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Alexander Solschenizyn: Der Archipel Gulag

Ab nach Sibirien

26.12.2008 | Michael Saager | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Gulag: russisch Главное Управление Лагерей oder Главное Управление Исправительно-Трудовых Лагерей и колоний Glawnoje Uprawlenije Isprawitelno-trudowych Lagerej i koloniy; deutsche Übersetzung: Hauptverwaltung des Justiz- und Lagerwesens; gleichzeitig wird der Begriff “Gulag“ als Synonym für das umfassende Bestrafungssystem der Sowjetunion verwendet.

Alexander Solschenizyn, der berühmteste aller ehemaligen Insassen des Gefängnis- und Lagersystems Russlands, starb am 3. August 2008 in seinem Moskauer Haus im Kreise seiner Familie an den Folgen eines Hirnschlages. Er wurde 89 Jahre alt. Hätte man ihm, während er einsaß, erzählt, er würde so ein hohes Alter erreichen, er hätte es gewiss nicht geglaubt – trotz seines immensen Willens zu überleben.

Es war sehr wahrscheinlich, im Gulag umzukommen. Noch immer ist nicht alles Zahlenmaterial gesichtet, sind bis heute nicht sämtliche Archive der ehemaligen Sowjetunion Historikern und Historikerinnen zugänglich. Und über die vorhandenen Zahlen wird heftig diskutiert. Jedoch: Eine bis zu siebenmal höhere Sterberate als in der übrigen Bevölkerung darf als wahrscheinlich angenommen werden.

Effizientere Nutzung der Arbeitskraft

Die Menschen in den Gulags starben an Erfrierungen, Unterernährung, Überarbeitung, den brutalen Strafen, an den Folgen der Folter, an Krankheiten und an mangelnder medizinischer Versorgung. Sie starben in den zahlreichen Lagern im sowjetischen Wald- und Steppenmeer vor allem während der Herrschaftsära Stalins. Genauer: seit Stalin 1929 in einem Dekret die effizientere Nutzung der Arbeitskraft von Häftlingen in den Lagern gefordert hatte.

Danach stieg ihr Organisationsgrad erheblich. Die Lager verbreiteten sich zunehmend, wuchsen inselgruppengleich über die riesige Fläche der damaligen Sowjetunion. 18 bis 20 Millionen Sowjetbürger/innen und Angehörige anderer Nationalitäten waren zwischen dem Ende der 1920er- und der Mitte der 1950er-Jahre in den Lagern inhaftiert. Eine Zahl, die so groß ist, dass man sich auch ohne genauere Kenntnisse dieses düsteren Kapitels der Sowjetunion denken kann, dass die meisten der Gefangenen keine "gewöhnlichen" Kriminellen waren.

Der 1970 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Alexander Solschenizyn widmet sein in den 1970er-Jahren zuerst in Frankreich publiziertes, dreibändiges Hauptwerk "Der Archipel Gulag" jenen, "denen nicht genug Leben war, über dies zu erzählen". Über seine Motivation schreibt er: "Zu viele Erzählungen und Erinnerungen hatten sich bei mir angesammelt und mussten vor der Vernichtung bewahrt werden."

Aus dem eigenen Land verbannt

Seit 1958 hatte er heimlich an seiner monumentalen Anklageschrift, an dieser eigenwillig erzählten Quasi-Dokumentation über das sowjetische Lagerwesen, gearbeit. In der Sowjetunion konnte das 1.800-seitige Werk erst 1989 erscheinen, als der Glasnost- und Perestroika-Politiker Gorbatschow Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war. Solschenizyn lebte zu dieser Zeit in den USA. Bereits 1974 war er aus der Sowjetunion ausgewiesen worden. 1994 kehrte er endlich zurück in seine Heimat. Da hieß die Sowjetunion wieder Russland.

Anlass für Solschenizyns 1945 begonnene, achtjährige Inhaftierung in verschiedenen Lagern und Gefängnissen und seine anschließende Verbannung nach Kasachstan waren ein paar abfällige Bemerkungen über Stalin in einem Brief. Er, der als Artillerie-Hauptmann der Roten Armee pflichteifrig im Zweiten Weltkrieg gedient hatte, konnte es nicht fassen. Das allein reichte?

