Wie sehen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Afrika und Europa eigentlich aus? Europa kauft vor allem landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe wie Erdöl, Diamanten oder Coltan, ein Roherz aus Zentralafrika, das für die Produktion von Handys verwendet wird. Aber ist das wirklich alles? Was brauchen die Länder Afrikas? Susanna Wolf ist seit 2004 Mitarbeiterin bei der UN-Wirtschaftskommission für Afrika in Addis Abeba, Äthiopien. Mit ihr sprachen wir über Zölle, Abkommen, Profite – und Schnittblumen.
Marcus Pawelczyk: Frau Wolf, Sie leben derzeit in Äthiopien. Nennen Sie doch mal die wichtigsten Exportgüter des Landes.

Susanna Wolf: Kaffee, Leder, Gold, Ölsaat und Hülsenfrüchte. Seit neuestem auch Schnittblumen, die hauptsächlich in die Niederlande und nach Deutschland, aber auch in andere europäische Staaten geliefert werden.
Dieser Blumenexport ist uneingeschränkt möglich?
Pflanzen gehören zu den Agrar-Produkten, die – mit wenigen Ausnahmen – freien Zugang zum EU-Binnenmarkt haben. Es müssen also keine oder nur geringe Zollgebühren bezahlt werden.
Seit wann ist das so?
Die Europäische Union ist bereits 1975 durch das Lomé-Abkommen eine erste Partnerschaft mit Staaten in Afrika, der Karibik und dem Pazifik (AKP) eingegangen. Seitdem sind die Wirtschaftsbeziehungen intensiviert worden. Mit den Beschlüssen von Cotonou im Jahr 2000 wurden schließlich umfassende Reformen eingeleitet, die momentan geprüft werden. Im Vordergrund stehen drei Aspekte: politische Kooperation, Entwicklungszusammenarbeit und vor allem Handelserleichterungen. Die Befreiung von Zöllen ist ein wichtiger Bestandteil davon.
Und umgekehrt: Müssen europäische Staaten Einfuhrgebühren für ihre Produkte nach Afrika zahlen?
Bislang ja. Und hier liegt genau das Problem. Die Welthandelsorganisation (WTO), die globale Wirtschafts- und Handelsbeziehungen regelt, verlangt in diesem Bereich eine Gleichbehandlung: Wer keine Zollabgaben leisten muss, darf auch keine erheben. Deshalb sieht Cotonou die Einrichtung von Freihandelszonen zwischen der EU und den AKP-Staaten vor. Geregelt im Rahmen von Wirtschaftspartnerschaftsabkommen. Bis 2007 sollen die Verhandlungen darüber abgeschlossen sein.
Wie wird das Abkommen finanziert?
Im Wesentlichen aus dem Europäischen Entwicklungsfonds (EEF). Die Mittel belaufen sich auf 13,5 Milliarden Euro für einen Zeitraum von fünf Jahren. Deutschland ist mit rund 23 Prozent nach Frankreich zweitgrößter Beitragszahler.
Wer profitiert am meisten davon?
In erster Linie die ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich. Sie verfügen über die größten Marktanteile auf dem afrikanischen Kontinent. Wenn sie in Zukunft ihre Waren ohne Zollgebühren exportieren dürfen, steigt ihr Gewinn natürlich an. Deutschland profitiert nicht in gleichem Maße. Dafür pflegen wir einfach keine ausgeprägten Handelsbeziehungen in Afrika. Allerdings zieht Deutschland einen Nutzen aus Entwicklungshilfe-Aufträgen, etwa beim Straßenbau.
Welche Nachteile resultieren aus dem Cotonou-Abkommen für die afrikanischen AKP-Staaten?
Durch die Einrichtung von Freihandelszonen verlieren diese Länder an Einnahmen, weil sie europäische Produkte ohne Gebühren einführen müssen. Und die einheimische Industrie wird durch die Konkurrenz aus Europa weiter zurückgedrängt. Den Verlust können sie nur durch eine gesteigerte Produktivität ausgleichen. Die meisten afrikanischen Wirtschaften besitzen jedoch gar keine verarbeitenden Technologien, mit denen sie auf hohem Niveau produzieren können. Bürokratie, Korruption und eine schwache Infrastruktur tragen mit dazu bei, dass sie den hohen Anforderungen kaum gerecht werden können. Und dann büßen sie auch wegen Chinas Wirtschaft an Marktanteilen ein.
