The Andy Warhol Diaries

Porträt der US-Gesellschaft

30.10.2008 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Um Amerika zu verstehen, gibt es eine ganze Reihe guter Bücher. Wer sich für die Westküste und die 1960er-Jahre interessiert, sollte Richard Brautigan lesen, den man lange in die Hippie-Schublade steckte und der doch seltsamste, avantgardistische Bücher schrieb. Um den durchschnittlichen US-Bürger mit seinen Macken und Neurosen zu verstehen, kann man sich an die vierteilige "Rabbit"-Reihe von John Updike halten. Bei Tama Janowitz und Paul Auster oder seiner Schriftsteller-Frau Siri Hustvedt kann man nachlesen, wie man in New York verloren gehen kann. Und was man alles Verrücktes mit seiner Identität machen kann – die im ehemaligen Exil-Traumland USA naturgemäß aus vielen verschiedenen Identitäten aus vielen verschiedenen Ländern besteht.

Hedonistische Party-Posse

Auch Andy Warhol ist so ein typischer Amerikaner: in Pittsburgh als Sohn ruthenischer Einwanderer geboren, mit 21 Jahren nach New York gezogen und trotz seiner steilen Karriere, seines illustren Freundeskreises und seines exzessiven Nachtlebens fleißiger Kirchgänger und Mamas Nesthäkchen. Andy Warhol war ein lebendes Paradox.

Zeit seines Lebens legte er wenig Wert darauf, "highbrow" zu sein – allzu intellektuell. Der Künstler, dem man nahezu krankhafte Schüchternheit nachsagte, war ungern alleine. Zu den unzähligen Parties und Einladungen, die er besuchte, nahm er stets seine Posse mit: seinen Boyfriend Jed Johnson, seinen Manager Fred Hughes, blutjunge It-Boys und Society-Schönheiten wie Catherine Guinness, Barbara Walters oder Bianca Jagger. Seine Gesellschaft sollte vor allem "fun" sein – unterhaltsam, amüsant, hedonistisch. Das Manhattan der 1960er- bis 1980er-Jahre vor Rudolph Giulianis Nulltoleranzstrategie muss ein perfektes Pflaster dafür gewesen sein.

Warhols Besessenheit von Routine und Disziplin verdanken wir seine "Diaries", mehr als zehn Jahre täglicher Notizen auf 807 Druckseiten. Aufgeschrieben hat dies alles, von November 1976 bis wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod im Februar 1987, Pat Hackett, eine enge Vertraute, die man auch als seine Sekretärin bezeichnen könnte, wenn es so klare Abgrenzungen in Warhols Umfeld gegeben hätte. Jeden Morgen zwischen neun und halb zehn wurde ihr Bericht über den vorigen Tag erstattet, in der Form von Plaudereien, wie sie selber schreibt: "Die Anrufe waren immer Gespräche."

Who’s Who der amerikanischen High Society

Kleinlichst notiert wurden auch alle Ausgaben: Taxi 4 $, Trinkgeld 20 $, Briefmarken 0,25 $. Und so weiter. Das Tagebuch war von vornherein auch zur Haushaltsführung gedacht. Zwei große Ängste beherrschten Warhol, so Pat Hackett: die Furcht vor einer finanziellen Pleite und die Angst vor Krebs. Die tägliche Routine des Notierens aller Daten, Fakten, Summen und Namen half Warhol offenbar dabei, angstfreier zu leben.

Erwartungsgemäß liest sich das Tagebuch wie ein "Who's Who" der amerikanischen High Society. Tagsüber flaniert Warhol, wenn er nicht an seinen Bildern und Büchern arbeitet, auf den Straßen von New York, immer mit einem Stapel seiner Interview-Magazine, die er Interessierten signiert und schenkt. Ab dem Nachmittag ist er bei bis zu drei verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Und danach geht es oft bis in den frühen Morgen in die Clubs. In dem ausschweifenden Studio 54, das er meist gemeinsam mit der Clique um Halston, dem in den USA begehrtesten Modedesigner der 1970er-Jahre, besucht, lernt er mit fünfzig Jahren endlich das Tanzen.

