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Es kann nur afrikanische Lösungen geben

Ein Gespräch mit dem Reporter Bartholomäus Grill über Afrika

20.2.2006 | Barbara Lich | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Bartholomäus Grill, 51, ist Afrika-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit in Kapstadt. Seit mehr als 13 Jahren berichtet er aus afrikanischen Ländern. Wir haben mit ihm über die Zukunft des Kontinents gesprochen: über Kriege und Friedenspolitik, reiche Staaten, die immer noch betteln, und darüber, dass die Frauen in Afrika eine entscheidende Rolle spielen.

Barbara Lich: "Ach, Afrika" - so heißt ein Buch, das Sie geschrieben haben. Das klingt nach einem ziemlich tiefen Seufzer. Ist der schwarze Kontinent ein hoffnungsloser Fall?

Bartholomäus Grill: Nein, keineswegs. Bei diesem Buchtitel spielen die Wahrnehmungsraster den Lesern/innen einen Streich: Würde man "Afrika" durch "Amerika" ersetzen, würde das gleich ganz anders klingen. Der Seufzer ist ein Ausdruck meines ambivalenten Verhältnisses zu Afrika. Man kann hier montags zu Tode betrübt sein und für Afrika keine Zukunft mehr sehen. Und dienstags ist die Stimmung schon wieder himmelhoch jauchzend. Man wird oft herumgeschleudert wie in einer Achterbahn der Gefühle.

Die Liste der afrikanischen Probleme ist dennoch unbestritten lang: Bürgerkriege, AIDS, Armut, Flüchtlingsströme, Analphabetismus ... Zudem bildet die Mehrzahl der Länder südlich der Sahara das Schlusslicht in der Weltwirtschaft. Welche Probleme sind Ihrer Meinung nach die größten?

Das ist sicherlich der Zerfall von Staaten, die Kriege und Gewaltexzesse und die zwangsläufig daraus resultierende Destabilisierung des Kontinents. Und außerdem: die verheerende HIV/AIDS-Pandemie.

Wo muss man konkret anfangen, etwas zu tun? Wo liegen die Prioritäten der Problembewältigung für eine positive Entwicklung Afrikas?

Oberste Priorität hat der Frieden, Afrika braucht eine neue Sicherheitsarchitektur. Man muss die Kriege beenden und die Staaten und ihre Institutionen wieder aufbauen. Erst dann kann man die gewaltigen Grundprobleme auf den Feldern Ernährung, Gesundheit und Bildung anpacken.

Warum aber ist in Afrika in den vergangenen Jahrzehnten so wenig passiert?

Da spielen viele interne und externe Faktoren eine Rolle. Zu den hausgemachten Problemen zählen vor allem die Unfähigkeit der politischen Eliten, das Staatsversagen, die Korruption, der Missbrauch des Staates als Selbstbedienungsladen. Bei den externen Faktoren muss man natürlich die historische Erblast des Kolonialismus nennen, aber auch die Folgen des Kalten Krieges: Da waren Afrika und seine Despoten nur Marionetten von Washington, Paris, London oder Moskau. Schließlich ist die Entwicklung des ökonomischen Weltsystems und die kontinuierliche Verschlechterung der "terms of trade" zu nennen. Die Afrikaner/innen haben für ihre Agrargüter und Rohstoffe immer weniger erhalten und mussten für ihre Einfuhren immer mehr zahlen. Hinzu kommt die massive Verschuldungskrise, die die Modernisierungspolitik der Weltbank ausgelöst hat.

Nun wird ja – auch in den Medien – häufig über den Nutzen von Entwicklungshilfe diskutiert. Was denken Sie: Ist Entwicklungshilfe sinnvoll oder stärkt sie auch künftig nur ungerechte politische Systeme?

Unsere Entwicklungskonzepte der vergangenen Jahrzehnte sind jämmerlich gescheitert – aber deshalb können wir jetzt nicht allen Beistand einfach abschaffen. Man muss die Hilfe zur Selbsthilfe neu organisieren. Ganz wichtig ist dabei: Afrika dürfen keine Rettungsrezepte zwangsverordnet werden, es kann nur afrikanische Lösungen geben. Sie müssen aus den Ländern selbst kommen. Aber natürlich müssen wir die Afrikaner/innen dabei kräftig unterstützen, alleine werden sie es nicht schaffen.

Wie sollte diese Unterstützung Ihrer Meinung nach aussehen?

