Blick auf Angers
Daniela Heimpel: Mareike, du bist als Städtebotschafterin von Osnabrück nach Angers in Frankreich gezogen. Was heißt das genau?
Mareike Hage: Es handelt sich um ein spezielles Programm zwischen Osnabrück und Angers, das im Rahmen einer sehr lebendigen Städtepartnerschaft entstanden ist. Jedes Jahr geht ein Osnabrücker oder eine Osnabrückerin für zwölf Monate als "Botschafter" in die französische Partnerstadt. Während umgekehrt auch ein junger Mensch aus Angers nach Osnabrück kommt.
Wie bist du darauf gekommen? Und wie konntest du dich dafür bewerben?
Ich wollte schon immer mal länger nach Frankreich gehen. Außerdem wusste ich nicht genau, was ich studieren sollte, und wollte mich erst einmal selbst finden. Da kam mir die offizielle Ausschreibung zum Städtebotschafter in der Zeitung gerade recht. Ich musste mich erst schriftlich bewerben und hatte dann ein Auswahlgespräch. Man sollte der Fremdsprache zumindest halbwegs mächtig sein, eigene Ideen sowie einen Bezug zu Frankreich und Angers haben. Ich habe es einfach versucht.
Prompt bist du angenommen worden. Wie ging es dann weiter?
Ich habe eine Art Einführung bekommen, die zuständigen Leute für den Austausch kennen gelernt und ein einwöchiges Praktikum im Büro der Städtepartnerschaften in Osnabrück gemacht, um mich in den Strukturen zurechtzufinden und zu lernen, wie die Arbeit zwischen beiden Städten funktioniert. Außerdem bin ich der Presse vorgestellt worden.
Was hat eine Städtebotschafterin so zu tun?
Ich habe ein Jahr lang Osnabrück in Angers repräsentiert. Bei vielen verschiedenen Gelegenheiten: bei offiziellen Empfängen, in Schulen oder wenn deutsche Delegationen oder Austauschgruppen kamen. Oft haben sich Lehrer gemeldet, in deren Klassen ich – häufig in Vorbereitung auf einen Austausch – von Deutschland und Osnabrück erzählt habe. Daneben hatte ich zahlreiche Dolmetscher- und Übersetzungsaufgaben, im Büro und in der Verwaltung, aber auch bei Events. Ein alljährliches Highlight ist zum Beispiel das Festival "Accroche-Cœurs", das immer Mitte September stattfindet. Da wird die Stadt zur Theaterbühne. Es kommen Delegationen aus den Partnerstädten nach Angers und müssen während ihres Aufenthaltes betreut werden. Und auch im Vorfeld ist schon viel Übersetzung, Vermittlung und Organisation nötig.
Einblick in die französische Verwaltung
Wie hat dir die Arbeit gefallen?
Gut! Ich hatte das ganze Jahr über tolle Projekte und habe mit wichtigen Leuten zusammengearbeitet – habe den Bürgermeister kennen gelernt, viele Delegationen empfangen. Außerdem habe ich einen Einblick in die französische Verwaltung bekommen. Das ist ein ganz anderer Ansatz, ein Land kennen zu lernen. Insgesamt war es eine sehr interessante Erfahrung. Auch wenn nicht immer alles glatt gelaufen ist.
Mareike
Was für Probleme gab es denn?
Es war manchmal gar nicht so einfach, eigene Projekte durchzuführen: wegen der französischen Hierarchie, die mir vorher nicht bekannt war: Die Entscheidungen werden oben gefällt, da hat man als Praktikantin nicht so viele Möglichkeiten, Neues anzustoßen. Und dann war es ja das erste Mal, dass ich ein ganzes Jahr von zu Hause weg war, dazu die fremde Sprache und Kultur … Das war anfangs schwierig. Hat sich aber bald gegeben. Mein Osnabrücker Chef hat mich immer unterstützt.
Würdest du dich heute wieder dafür bewerben?
Auf jeden Fall! Denn an all diesen Erfahrungen bin ich sehr gewachsen und habe persönlich viel mitgenommen – nicht nur, was die französische Sprache angeht, auch in kultureller Hinsicht. Klar hatte ich zuerst einen Kulturschock. Dann aber habe ich das Land und seine Kultur mit all ihren Eigenarten lieben gelernt. Man sollte nicht immer denken, die eigenen Denkmuster seien die richtigen, sondern man sollte offen für Neues sein. Manchmal habe ich mir fünfmal den Kopf eingerannt und gedacht, ich schaffe es nie – aber letztendlich ging es doch. Das Jahr war anstrengend, aber einfach klasse.
Meinst du, das Programm trägt zur Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen bei?
Ja – da Völkerfreundschaften auf der kleinsten Ebene anfangen; mit Chorbesuchen, Austauschen, kulturellen Veranstaltungen und persönlichen Kontakten. Die Partnerschaft zwischen Angers und Osnabrück ist sehr lebendig, was für beide Länder und für Europa positiv ist.
Zuletzt: Was würdest du zukünftigen Städtebotschaftern und Auslandsreisenden mit auf den Weg geben?
Am besten offen sein gegenüber allem. Man sollte sich nicht unterkriegen lassen und dem Neuen eine Chance geben. Man sollte die eigene Sichtweise überdenken, Dinge anders machen. Dann wird man sie auch anders erleben.
Daniela Heimpel (22) studiert Politikwissenschaft und Europastudien in Paris und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.
Fotos: GNUFDL / Privat
www.osnabrueck.de/4878.asp
Informationen zu den Osnabrücker Städtebotschaftern/innen
www.osnabrueck.de/6569.asp
Mehr über die Städtepartnerschaft von Osnabrück und Angers
Kommentare
Was bisher geschah...
Guter Artikel
Ein sehr schöner Artikel, der meine derzeitige Arbeit als Städtebotschafterin Osnabrücks in Angers 2010/2011 sehr gut darstellt. Eigentlich müsste es dieses Konzept des Städtebotschafteraustausch überall geben, aber nun so kann man als Osnabrücker noch stolzer sein, dass man die einzige deutsche Stadt ist, die das macht. :D
Tabea | 8. November 2010
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