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Sie sind verstört, immer noch. Die Anschläge auf das World Trade Center liegen bereits einige Jahre zurück. Das ungute Gefühl blieb. Jamie Logan und Billy Davidoff fühlen sich in Manhattan trotzdem nicht mehr sicher, sie wollen aufs Land ziehen, in die Einöde. In Philip Roths "Exit Ghost" ist der 11. September 2001 augenscheinlich nur ein Nebenthema. Und dennoch ist jener Tag, der nicht nur das Leben in den USA mit einem Schlag veränderte, so präsent wie ein kontinuierliches Nachbeben. "Wir gehen, weil ich nicht im Namen Allahs ermordet werden will", sagt Jamie.
Alles Verlässliche dahin
Als damals der Staub, die Asche und der sengende Gestank in Downtown Manhattan verflogen war, wich nach und nach auch die fundamentale Sprachlosigkeit, Autoren/innen wagten sich wieder an ihre Tastaturen. Diese Romane, in denen Schriftsteller wie Don DeLillo, John Updike oder Jonathan Safran Foer versuchen, die Terroranschläge und ihre Folgen zu erfassen, haben drei Dinge gemeinsam: Sie spielen (in der Regel) in New York und sind durchzogen von einem anhaltenden Gefühl der Unsicherheit. Und – bis auf John Updikes "Terrorist", der sich in die Gedankenwelt eines jungen Selbstmordattentäters hineinversetzt – kümmern sich alle um die Verfassung der überlebenden US-Amerikaner/innen.
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Das ist nicht nur in Roths "Exit Ghost" so, auch etwa in "Saturday" des britischen Schriftstellers Ian McEwan. "Saturday" schildert einen Februarsamstag im Leben des Briten Henry Perowne, anderthalb Jahre nach den Anschlägen, und eine Anti-Irakkriegs-Demonstration gehört zu jenem Tag genauso wie ein Flugzeug, das unheilvoll brennt. Doch während in diesen Fällen das Trauma eher Teil des neuen Post-9/11-Alltags in den USA ist, haben andere Autoren/innen den Terror ins Zentrum ihrer Erzählung gestellt: die Flugzeuge, der Einsturz, das Chaos auf den Straßen, der Tod so vieler Menschen, die Trauer, der nicht schwindende Schockzustand. Und die Ahnung, dass alles, was bislang als verlässlich galt, dahin ist.
Wenig Liebe, viel Trauma
Diese Geschichten sind gleich im Auge des Orkans angesiedelt. Jay McInerney etwa nimmt den Tumult und den Schrecken zu Füßen der zusammenbrechenden Wolkenkratzer als Setting für eine beginnende Liebesgeschichte. Und produziert mit "Das gute Leben" den einzigen 9/11-Text mit eindeutigem Hang zum Optimismus. Im Kontrast dazu setzt der Franzose Frédéric Beigbeder seinen Protagonisten am 11. September 2001 morgens um 8 Uhr 30 mit seinen beiden Söhnen ins Restaurant ganz oben im Nordturm des WTC, das "Windows on the World", das auch den Romantitel lieferte. Die erste Boeing rast in das Gebäude. Was folgt, ist eine minutiöse Dokumentation der letzten Gedanken und Erinnerungen der drei.
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In "Falling Man" dominiert das Gefühl von Taubheit. Stunden verschmelzen zu Tagen, verschwinden in Wochen und Monaten. Keiths Bewusstsein bleibt von dem Trauma des Überlebens geprägt. Er findet sich in einer Welt wieder, in der klare Strukturen verloren gegangen sind. Und besinnt sich auf das, was ihm Halt gibt: Er geht zurück zu seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn, die er verlassen hatte. Was nun zählt, sind Details. Sei es jene Aktentasche, die Keith mit sich herumträgt und die er noch nie zuvor gesehen hat. Oder die Gegenstände auf einem der typischen pastellfarbenen Stillleben von Giorgio Morandi, die auf einmal aussehen wie die Zwillingstürme. Und dann sind da noch die Ferngläser der Kinder, mit denen sie unaufhörlich den Himmel nach Flugzeugen absuchen und nach einem Kerl, der, wie sie denken, "Bill Lawton" heißt.
Implodierende Sprache
Überhaupt, die Perspektive der Kinder. Der eindrücklichste und konsequenteste Versuch, den Zusammenbruch der Normalität zu erzählen, ist wohl der Roman "Extrem laut und unglaublich nah" von Jonathan Safran Foer. Schon der Titel ist Ausdruck der Schnörkellosigkeit, die Kinderstimmen eigen ist. Der 11. September, er taucht nur in der Formulierung "der schlimmste Tag" auf. Denn der schlimmste Tag, das war, als der kleine Oskar Schell seinen Vater verlor, oben in einem der Türme. Als Oskar um Viertel nach zehn morgens nach Hause kommt, blinkt der Anrufbeantworter. Alles Nachrichten vom Vater. Um 10 Uhr 22 klingelt das Telephon erneut: "Ich schaute auf die Nummer im Display, es war seine." Das Danach ist eine unverständliche Welt, die Sprache der Erzählung implodiert, wird komplett dekonstruiert – und kapituliert schließlich: mehrere Erzählerstimmen, Autobiographieschnipsel des Vaters, ganzseitige Fotos, knallbunte, handgeschriebene Worte, Passagen in Französisch, seitenweise Zahlenreihen, alarmrote Textmarkierungen. Schließlich rutschen die Zeilen zusammen, bis sie sich überdecken in einem undurchdringlichen Schwarz, drei Seiten lang.
Foers Roman enthält auch den bei weitem ergreifendsten Moment aller erzählten Katastrophen. Ein mehrseitiges Daumenkino, es ist das Ende des Buchs. Das Blättern kehrt die bekannte, erwartbare Bilderfolge um: Der Mensch, der durch die Luft nach unten fällt, er fliegt hier immer weiter nach oben. Auf dem letzten Foto ist er im Himmel verschwunden – und lässt die Betrachter/innen unerwartet heiter zurück.
9/11-Romane (Auswahl):
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Don DeLillo: Falling Man (Kiepenheuer & Witsch 2007, 304 S., 19.90 €)
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John Updike: Terrorist (Rowohlt 2008, 400 S., 9.95 €)
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Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah (Fischer 2007, 436 S., 9.95 €)
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Philip Roth: Exit Ghost (Hanser 2008, 304 S., 19.90 €)
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Frédéric Beigbeder: Windows on the World (Ullstein 2005, 351 S., 8.95 €)
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Jay McInerney: Das gute Leben (Kiepenheuer & Witsch 2007, 442 S., 22.90 €)
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Ian McEwan: Saturday (Diogenes 2007, 400 S., 10.90 €)
Anne Haeming schreibt für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin.
Foto: ©sxc.hu
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