Seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Négritude-Bewegung für die Dekolonisation afrikanischer Staaten gekämpft hat, hat sich auf dem so genannten "verlorenen Kontinent" viel verändert. Die ehemaligen Kolonien sind politisch zwar längst unabhängig, aber wirtschaftlich auf die Entwicklungshilfe des Westens angewiesen. Prof. Hans Illy vom Arnold-Bergstraesser-Institut hat schon in den 1960er-Jahren zum Thema Entwicklungspolitik gearbeitet. Er kennt den Kontinent und die Probleme der Länder. Mit fluter hat er über die Last des Kolonialismus gesprochen und über den Sinn und Unsinn von Entwicklungsgeldern.
Anne Haeming: Wenn man Ihnen vier Milliarden Euro in die Hand drücken würde, also so viel wie das Entwicklungsministerium pro Jahr zur Verfügung hat, wofür würden Sie es investieren?
Prof. Illy: Ich wäre sehr vorsichtig damit, Geld zu verteilen. Denn das ist in den vergangenen 40 Jahren geschehen, und unser Anteil für Afrika ist relativ hoch im Vergleich zu anderen Kontinenten. Es gibt allerdings viele Gründe, warum die Mittel bislang nicht sinnvoll eingesetzt wurden. Unsere Logik in den Sechzigern war: Wir verbessern die soziale Infrastruktur, leisten Hilfe beim Straßenbau, bauen Flughäfen, dann werden die Unternehmen schon kommen, sich ansiedeln, Arbeitsplätze schaffen und die Lage verbessert sich. Aber das hat eben nicht funktioniert.
Warum?
Meine These ist: In Afrika hat bislang keine psychologische Entkolonialisierung stattgefunden. Dieser Geist ist nach wie vor da. Da geht es nicht um ökonomische oder strukturelle Abhängigkeit, sondern um eine rein psychologische: Der Westen hat Afrika psychologisch abhängig gehalten. Wenn etwas schief geht, wenn Probleme auftauchen, dann wird in Afrika immer erst einmal die Hand aufgehalten.
Die psychologische Abhängigkeit ist also nur eine Fortsetzung der Kolonialzeit?
Im Prinzip schon, diese Abhängigkeit ist während der Kolonialzeit angelegt worden: Die Psychologie der Kolonialisierung bedeutet, der Mensch ist unselbstständig. Banal gesagt: Afrikaner/innen sind abhängige Menschen.
Wie äußert sich das?
In Angola zum Beispiel haben nach dem Bürgerkrieg viele westliche Länder eine Zusammenarbeit angeboten. Die Eliten haben nur gesagt: Wir geben euch eine Region, wenn ihr helfen wollt, dann macht da, was ihr wollt. Oder nehmen Sie Benin, eines der demokratischsten Länder Afrikas: Da wurde ein Bürgermeister direkt nach seiner Wahl gefragt, was er denn jetzt als Erstes machen wolle. Er hat geantwortet: Ich warte auf Order vom Präfekten. Der Blick ist also immer nach oben gerichtet, auf eine andere Autorität. Aber die Leute müssen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte haben, den Mut haben, frei zu diskutieren – das haben sie nicht gelernt.
Und warum hat die Entwicklungshilfe der vergangenen Jahrzehnte nichts daran ändern können? Wir haben uns nur auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentriert und es versäumt, darauf zu achten, welche politischen Entwicklungen es in den Ländern gibt, ob etwa eine Demokratisierung stattfindet. Es galt die Devise, sich nicht in die Politik einzumischen. Im vergangenen Jahr bin ich nach Kamerun gereist, dort habe ich in den 1960er-Jahren lange gelebt. Und ich muss sagen: Es gibt keine Veränderung. Die Leute sind desillusioniert. Es gibt in den meisten afrikanischen Staaten einfach kein Vertrauen in die Herrschenden.
Warum? Die Machthaber verhindern ökonomische Privatinitiativen, sie behindern die Unabhängigkeit der Justiz, gehen nicht gegen die Korruption vor. So lange wir etwa nur die Infrastruktur finanzieren, bereichern sich korrupte Herrscher weiter an den Staatseinnahmen. Der Präsident kauft sich dann eben ein Flugzeug und ein Schloss in Frankreich.
