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Medizinpraktikum in Südafrika

Es geht auch ohne den deutschen Standard

9.2.2006 | Protokolle: Nicola Roeb | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Medizin abseits der deutschen Maximalversorgung - drei Medizinstudenten/innen aus München erzählen von ihren Erfahrungen während eines zweimonatigen Praktikums in Südafrika.

Julia Nübel (24)

Ich wohne außerhalb von Kapstadt, dort, wo die Townships beginnen. In der Wohnung neben mir wurde innerhalb von vier Wochen zweimal versucht einzubrechen, bei mir aber zum Glück nicht. Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit, es gibt keinen Moment, in dem ich mich bedroht fühle. Das Krankenhaus in Kapstadt ist durch Pförtner, Wachleute und Metalldetektoren gesichert. Die hygienischen Verhältnisse im Krankenhaus sind nach deutschen Maßstäben katastrophal: Im OP wird mit Handy telefoniert, Tücher werden nur ausgewaschen und wiederverwendet, es gibt viele Fliegen, zum größten Teil fehlen Klimaanlagen. Rund die Hälfte der Patienten/innen ist HIV-infiziert.

Ich arbeite in der Abteilung “Trauma und Notaufnahme“ und nehme alle Patienten/innen selbstständig auf, außer ganz akuten Fällen, und veranlasse die weitere Diagnostik. Dann werden die gesammelten Informationen mit einem Arzt oder einer Ärztin besprochen, die endgültige Diagnose wird gestellt und die weitere Behandlung besprochen.

Die technische Ausstattung ist extrem schlecht, außerdem existieren nur sehr große Zimmer mit ungefähr zehn Betten. Die Patienten/innen sind trotzdem sehr froh, dass ihnen geholfen wird, und beschweren sich nicht einmal bei Wartezeiten von über zwei Tagen. Man darf in Südafrika viel mehr selber machen als an heimischen Kliniken, zum Beispiel Thoraxdrainagen – was in Deutschland gerade mal die Assistenzärzte/innen dürfen –, und dabei kann man viel lernen. Es ist eine wertvolle Erfahrung zu sehen, dass den Menschen auch mit ganz einfachen Mitteln und ohne moderne Geräte geholfen werden kann.

Der Aufenthalt war für mich eines der besten Erlebnisse im letzten Jahr. Ich bin von diesem Land und den Menschen total begeistert und habe viele Vorurteile abgebaut und mal selber erlebt, wie es ist, wegen seiner Hautfarbe angestarrt zu werden.

Leonhard Keil (26)

Ich habe noch nie so intensive Erfahrungen in einem Krankenhaus gemacht, was das Elend und die Krankheit betrifft, wie hier. Die Ärzte und Ärztinnen kümmern sich trotz der begrenzten Mittel mit vollem Einsatz um die Patienten/innen. Ihr fachliches, theoretisches Wissen ist hervorragend, die praktischen-manuellen Fähigkeiten sind vorzüglich. Dementsprechend habe ich fachlich profitiert. Spitze! Die Ausstattung im Krankenhaus aber ist lausig, es gibt zum Beispiel nur ein Ultraschallgerät und ein Röntgengerät. Die Betten sind eher Pritschen, es gibt keine Klimaanlage im Sommer bei 40 Grad Celsius. Auch die Hygiene ist unter aller Sau, selten wird steril gearbeitet. Wenn man einen starken Charakter hat und über seine wohlbehütete deutsche Welt hinausschauen will, würde ich allen Medizinstudenten/innen ein Praktikum in Südafrika empfehlen.
Zu den Gründen, warum ich mich für Südafrika entschieden habe, gehören: Medizin abseits der Maximalversorgung, Idealismus, die Motivation, Patienten/innen kennen lernen zu wollen, die am Rande der Gesellschaft leben (Perspektivlosigkeit gepaart mit schweren Krankheiten), die Landschaft, das Multikulti-Leben in Kapstadt, die englische Sprache. Mein Sicherheitsgefühl in Südafrika ist insgesamt sehr viel besser gewesen, als es vom Auswärtigen Amt propagiert wird. Es gilt einfach, ein bisschen aufmerksamer durch die Straßen zu laufen und bestimmte Dinge zu vermeiden, zum Beispiel teure Handys, Kameras oder die Geldbörse zur Schau zu stellen. Und ein Auto muss man immer sicher, also bewacht und gut verschlossen mit einer Lenkradkralle, abstellen.

Kay Westenfelder (27)

Im neunten Semester packe ich meine Koffer und tausche die heimische Uni in München gegen ein Johannesburger Krankenhaus. Das Dreitausendbettenhaus ist in einer alten Kaserne angesiedelt. Deshalb liegt jede Abteilung in einer eigenen Baracke, was bedeutet, dass sich die Wege zwischen den Abteilungen im Freien befinden. Es gibt keine einzelnen Patientenzimmer, sondern eine Baracke, in der 20 Betten die Station bilden. Ich arbeite in der Chirurgie und nehme die Patienten/innen in der Notaufnahme auf, untersuche sie, sorge für die Behandlung, helfe auf der Station bei der Versorgung und Untersuchung der Patienten/innen und arbeite im OP als erste und zweite Assistenz.

Mein Sicherheitsempfinden in Johannesburg ist ungefähr so wie auf einer deutschen Autobahn zur Rush Hour. Wenn man weiß, wie's läuft, o.k., aber Vorsicht verlängert die Lebenszeit. Konkret: auf offener Straße etwas unangenehm, in der Unterkunft und in gesicherten Lokalitäten wie Einkaufszentren oder im Krankenhaus bestens. Grundsätzlich gilt: Es gibt in Soweto arme Leute und reiche Leute, kaum eine Mittelschicht. Fachlich gesehen nehme ich die Erfahrung mit, dass vieles auch ohne unseren Standard geht, vieles aber auch schief geht – zum Beispiel gibt es hier viele Wundinfektionen. Mein persönlicher Eindruck: super Stadt, total schönes Land, sehr nette und aufgeschlossene Leute.

Nicola Roeb ist 26 und studiert an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf Germanistik und Geschichte im letzten Semester.


Fotos: Julia Nübel/Leonhard Keil


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Kapstadt ist die drittgrößte Stadt Südafrikas.

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