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Überleben in den Straßen von Lilongwe

Was junge Menschen in Malawi für Business-Träume haben

13.2.2006 | Pamo Roth | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Edward Zembe, 18 Jahre, ist ein "Jumbo-" oder "Plastik-Boy". Seit drei Jahren verkauft er Plastiktüten. Eine Tüte mit dem Aufdruck der "Statue of Liberty" kostet 20 Kwacha, 13 Cent. Da er sie für 12 Kwacha bekommt, hat er eine Gewinnspanne von ungefähr 5 Cent – wenn er eine verkaufen kann. Aber die Konkurrenz ist groß. Gleich neben ihm steht ein anderer "Jumbo-Boy", George, sein bester Freund. Fast zu optimistisch klingt Edwards Schätzung über seinen Tagesverdienst von 3 Euro – bei 60 verkauften Plastiktüten. Sogar in der Haupteinkaufsstraße von Lilongwe brauchen die meisten Käufer/innen kaum Tüten.

Das südostafrikanische Land Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von unter 150 Euro im Jahr. Mehr als 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind mit Aids infiziert und nur 60 Prozent können lesen und schreiben. Augrund der großen Armut, fehlender Klassenräume und langer Wege geht durchschnittlich nur jedes zweite Kind zur Schule.

Geld für einen Shop

Edward hat die Schule in der achten Klasse verlassen und unterstützt jetzt seine Familie. Von sieben Uhr morgens bis nachmittags um fünf, wenn die Geschäfte schließen, steht er hier neben der Hauptstraße. Jetzt ist Regenzeit. Wenn es zu stark regnet, warten er und seine "Business"-Freunde unter den Vordächern der kleinen Shops, bis es aufhört. "Ich liebe meine Arbeit", sagt er. Wenn er irgendwann genug Geld hat, möchte er einen Shop haben – aber nicht nur mit Plastiktüten: "Dort will ich Seife, Speiseöl und Gemüse verkaufen."

Von einem eigenen Laden träumt auch Christine March, 24. Ihr Beruf unter den Bäumen neben der Hauptstraße von Lilongwe heißt "Operator". Sie sitzt kerzengerade auf einem kleinen Holzhocker. Vor ihr auf einem anderen Hocker steht ein Telefon, ihr Kapital – oder besser gesagt, das von ihrem Chef. Das Telefonkabel hat offene Stellen, an denen der bloße Draht zusammengeknotet ist. Dieses labil zusammengehaltene Kabel verläuft über den Weg zu einem Baum und verschwindet dort im grünen Dickicht. Das vorher weit verbreitete illegale Anzapfen der Telefonleitungen wurde in Malawi mit jeweils einer Zahlung von 6.000 Kwacha, 38 Euro, quasi legalisiert. Als einzige Arbeitsgeräte hat Christine eine Stoppuhr und ein Rasiermesser zum Reparieren der Leitung und einen Kuli samt Heft, in das sie die telefonierten Zeiten einträgt.

Jeden Abend kommt ihr "Boss", um das Geld einzusammeln. "Ich mag meinen 'Boss' nicht", Christines zuerst leise Stimme wird kräftiger: "Ich arbeite hart, und er verdient das Geld." Nachdem sie in den ersten zwei Monaten gar keinen Lohn bekommen hat, behielt sie einfach 2.000 Kwacha, 12 €, also ein Viertel von dem, was sie eigentlich verdient hätte, in ihrer Tasche. "Er liebt das Geld zu sehr", sagt sie lakonisch und es klingt fast verständnisvoll. Viel erwartet die junge Mutter eines 5-jährigen Sohnes nicht mehr von ihrem Leben. Tragetücher für Babys möchte sie verkaufen in ihrem eigenen Laden, von dem sie träumt.

Denis' Rampate Productions

Wesley Denis Chimganda, 29, hat schon einen eigenen Shop – unter freiem Himmel. Er sagt, er sei der Erfinder der Idee, durchlöcherte Kronkorken zu Matten und Körben zu flechten, und nennt es "Rampates". Der Tag, der sein Leben veränderte, ist in seine Erinnerung eingebrannt: "Es war der 29. Juni 2001. Ich bin bewusstlos geworden und mit einem Arm und einem Bein ins Feuer gerollt." Wahrscheinlich sei es ein epileptischer Anfall gewesen. Er kommt für acht Monate ins Krankenhaus. Als er für ein Gewinnspiel die Innenlaschen von Kronkorken entfernt und nur Nieten hat, überlegte er, was er mit dem nutzlosen Haufen an Blechdeckeln anfangen könnte. Mit einem Nagel und Hammer schlägt er vier Löcher in die Deckelseiten und verbindet mehrere Deckel mit einem Draht zu einer Matte. Sein innovatives "Business" heißt: Denis' Rampate Productions.

Um sechs Uhr morgens kommt er schon hierhin, damit sich niemand anderes auf den Sandplatz neben der Hauptstraße stellt. "White Ladies sind meine besten Kunden. Die Malawier staunen nur und bewundern die Matten, kaufen aber nichts", lachend gibt er zu, dass er von ausländischen Touristen/innen das Sechsfache für eine "Rampete"- Matte verlangt, 30 Euro. Durchschnittlich verkauft er eine pro Monat und arbeitet daran zwei Wochen: eine Woche, um 6.000 Deckel zu durchlöchern, die andere zum "Aneinanderweben".

Weil das Konzentration erfordert, die er hier auf der Straße nicht hat, "webt" er nachts zu Hause. Wenn er müde wird, schläft er stundenweise zwischendurch. "Ich arbeite für zwei, aber ich bin nicht stolz. Ich mag meine Arbeit einfach", sagt er und blickt mit strahlenden Augen auf. "Ich kann alles mit meinen Händen machen, ohne innezuhalten, ohne Unterlass." Seine Hände sind übersäht mit Schnittwunden vom Draht, seine Finger zerfurcht von den scharfen Rändern der Kronkorken. An den Fingerkuppen haben sich Schwielen gebildet, weil er bei der filigranen Arbeit keine Handschule tragen kann. Welche Wünsche er hat? Ohne Zögern antwortet Denis: "Ein Schweißgerät und einen Generator."

Pamo Roth studiert an der Berliner Jounralistenschule.

Fotos: ©Pamo Roth



www.auswaertiges-amt.de
Informationen des Auswärtigen Amts zu Malawi

www.wikipedia.org
Alles zur Geschichte, Wirtschaft, Kultur des Landes, außerdem eine Karte von Malawi

www.lib.utexas.edu
Eine politische Karte Afrikas

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