Wegen China?
Nehmen Sie das Beispiel Kleidung. Seitdem im vergangenen Jahr der weltweite Textilmarkt nach Europa hin geöffnet wurde, verdrängt die chinesische Wirtschaft zunehmend die afrikanische Konkurrenz. Allein in Kenia musste die Produktion von Textilien um ein Vielfaches zurückgefahren werden. Tausende von Arbeitsplätzen gingen verloren.
Gelten die Regelungen von Cotonou für ganz Afrika?
Nein. In den AKP-Staaten sind nur die subsaharischen Länder Afrikas vertreten, also diejenigen, die südlich der Sahara liegen. Für die nordafrikanischen Staaten hat die EU das Euro-Mittelmeer-Abkommen geschlossen. Es sieht ebenfalls Freihandelszonen vor, die bis 2010 eingerichtet sein sollen.
Warum unterscheidet die EU ihre Handelsbeziehungen innerhalb Afrikas?
Die Ökonomien der nordafrikanischen Länder sind viel stärker entwickelt. Durch ihre günstige geografische Lage sind zudem die Transportwege von Ägypten, Marokko oder Tunesien nach Europa viel kürzer als etwa aus Uganda. Und man darf die Migrationsdimension nicht unterschätzen.
Wieso?
Frankreich oder Großbritannien sind frühere Kolonialmächte, die heute noch sehr enge Beziehungen zu den Staaten pflegen, die sie früher besetzt hielten. Viele Algerier/innen oder Marokkaner/innen leben mittlerweile in Frankreich, zahlreiche Ägypter/innen sind nach England emigriert. Diese EU-Mitgliedsländer haben ein hohes Interesse daran, durch den prosperierenden Handel die Migrationsströme unter Kontrolle zu halten.
Also ist Afrika letztlich zu stark von Europa abhängig?
Was die Wirtschaftsbeziehungen anbelangt: definitiv ja. Ein Handel ist immer ein dynamischer Prozess. Sinken beispielsweise die Ölpreise weltweit, verringern sich gleichfalls die Einnahmen. Dasselbe Prinzip gilt für Kaffee, Tee oder – unser vorheriges Beispiel – für Schnittblumen. Und von diesen Schwankungen sind etliche afrikanische Staaten betroffen.
Gibt es denn keine Alternativen?
Kurzfristig nicht. Eine plötzliche Aufgabe der Abkommen mit Europa wäre sowieso undenkbar, weil es vertraglich festgesetzte Fristen gibt und die meisten AKP-Länder von der Europäischen Entwicklungshilfe abhängig sind. Andererseits investiert zum Beispiel China neuerdings verstärkt in Afrika und auch die Exporte nach China steigen zurzeit stark an. Das löst allerdings nicht das Problem der Abhängigkeit von wenigen Rohstoffen.
Steuern die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und Afrika also in eine ungewisse Zukunft?
Nehmen Sie noch einmal das Abkommen von Cotonou. Wichtige Aspekte davon werden derzeit nur schleppend verhandelt. Die so genannten AKP-Regionalgruppen wie zum Beispiel die Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft Zentralafrikanischer Staaten (CEMAC), mit denen ein Freihandelsabkommen diskutiert wird, sind gegenüber der EU-Bürokratie in einer schwachen Verhandlungsposition. Gleichzeitig ändern sich die Spielregeln des Welthandels. Das erschwert zusätzlich die Einschätzung, welche Folgen neue Abkommen mit der EU für die Arbeitsplätze in Afrika haben werden.
Marcus Pawelczyk ist Online-Volontär bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
www.bpb.de/Afrika_und_Europa
Susanna Wolf: Mehr zu den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Afrika und Europa
www.bpb.de/EU_als_internationaler_Akteur
Die EU als internationaler Akteur in Afrika
www.auswaertiges-amt.de
Auswärtiges Amt - Beziehungen EU-AKP-Staaten - Partnerschaftsabkommen
www.weltpolitik.net
Weltpolitik.net der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik
www.welthungerhilfe.de
Auf der Homepage der Deutschen Welthungerhilfe finden Sie Informationen über aktuelle Entwicklungen unter anderem in Afrika.
www.swp-berlin.org
Die Forschungsgruppe Naher Osten und Afrika der Stiftung präsentiert aktuelle Studien zu ausgewählten afrikanischen Themen.
Kommentare
Dein Kommentar