Wir bringen dich in das Magazin

Immer geht es auch darum, nach möglichen Porträt-Kunden/innen Ausschau zu halten. Der Preis eines von Warhol persönlich bearbeiteten und signierten Konterfeis beträgt 25.000 Dollar, inklusive Retuschen und Polaroid-Studie im Vorfeld. Jeder zusätzliche Siebdruck-Abzug kostet weitere 5.000 Dollar. Mit den Einnahmen aus den Porträts wird der Warhol-Apparat am Laufen gehalten.

Neben den Auftragsarbeiten widmete sich Warhol vor allem seiner Zeitschrift Interview, einem der ersten Lifestyle-Magazine. Interview existiert immer noch und bezeichnet sich heute mit einigem Stolz als "bahnbrechendes Magazin, das Konversation in den Druck überführt hat". Warhol kann Stars wie die US-Literatur-Ikone Truman Capote und Socialite Bianca Jagger als Autoren/innen gewinnen. "'Wir bringen dich in das Magazin' ersetzte 'Wir bringen dich in einem Film unter' als Andys häufigstes Versprechen", so Pat Hackett. "Es war das Magazin, mehr als alles andere, das Andy davor bewahrte, zu einer bloßen 60er-Jahre-Legende zu werden."

Amerikanische Biographien

Viele Tagebucheinträge handeln von Treffen und Interviews mit aufstrebenden Jungstars wie John Travolta, Cybil Shepard und Jodie Foster und von Terminen mit Adel und Geldadel aus den USA und Europa. Und immer wieder auch von Treffen mit alternden Hollywood-Stars wie Paulette Godard, Ann Miller und Gloria Swanson, deren Macken und Schönheitsgeheimnisse Warhol genau zu erforschen versucht, als käme er damit hinter das Geheimnis ihrer Aura. Wenn Warhol an die 1977 in New York verstorbene Joan Crawford, noch so einen legendenumrankten Star aus der großen Hollywood-Zeit, denkt, dann mit tiefer Melancholie: "Ich wünschte, wir hätten uns daran erinnert, dass sie da war."

Ein bisschen ist es so, als würde man beim Lesen in einem prunkvollen alten Kinosaal sitzen und auf der Bühne liefe eine große Schau über die amerikanische Gesellschaft. Keinen störte es, wenn man die eine oder andere Figur in diesem Stück zwischendurch am Laptop googelt. Hinter jedem der oft klangvollen Namen, hinter Zandra Rhodes, Happy Rockefeller oder Giorgio Sant'Angelo und den vielen anderen Namen, die in dieser langen Chronik auftauchen und wieder verschwinden, steht eine besondere Geschichte: ein Stück von Amerika.

Pat Hackett: The Andy Warhol Diaries (Warner Books 1989) / Andy Warhol. Das Tagebuch, (Droemer Kanur 1989)

Weder auf Deutsch noch auf Englisch sind die Tagebücher zur Zeit zu haben. Es gibt allerdings einige Exemplare im antiquarischen Buchhandel, z.B. auf www.zvab.de.

Audiobook:

Andy Warhol: Das Tagebuch (4 Cds, Deutsche Grammophon Literatur 2006, 29.99 €)


Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin. Übersetzungen der Originalzitate aus dem Englischen: Autorin.

Foto: Andy Warhol mit Jimmy Carter 1977, Creative Commons



www.warholstars.org
Eine ausführliche Seite zu Warhol und seinen "Superstars"

www.newyorksocialdiary.com
Artikel über Warhols langjährige Freundin und Assistentin Brigid Berlin mit zahlreichen Fotos ihrer New Yorker Wohnung

www.warholfoundation.org
Die Andy Warhol Foundation, gegründet direkt nach Warhols Tod 1987, verwaltet den Nachlass des Künstlers und fördert Kunst-Institutionen.

www.warhol.org
Die Seite des Andy Warhol Museums in Pittsburgh





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