung in Angriff nimmt oder sich selbstständig macht, wird nicht mitgezählt. Zudem hält Huber die "Angst vor Hartz IV" für absichtlich geschürt, "damit Arbeitgeber ihre Angestellten besser ausbeuten können".
"Freibier für alle"-Mentalität?
Contra
Professor Gerd Habermann ist Direktor des Instituts der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer. In einem "Berliner Brief" kritisiert er die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens.
"Erstaunlich, welche exotischen Blüten aus dem Sumpfboden unseres Wohlfahrtsstaates wuchern", sagt Gerd Habermann über das im BGE enthaltene "Recht auf Faulheit". Das BGE definiert der Wirtschaftsphilosoph so: Ein allen Menschen, vom Säugling bis zum Greis individuell zustehendes, staatlich garantiertes Einkommen. Das BGE soll Armut verhindern und persönliche Entfaltung ermöglichen. Gängige Prüfungen der Ämter auf Bedürftigkeit sowie die generelle Verpflichtung zur Arbeit sollen wegfallen. Weitere Einkommen sollen "anrechnungsfrei" möglich sein, ohne vom Staat für Mehrarbeit mit höheren Steuersätzen zur Kasse gebeten zu werden. So weit, so gut.
Mit der Idee eines BGE würden die Vorschläge "sozialistischer Utopien" übertroffen, die stets eine staatlich gewährte Versorgungsgarantie des Bürgers mit seiner Arbeitspflicht verknüpfen. Dass das BGE mit dem durchaus christlichen Argument der "Menschenwürde" durchgesetzt werden soll, hält der Katholik Habermann für unverständlich. Sollte es unwürdig sein, zwecks Selbsterhaltung fürs tägliche Brot nun mal arbeiten zu müssen? Doch einen Staat, in dem alle per Sozialhilfe auf Kosten aller anderen leben können, hält Habermann für völlig ungerecht.
Die Effekte der BGE-Idee sind für ihn klar: Sinken der Arbeitsmotivation, besonders bei schlechter Verdienenden, Verknappen des Arbeitsangebotes und Ausbreiten einer "innovationsfeindlichen Rentnermentalität", prophezeit Gerd Habermann. Die von BGE-Befürwortern angedachte Besteuerung würde extrem hoch sein und besonders Reiche treffen, die ja auch arbeiten. Ist es tatsächlich unwürdig, sich selbst aus eigener Initiative erhalten zu müssen? Dass uns die Arbeit niemals ausgeht, zeigen Länder mit so genannter Vollbeschäftigung von der Schweiz bis Neuseeland. Zudem habe sich die Zahl der Arbeitsplätze durch umwälzendes Technisieren vermehrt. So entgegnet Habermann den Einschätzungen der BGE-Initiative: "Die Erfindung der Eisenbahn schuf mehr Arbeitsplätze, als sie im Kutschenbereich vernichtete." Ebenso sei das heute in der IT-Industrie. Kapitalflucht hält der Wirtschaftsprofessor trotz diverser Argumente von Sozialverbänden für wahrscheinlich. Deutschland würde damit innerhalb Europas zum "Idealland der Sozialeinwanderung".
Und nun? Unabhängig von den Pros und Contras eines BGE: Arbeit heißt wohl mehr als nur Geld verdienen. Gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung. Verbunden mit dem Gefühl, gebraucht zu werden.
Unser Autor Jan Thomas Otte (26) arbeitet als freier Journalist. Als Fellow an der Princeton University forscht er über Zusammenhänge von Management und Moral. Dazu studierte er Theologie in Heidelberg und machte ein BWL-Fernstudium. Otte ist Chefredakteur eines Online-Magazins (karriere-einsichten.de) und schreibt bei Fluter über Money-Themen, z.B. www.fluter.de.
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Was wie ein soziale Utopie klingt, wird in Deutschland seit einiger Zeit von Protagonisten unterschiedlichster politischer Positionen vertreten: die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, das auch unter den Begriffen "Solidarisches Bürgergeld", "Solidarische Bürgerversicherung" oder "Existenzgeld" diskutiert wird. Ist ein solches Grundeinkommen tatsächlich sinnvoller als die bestehenden Sozialsysteme, ist es überhaupt finanzierbar? Ist es also realisierbar?
Lesetipp:
Warum würdevolle Beschäftigung so wichtig ist? Manche haben Angst, ihren gut bezahlten Job zu verlieren. Sie lassen abends im Büro das Licht brennen. Viele finden aber keine Arbeit mehr, mit der sie finanziell über die Runden kommen. Ein permanentes Umverteilen der Arbeit vieler Menschen auf wenige Köpfe. Wie kann man trotzdem mehr Erfüllung im Job finden? Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter zeigen, wohin sich die Arbeitswelt der Zukunft entwickeln wird. Und sprechen auch über das bedingungslose Grundeinkommen:
Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter: Vom Glück zu arbeiten: Warum eine würdevolle Beschäftigung so wichtig ist (Frankfurter Allgemeiner Buchverlag, 29,90€)