Ist Entwicklungshilfe dann nicht eine neue Form von Neokolonialismus? So weit will ich nicht gehen. Was die Weltbank macht, nämlich Strukturanpassungsprogramme zu fördern, ist sinnvoll. Nur die Mittel sind eben nicht dort angekommen, wo sie sollten. Inzwischen würde ich sagen, dass man nur noch von Armutsbekämpfung sprechen kann, von Katastrophenhilfe – nicht von Entwicklungshilfe. Das ist die Realität. Henning Mankell hat neulich in der
Zeit gesagt, das Bild Afrikas werde in den Medien falsch vermittelt. Damit hat er nicht ganz unrecht, aber es ist eben absolut nicht so, dass 90 Prozent afrikanischer Realität nur aus tanzenden, singenden, trommelnden Menschen besteht.
Ein Weg, den die afrikanischen Staaten seit einigen Jahren verstärkt beschreiten, ist eine Form der Selbsthilfe: Es gibt supranationale Bündnisse wie die Afrikanische Union (AU), eine Art afrikanische EU, oder etwa Nepad, ein Entwicklungsprogramm der AU. Taugt das was? Es sieht auf dem Papier sehr gut aus, aber de facto ist nichts auf den Weg gebracht worden. Wir unterstützen diese Konfliktlösungsmechanismen natürlich, aber die Bündnispartner gehen in der Regel davon aus, dass der Westen zu 100 Prozent finanziell dafür aufkommt. Aber das genau geht eben nicht, das schafft nur weitere Abhängigkeiten.
Was Sie erzählen, klingt durchweg deprimierend: Ist in den letzten 40 Jahren überhaupt etwas besser geworden? In manchen Ländern ist es eher schlimmer geworden. Einige können ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren, in anderen ist die AIDS-Epedemie ein großes Problem.
Gibt es denn in keinem Bereich Grund zur Hoffnung? Seit 1990 gibt es eine Art zweite Welle der Unabhängigkeit mit mehr demokratischen Tendenzen. Es muss ja nicht unser Verständnis von Demokratie sein, das sich dort entwickelt. Nehmen Sie Benin, Mali, Senegal oder Ghana. Das sind die Ausnahmen. Es gab Machtwechsel, die Verwaltung ist durchweg dezentral. Interessanterweise sind das die Länder, die keine Rohstoffe wie Öl oder Diamanten haben.
Und was ist mit den anderen? Die Länder mit reichen Bodenschätzen sind die undemokratischsten. In Nigeria, im Kongo, in Zaire, da finden Kriege um Ressourcen wie Öl und Diamanten statt. Dabei könnten die Bodenschätze das wirtschaftliche Potenzial dieser Länder bilden. Wir sollten die Länder bei der Ausbeutung und Verarbeitung der Bodenschätze unterstützen. Nur solange dort Krieg herrscht, kann Geld auch nicht helfen. Wenn ich mir die aktuelle Lage in vielen afrikanischen Staaten anschaue, muss ich sagen: Ich bin nicht der optimistische Typ.
Anne Haeming ist fluter-Volontärin der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Prof. Dr. Hans Illy (Jahrgang 1940) ist Politik- und Verwaltungswissenschaftler. Er lehrte an den Universitäten Freiburg und Konstanz und an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer. Er forscht seit vielen Jahren am Freiburger Arnold-Bergstraesser-Institut. Sein Forschungsschwerpunkt ist Entwicklungspolitik und genauer: Dezentralisierung, Katastrophenprävention und Verwaltungshilfe. Von 1965 bis 1970 war er selbst in der Entwicklungshilfe tätig und lebte drei Jahre in Kamerun.
Foto: ©sxc.hu
www.bpb.de/Afrika
Afrika-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung mit zahlreichen Büchern und Informationsbroschüren, Videointerviews und Filmheften, Ausstellungen und Veranstalungen
www.bpb.de/Geschichte
Von der Kultur des Islam im Norden zu den christlichen und traditionellen Religionen im Süden, von den Nomaden in der Steppe zum pulsierenden Leben der Großstädte: Lutz von Dijk beschreibt ein Afrika, das bunt und vielfältig ist, uralt und gleichzeitig modern.
www.bpb.de/Kolonialismus
Dass Deutschland einmal Kolonien in Afrika besessen hat, ist aus dem nationalen Gedächtnis weitgehend verdrängt worden. Dabei war die imperialistische Expansion für Generationen von Deutschen eine nationale Schicksalsfrage.
www.bmz.de
Informationen über die Afrika-Projekte des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
www.allafrica.com
Infos über und aus Afrika
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