Es gibt einen englischen Begriff, der Gisela Elsners Roman "Die Zähmung" von 1984 ganz gut beschreibt: "a curio". Denn "Die Zähmung" ist eine Kuriosität, ein Ding wie aus einer anderen Zeit. Eine Kuriosität, die sprachlich manchmal in Fetzen hängt und den Lesern und Leserinnen, ganz wie früher, "etwas sagen möchte".
Im Mittelpunkt des Romans steht ein fortschrittliches Ehepaar: Alfred Giggenbacher ist ein semi-erfolgreicher Schriftsteller, Bettina Begemann dreht Kulturbeiträge für das Fernsehen. Als die gemeinsame Tochter Josephine geboren wird, hilft auch das nicht, die gigantischen Risse im Ehefundament wieder aufzufüllen: Lieblos und keifend kreisen Giggenbacher und Begemann um die ewig gleichen Streitpunkte wie Salzkonsum und Zukunftsentwürfe.
Reinigungsmittel statt Reizwäsche
Schnell wird klar, dass der Kern des Problems dieser Nullbeziehung die fehlende berufliche Erfüllung Giggenbachers und das ungleiche Selbstbewusstsein der Eheleute ist. Begemann verdient beim Fernsehen viel Geld und versorgt damit die Familie, möchte sich aber anderen Aufgaben zuwenden: Nach einer Affäre mit einem gehypten jungen Autoren beginnt sie, einen Roman zu schreiben. Sie will Schriftstellerin werden. Für Recherchezwecke ist sie abends in Bars unterwegs und kommt immer öfter betrunken nach Hause.
Giggenbacher fühlt sich vernachlässigt. Er ist gezwungen, zu Hause zu bleiben und sich um Haushalt und Kind zu kümmern. Und so macht er eine Verwandlung durch: vom neidischen Schriftsteller zur neidischen Hausfrau. Seine Libido schrumpft und verschwindet schließlich ganz, Befriedigung holt er sich woanders: "Reinigungsmittel interessierten ihn mehr als weibliche Reize." Während der literarische Ruhm seiner Frau wächst, wachsen ihm Brüste. Wir sehen ihn zuletzt mit einer roten "Vati kann es besser"-Schürze.
Der Roman wirkt seltsam zeitlos. Das soll nicht wirklich ein Lob sein. Geschlechterverhältnisse sollte man – um im progressiven Slang zu bleiben – als historisches Kontinuum und nicht als festgesetzt betrachten, wenn man nicht den Mythos von dem ewig schwachen Geschlecht auf der einen Seite und von dem ewig starken Geschlecht auf der anderen Seite weitertragen möchte. Ein Ehemann, der den Großteil der Arbeit im Haushalt und auch den Großteil der Kindererziehung übernimmt, wäre heute wohl kaum aufregend genug, um um ihn herum einen ganzen Roman zu konstruieren. Deshalb hat Elsners Roman wohl eher Wert als Zeitdokument denn als Gender-Studie.
Und doch: "Die Zähmung" wirkt nicht wie ein Roman der 1980er-Jahre. Gisela Elsner hängt der Zeit hinterher. Problemlos könnte das Buch auch 1974 oder 1969 spielen. Nicht, weil sich seit diesen Jahren nichts geändert hätte – sondern weil kaum Bruchstücke der echten Welt ihren Weg in den Roman finden. Es bleibt unklar, ob das so gewollt ist oder aber Ausdruck einer tatsächlichen Blindheit der Autorin.
Zeitversetzter Realismus
Auch ästhetisch ist das Buch nicht Produkt seiner Zeit. Die Literatur der frühen Achtziger war geprägt von postmodernem Pop-Gebrüll und einem rüdem Tonfall. 1983 schnitt sich Rainald Goetz beim Klagenfurter Literaturwettbewerb die Stirn auf und las dann von den blutgetränkten Seiten seinen Text "Subito" vor (der in Teilen in seinem bald darauf erscheinenden Debütroman "Irre" auftauchte). Und ein Jahr später, im gleichen Jahr wie "Die Zähmung", erschien Jörg Fausers Heroin-Roman "Rohstoff" und "Der junge Mann" von Botho Strauß. Männer-Bücher, von denen sich Elsners Text auch sonst nicht stärker unterscheiden könnte.
Denn da ist es wieder, das Problem der Zeitlosigkeit: Elsner, (die Vorbild für die "Unberührbare" war, ein Film ihres Sohnes Oskar Roehler von 2000) benutzt einen ironischen Sprachstil mit Anklängen an Thomas Mann, aber auch mit Anklängen an den literarischen Minimalismus. Ihren Dialogen wurde damals von der Kritik öfters vorgeworfen, sie seien "papieren", also unlebendig. Tatsächlich erinnern sie in ihrer schleifenhaften Stilisierung an Texte von Loriot – einem weiteren Geschlechterbeobachter, der wie von gestern, von heute und von morgen zugleich wirkt.
Als Kommunistin wusste Gisela Elsner, dass wir alle nur Arbeiter in unserem eigenen Leben sind. Und dass wir – das ist ja das Perverse – diesen Zwang selbst weitertragen. Am Ende ihres Romans steht kein hämischer Rache-Triumph oder die Auflösung von Gender-Rollen. Sondern der Roman entpuppt sich als die Geschichte eines Paares, das sich selbst an der eigenen Entfaltung hindert, eines Paares, das anfängt, das eigene Gefängnis zu lieben.
Gisela Elsner: Die Zähmung (Verbrecher Verlag 2002, vergriffen, erhältlich bei zvab)
Fabian Wolff, 21, lebt als Student, Redakteur und freier Autor in Berlin.
Foto: ©photocase.com / jumidity
http://de.wikipedia.org/wiki/Gisela_Elsner
Mehr über Gisela Elsner auf Wikipedia
www.verbrecherverlag.de
Infos und Leseprobe zur "Zähmung" beim Verbrecher Verlag (eine Wiederauflage ist geplant!)
www.imdb.com
Mehr zu "Die Unberührbare" auf imdb.com
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