Jeder muss selber wissen, was er durchs Hören verursachen will. Grundsätzlich gilt, dass Musik in einem emotionalen Gedächtnisteil gespeichert wird, zusammen mit unseren Erfahrungen. Eine bestimmte Musik, die wir in einer melancholischen Phase gehört haben, wird uns auch später vermutlich wieder an diese Phase erinnern. Bei meinem Schwiegervater ist es so, dass er seit dem Krieg keine laute Musik mit großem Orchester mehr hören kann. Das erinnert ihn an einen Granatenbeschuss, den er erlebt hat. Das zeigt, wie tief Musik und Erinnerungen verknüpft sind. Manchmal sind es natürlich auch schöne Erinnerungen, die mit der Musik hochkommen: an die erste Tanzstunde, an eine Person, die man mag.
Also Nostalgie?
Ja, Musik hat eine stark nostalgische Komponente, weil man sich mit dem Hören eines bestimmten Stückes in die eigene Jugend katapultieren kann, als säße man in einer Zeitmaschine.
Heißt das, dass man lebenslänglich die Musik seiner Jugend dudelt, oder kann man es schaffen, offen für neue Musikrichtungen zu sein?
Die Forschung hat mehrere Zeitfenster gefunden, in der eine Offenheit für Musik besteht. Im Kindergarten ist man noch empfänglich für alle möglichen Musikstile der Welt. Man spricht von "Offenohrigkeit". Dieses Fenster schließt sich spätestens mit dem Ende der Grundschule. Das zweite Zeitfenster ist die Pubertät. Und ein drittes liegt angeblich bei 23,5 Jahren.
Wie kann man das so genau sagen?
Es gibt eine "Generationsabhängigkeit" des Geschmacks. Das heißt: Die Lieder, die auf den ersten Plätzen der Charts waren, als ich im Alter von 23,5 Jahre alt war, sind möglicherweise die, die mich im Erwachsenenalter immer noch am meisten interessieren. Wenn man das zu Ende denkt, heißt das: Die Seniorenmusik des Jahres 2050 wird nicht mehr der Musikantenstadel sein, sondern Robbie Williams.
Was kann man tun, um den eigenen Musikgeschmack weiterzuentwickeln?
Na ja, das Gehirn ist lebenslang lernfähig. Es scheint vor allem in den USA so zu sein, dass Menschen mit höherem Bildungsniveau und stärkeren ökonomischen Möglichkeiten auch einen sehr breiten Musikgeschmack entwickeln, "musikalische Allesfresser" werden: Sie gehen in die Oper, aber auch ins Musical, hören Popmusik und Jazz. In Deutschland herrscht dagegen Spezialistentum: Verschiedene Gruppen hören verschiedene Musik und verfeinern innerhalb der Sparte ihren Geschmack. Wenn ich mich für eine bestimmte Musik interessiere, heißt das gleichzeitig: Ich gehöre zur Gruppe der Hip-Hop-Fans, der Jazz-Freaks, der Opernanhänger.
Wieso fühlt man sich durch Musik zu einer Gruppe gehörig?
Das geht vermutlich auf die Frühgeschichte der Menschen zurück. In der Steinzeit haben Menschen zusammen ums Feuer getanzt, zusammen Musik gemacht. Das hat das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Und dieses starke Gefühl war auch noch ein Überlebensvorteil für die Gruppe der Steinzeitmenschen, weil sie zusammen einfach stärker war. Dass Menschen sich durch Musik zusammengehörig fühlen, erklärt auch die Attraktivität des Chorsingens, des gemeinsamen Musik Machens. Und des Tanzens.
Welche Musik ist denn so überwältigend, dass man eine Gänsehaut davon bekommt?
Das ist individuell. Die Stimme von Christina Aguilera berührt den einen, dem anderen treibt eine Arie von Mozart einen Schauer über den Rücken. Wichtig ist, dass man eine positive Einstellung zur Musikrichtung hat. Und es erhöht die Sensibilität, wenn man das Stück schon mehrmals gehört hat.
Unterscheiden sich Menschen auch darin, wie stark Musik auf sie wirkt?
Natürlich. Es gibt Menschen, die fast unempfänglich für Musik sind. Sie brauchen starke Eindrücke, um irgendein Gefühl zu erleben. Leute, die Extremsport machen, schnelle Autos fahren und, wenn überhaupt, dann schnelle und laute Musik mögen. Ganz anders sind diejenigen Leute, die generell sensibler auf Reize reagieren, verträumter und ruhiger sind - sie bekommen bei Musik eher Gänsehaut, berichten in unseren Experimenten von stärkeren Gefühlen.
Sensible Seelen reagieren stärker auf Musik?
Genau. Außerdem Personen, die sich selbst sehr stark für alles belohnen müssen, was sie geschafft haben. Man nennt die "belohnungsabhängig". Diese Menschen reagieren auf die angenehmen Gefühle, die Musik auslösen kann. Sie regen mit Melodien ihr Belohnungssystem an wie andere mit Schokolade.
Musik belohnt uns also?
Ja. Sie aktiviert das Lustzentrum im Gehirn. Wenn man sich anschaut, welche Teile vom Gehirn beim Musikhören aktiv sind: Es ist immer das Belohnungssystem mitbeteiligt, also eine Gehirnregion, die auch dann aktiviert ist, wenn wir hübsche Personen sehen, Sex haben oder Drogen nehmen.
Ist Musik auch eine Droge?
Wenn man es so sieht, ja. Allerdings eine völlig unbedenkliche.
Anne Otto ist freie Journalistin in Hamburg.
Foto unten: Prof. Reinhard Kopiez
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