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Bloggen in Afrika

Ein Kontinent auf dem Weg ins Netz

20.2.2006 | Janko Röttgers | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Hunger, Bürgerkriege und traurig dreinblickende Kinder – das sind die Bilder, die wir aus Afrika gewohnt sind. Doch iPods, drahtlose Internet-Zugänge und Satellitentelefone? Kaum jemand denkt bei Afrika an neue Technologien. Dabei gehören diese für eine wachsende Zahl junger Afrikaner und Afrikanerinnen zum Alltag. Selbstbewusst bedienen sie sich neuer Medien, um ihren Platz in der vernetzten Weltgemeinschaft zu beanspruchen.

Besonders aktiv sind dabei afrikanische Blogger/innen. Als Bob Geldof im vergangenen Sommer in Dublin zum Benefiz-Konzert Live 8 lud, machte sich der unter dem Pseudonym M auftretende Autor des kenianischen Weblogs Thinker's Room über die Wohltätigkeitsgeste des "weltbekannten Rockstars" lustig: "Wie viele von uns würden ihn auf der Straße erkennen? Wann veröffentlichte er seinen letzten Rock-Hit? Was ist der Name seiner letzten CD?" M untermauerte seine bissigen Kommentare mit fundierter Kritik an westlicher Wohltätigkeitspolitik: "Es ist völlig sinnlos, mir meine Schulden zu erlassen, wenn ihr mir nicht ermöglicht, Geld zu verdienen."

Afrika ist normal

Thinker's Room ist kein Einzelfall. In Ländern wie Kenia, Nigeria, Tunesien und Südafrika sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Weblogs entstanden. Experten schätzen, dass es bis zu zehntausend aktive afrikanische Weblog-Autoren/innen gibt. Lokale Blog-Portale wie KenyaUnlimited oder der Nigerian Blogs Aggregator helfen ihnen dabei, sich untereinander zu vernetzen.

Ethan Zuckerman vom Internet-Institut der Harvard Universität will dafür sorgen, dass die Beiträge afrikanischer Blogger/innen auch in anderen Ländern wahrgenommen werden. Zuckerman hat dazu mit einer Reihe von Gleichgesinnten die Web-Plattform Global Voices und den Weblog-Aggregator BlogAfrica gegründet. BlogAfrica sammelt täglich bis zu hundert Einträge afrikanischer Blogger/innen – vom politischen Beitrag bis zum typischen Tagebuch-Eintrag.

Das Team von Global Voices filtert daraus eine Hand voll besonders lesenswerter Texte heraus. "Es war lange Zeit sehr schwer für durchschnittliche Afrikaner/innen, Gehör zu finden", erklärt Zuckerman. "Die Medien des Westens kümmern sich für gewöhnlich nicht besonders um Afrika. Und wenn sie es tun, dann geht es um Konflikte, Hunger und Verzweiflung. Blogs zeigen uns den Alltag, die Interessen und die Probleme von Afrikanern/innen." Viele afrikanische Blogger/innen verstehen sich denn auch ganz bewusst als mediales Gegengewicht. So schreibt der nigerianische Blogger Teju Cole: "Das Wichtigste, was man über Afrika lernen kann, ist, dass es normal ist."

Internet statt Telefon

Zugegeben: Normal sind Blogs in Afrika bisher nur für eine kleine Elite mit Zugang zu Universitäten, Internet-Cafes oder einem Job in einem der High-Tech- oder Finanzzentren des Kontinents. Doch die Telekommunikationsindustrie wächst in vielen afrikanischen Ländern rasant. Eine wichtige Rolle spielen dabei Handys. So gibt es in Südafrika zwar erst 120.000 Internetzugänge mit DSL-Geschwindigkeit, doch der Mobilfunk-Anbieter Vodacom verzeichnet bereits mehr als 17,5 Millionen Kunden/innen.

Fehlende Glasfaser-Internet-Infrastruktur sorgt in vielen Ländern dafür, dass Satellitentelefone den Zugang zur Datenautobahn sicherstellen. So berichtete die Washington Post kürzlich, dass selbst sudanesische Rebellen ihre Webseiten über Satellitenverbindungen auf den letzten Stand bringen. Und im Kongo hat die durch jahrelangen Bürgerkrieg zerstörte Telekommunikations-Infrastruktur dazu geführt, dass findige Unternehmen satellitengestützte Internet-Telefonie als Dienstleistung anbieten.

In vielen afrikanischen Ländern wird der Telefon-Markt noch von monopolistisch auftretenden Anbietern kontrolliert. Viele hoffen in diesem Klima auf Internet-Anbieter als eine Alternative zu klassischen Telekommunikationsfirmen. So nutzt Bushnet Satelliten zum Vernetzen von ländlichen Gegenden in Uganda und Kenia. In der kamerunischen Metropole Douala sollen in den nächsten Monaten 4.000 Straßenlaternen mit drahtlosem Internet ausgerüstet werden. Ein Schwerpunkt soll dabei auf Gegenden liegen, die bisher nicht ans Telefonnetz angeschlossen sind.

Gegen die Selbstversklavung

Während die Vernetzung des Kontinents erste Fortschritte zeigt, denken einige afrikanische Intellektuelle bereits weiter. Wichtig sei es auch, eigene Online-Inhalte zu produzieren. Wenn afrikanische Netznutzer/innen nur zu Downloadern des europäischen und US-amerikanischen Wissens würden, dann führe dies zu einer Art Selbstversklavung, schrieb dazu kürzlich die nigerianische Zeitung Daily Champion.

Bei Bloggern/innen wie dem Autor des Thinker's Rooms fallen solche Forderungen nach einer Online-Unabhängigkeit auf fruchtbaren Boden. Anlässlich seiner Kritik an Live 8 erklärte dieser abschließend: "Die Einzigen, die Afrika helfen können, sind Afrikaner/innen."

Janko Rottgers schreibt aus Los Angeles für deutsche Zeitungen und Magazine.


Thinker's Room: www.thinkersroom.com

Kenya Unlimited: www.kenyaunlimited.com

Der Nigerian Blogs Aggregator: www.nigerianbloggers.com

BlogAfrica: www.blogafrica.com

Global Voices: http://cyber.law.harvard.edu/globalvoices

Teju Cole: http://tejucole.typepad.com

www.bpb.de/Afrika
Klischees bestimmen weithin unser Afrika-Bild. Die vielfältigen Ansätze zur Modernisierung und Entwicklung werden allzuoft von Berichten über Krisen und Katastrophen überlagert. Wie sieht der afrikanische Alltag tatsächlich heute aus? Das Buch informiert über die spannungsreiche Begegnung von Tradition und Moderne in Afrika.

www.bpb.de/Zukunft_Afrikas
Afrika der Mythos, Afrika der ewige Patient: Wohin geht die Reise für die Menschen des schwarzen Kontinents? In der Video-Interviewreihe geht es um Lebenswege, Entwicklungschancen, Traditionen und Partnerschaften der Menschen aus den Ländern südlich der Sahara.

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