Sehapa Moeletsi tanzt mit ein paar Freunden auf minimalem Platz. Die Stimmung ist ausgelassen: Auf den plüschigen Sofas sitzt niemand mehr. In die "Devine Lounge" im Nobelviertel Rosebank von Johannesburg drängen immer mehr Menschen. Kein einziges weißes Gesicht ist dabei. Stickiger Zigarrenrauch wabert durch die Luft. Der Türsteher ist streng bei seiner Auswahl: Mit Turnschuhen oder einem billigen T-Shirt kommt niemand rein. Die meisten Brusttaschen zieren Polospieler oder Krokodil. "Wir haben etwas geschafft, was es in Südafrika nie zuvor gegeben hat", sagt Sehapa Moeletsi über die neue "Blackoisie".
Er gehört zur aufstrebenden schwarzen Mitteklasse – vor zwölf Jahren, zu Zeiten der Apartheid, undenkbar. Die schwarze Bevölkerung bekam nur minimale Schulbildung; in weiße Wohngebiete durfte sie den Fuß nur setzen, um als Gärtner oder Dienstmädchen zu arbeiten – ansonsten drohte Gefängnis; und die Elendsviertel waren ganz selbstverständlich ihr Zuhause. Menschen wie Sehapa gehören mit zu den Ersten, die nach dem Ende der Rassentrennung 1994 studiert und in der Wirtschaft erfolgreich ihren Platz gefunden haben. Sie sind die Zukunft des neuen Südafrikas.
Stolze Marken-Fetischisten
Die schwarze Mittelschicht wächst seit Beginn der Demokratie im Jahresdurchschnitt um 21 Prozent – und mit ihr der Konsum. Marken spielen eine wichtige Rolle. Nicht umsonst werden die Aufsteiger/innen auch "buppies" genannt – black yuppies. Viele Schwarze kaufen sich nun Häuser in den ehemals weißen Vororten: Laut einer der größten südafrikanischen Immobilienfirmen, Pam Golding, macht die schwarze Mitteklasse 20 Prozent ihres Geschäftes aus – 1998 waren es nur 7 Prozent. Der Verkauf von Möbeln an die jungen Aufsteiger/innen hat 2004 um 76 Prozent zugenommen; im übrigen Markt hingegen nur um 40 Prozent. Die "Blackoisie" sieht ihre Zukunft rosig: Der Index fürs Verbrauchervertrauen lag im dritten Quartal 2005 für sie bei 21 Punkten – bei den Weißen hingegen nur bei 10.
Denn der glitzernde Verkaufspalast in Johannesburgs Zentrum ist der erste BMW-Händler in schwarzer Hand – dank des "Black Economical Empowerment" (BEE). Das Regierungsprogramm fördert verstärkt die unter der Apartheid diskriminierte Bevölkerung: neben Indern und Farbigen vor allem Schwarze. Sie machen 75 Prozent aller Südafrikaner/innen aus. Schwarze werden jetzt bei der Firmengründung besonders gefördert; weiße Firmen, die sich schwarze Partner an Bord holen, haben bessere Chancen Regierungsaufträge zu bekommen; Schwarze werden bei Beförderungen bevorzugt; und ihnen wird der Kauf von Aktien durch Sonderkonditionen erleichtert. Erst im November 2005 verkaufte Diamantengigant De Beers 26 Prozent seiner Aktien an eine schwarze Firma.
In den Schlagzeilen tauchen aber auch regelmäßig Fälle auf, bei denen Schwarze nur scheinbar einem Unternehmen vorstehen. Tatsächlich aber ziehen Weiße im Hintergrund die Fäden und versuchen so in den Genuss der BEE-Vorteile zu kommen. Der Hauptkritikpunkt aber ist, dass bislang nur eine kleine Elite von den Fördermaßnahmen profitiert: Nach einer Studie des Human Sciences Research Councils beträgt die schwarze Mittelklasse 11 Prozent. Dem stehen 39 Prozent gegenüber, die in bitterster Armut leben. In den letzten Wochen haben sich teilweise blutige Proteste verstärkt, weil die Regierung immer noch nicht die versprochenen Häuser mit Wasser- und Stromanschluss gebaut hat. Außerdem beträgt die Arbeitslosigkeit offiziell 26,7 Prozent: bei schwarzen Männern 26,6 Prozent, bei weißen hingegen nur 3,6 Prozent.
Der "Blackoisie" wird aus den eigenen Reihen vorgeworfen, genauso materialistisch zu sein wie die Weißen. "Die Gemeinschaft hat bei uns immer eine große Rolle gespielt, vor allen Dingen zu Apartheidzeiten", sagt Sehapa Moeletsi, "das dürfen wir nicht vergessen." Innerhalb von zwölf Jahren sind Schwarze wie er weit gekommen. Ihr Wohlstand wird nicht über Nacht zu unteren Schichten durchsickern. Aber Sehapa Moeletsi weiß auch, dass das nicht allzu lange dauern darf: "Wir müssen uns beeilen. Ansonsten wird es in Südafrika wie bei der Französischen Revolution – nur zehnmal schlimmer."
Eva Lodde studiert an der Berliner Journalistenschule. Zurzeit macht sie ein Praktikum bei der dpa in Südafrika.
Fotos: ©Sehapa Moeletsi
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