Da gibt es unzählige Möglichkeiten. Nehmen wir nur das Beispiel Friedenspolitik. Man kann diplomatische Initiativen unterstützen, militärisch beraten und ausbilden, logistischen Beistand leisten, die Instrumente der Konfliktverhütung verbessern helfen.

Noch mal zurück zum Stichwort "afrikanische Lösungen": Muss dafür erst ein Problem- und Handlungsbewusstsein wachsen – oder gibt es das schon?

Die Afrikanische Union (AU) ist sich sehr wohl bewusst, dass sie die neue kontinentale Sicherheitsarchitektur selber gestalten muss. Damit es kein zweites Ruanda mehr gibt, damit ethnische Säuberungen wie in Darfur nicht mehr stattfinden, damit das Unwesen der Kindersoldaten aufhört. Auch die NEPAD-Initiative, ein wirtschaftliches Erneuerungsprogramm für den Kontinent, ist von dem Gedanken beseelt, dass die Afrikaner/innen für ihre Entwicklung selbst verantwortlich sind. Ich hoffe persönlich aber vor allem auf die regionalen Wirtschaftsverbände wie SADC oder Ecowas, die zunächst einen funktionierenden afrikanischen Binnenmarkt aufbauen müssen.

Es gibt ein Klischee, das besagt, die afrikanischen Männer säßen mit Palmwein unterm Baum, während die Frauen die Felder beackern und sich ganz nebenbei noch um die Familie kümmern. Stimmt das?

Jedes Klischee hat einen wahren Kern – auch dieses. Die Zukunft Afrikas liegt sicherlich zu einem Gutteil in den Händen der Frauen. Je mehr Frauen in der Politik und der Wirtschaft aktiv werden, umso besser.

Wenn man hier in Deutschland von Afrika spricht, bedenkt man oft gar nicht, dass es sich um einen Kontinent mit mehr als 50 Staaten handelt. Da gibt es doch sicher beträchtliche regionale Unterschiede. Welchen Ländern räumen Sie denn die größten Entwicklungschancen ein?

Südafrika, Namibia, Botswana, Mauritius, Mosambik, Angola, Uganda, Ghana. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Manche haben Bodenschätze, andere sind schlicht gut organisiert und ethnisch homogen. Ein Land wie Angola bräuchte dank seines Öl-Reichtums überhaupt keine materielle Entwicklungshilfe. Es braucht nur einen nationalen Wiederaufbauplan und eine gerechte Verteilung der Petro-Milliarden. Es ist eine Schande, wenn solche Staaten immer noch auf dem globalen Wohlfahrtsmarkt betteln gehen!

Und welchen Ländern wird es auch in Zukunft schlecht gehen?

Ländern, die unter langen Kriegen, Gewaltexzessen und selbstzerstörerischen Verteilungskämpfen um Ressourcen leiden. Länder wie Kongo, Somalia, Liberia, Sierra Leone.

Wagen Sie doch mal eine Prognose: Wie sieht Afrika in 20, 30 Jahren aus?

Das wüsste ich auch gerne, das ist eine Zehn-Millionen-Dollar-Frage! Nun, im Ernst: Afrika wird in einigen Regionen aufblühen und in anderen noch durch eine lange Krise gehen, vor allem in den Kriegsgebieten. Die Situation in der Demokratischen Republik Kongo wird zum Beispiel oft mit dem Dreißigjährigen Krieg in Europa verglichen.

Barbara Lich ist fluter-Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Foto: Bartholomäus Grill


www.bpb.de/Die_Zukunft_Afrikas
Videointerviews über die Zukunft Afrikas unter anderem mit dem Schriftsteller Wole Soyinka, dem Philosophen Emmanuel Mabe oder dem Chefredakteur von Afro-Berlin TV André Degbeon

www.bpb.de/Dossier
Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet zugleich Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

www.duei.de
Das Institut für Afrika-Kunde am Deutschen Übersee-Institut in Hamburg bietet Online-Publikationen zu Afrika an.

www.ub.uni-frankfurt.de
Die Website der Universitätsbibliothek enthält eine umfassende Linksammlung zu allen relevanten Themen über Afrika.

Buch-Tipp:

Bartholomäus Grill
Ach, Afrika
Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
Gebundenes Buch, 384 Seiten, 10 Abbildungen, Siedler Verlag
Preis 24,00 Euro

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