Diese Fassungslosigkeit darüber, wie Stalin und der damalige, durchaus hochparanoid zu nennende Sowjetapparat auf jede noch so harmlose Form von Kritik reagierten – wie sie willkürlich Bauern enteigneten und sie in die Lager steckten, intellektuelle Kommunisten/innen, Schriftsteller/innen, Hausfrauen und Kinder zu Abweichlern machten oder aus den KZs befreite sowjetische Kriegsgefangene mit Lager bestraften, weil sie der deutschen Wehrmacht in die Hände gefallen waren – diese Fassungslosigkeit evoziert einen der Grundtöne des Buches.

Sachbuch oder Roman?

Nicht kühle Distanziertheit, wie sie etwa in Wolfgang Sofskys soziologischer Studie über die Konzentrationslager der Nazis "Die Ordnung des Terrors" vorherrscht, sondern ein zwischen Irritation, Sarkasmus und unverhohlenem Hass auf die Staatsmacht pendelnder Ton liegt sogar noch in den Zeilen, in denen sich Solschenizyn der Analyse von Gerichtsprotokollen und Gesetzestexten annimmt. Bildhaft schreibt er: "Sie sind – verhaftet!" "W-e-er? I-i-ch? Warum denn?" Bei der Verhaftung selbst hätte er Widerstand zeigen müssen, schreibt der Autor. Aber er tat es nicht.

Als "Der Archipel Gulag" erschien, wurde heftig darüber gestritten, wie das Buch zu lesen sei – als Autobiografie, als historische Studie, als Roman? Was nicht weiter verwundert: Zu einmalig in der Geschichte der Lagerliteratur schillert der Text zwischen Entrüstung, genauer Reflexion und persönlichen Eindrücken.

Solschenizyn porträtiert plastisch und exemplarisch zahlreiche Gefangene, verbündet sich pathetisch mit dem Leser und der Leserin, spricht diese/n mit "Du" an, fährt moralisch in die Höhe, nur um ein paar Zeilen später den erbarmungslosen Einfallsreichtum der Verhörenden, die zahlreichen am Körper sichtbaren und unsichtbaren Foltertechniken minutiös zu beschreiben. Und so schwankt man auch beim Lesen zwischen nüchternem Interesse und leichtem Amüsement ob des bitteren Humors. Und natürlich Gefühlen wie Abscheu und Erschütterung, die aber zugleich etwas im Zaum gehalten werden, da ja ein starker Autor, der das Lager überlebt hat – ein selbstbewusstes Ich – diese wuchtige Collage an der stilistisch losen Leine führt.

Obwohl häufig kritisiert, verwundert es nicht so sehr, dass Solschenizyn als Gefangener und Gedächtnisbewahrer der in den Lagern Umgekommenen sich insbesondere für die Situation der Gefangenen im Lager interessierte und nicht so sehr für die sowjetischen Diskurse und (Wirtschafts-)Politiken, die um das Lagerwesen herum siedelten oder es hervorgebracht hatten. Umso stärker und eindringlicher sind die Passagen, die sich mit den in die Körper und "Seelen" eingeschriebenen Logiken der Lagerherrschaft und den damit zusammenhängenden Überlebensstrategien befassen.

Solschenizyn benennt nicht nur eine im Gulag übliche Ausrottung von Leben durch permanente Überarbeitung, er beschreibt genau, wie und warum die Menschen starben: im Schnee bei 30 Grad minus, beim zwölfstündigen Holzfällen, geschlagen von den Bewachern, die sich sichtlich an der absoluten Macht weideten, die ihnen hier zukam. Er beschreibt den meist hilflosen Zusammenhalt unter den Häftlingen gegen ihre Bewacher. Oder wie "Verräter/innen" und Denunzianten/innen aus den eigenen Reihen nachts von Gefangenenkommandos aufgeknüpft wurden. Und er erzählt von zahlreichen Vergewaltigungen inhaftierter Frauen durch ihre Mitgefangenen. Sie hatten keine Chance gegen die rohe männliche Gewalt; auf Gefangenensolidarität konnten sie nicht hoffen.

Massenaustritte aus der Kommunistischen Partei

Es ist nicht leicht zu beurteilen, wie hoch der Anteil des Werkes am Zusammenbruch der Sowjetunion zu veranschlagen ist. Mit Sicherheit erschütterte "Der Archipel Gulag" den Machtapparat schwer. Innerhalb der europäischen Linken wurde das Buch kurz nach seinem Erscheinen sehr unterschiedlich aufgenommen. Der Eurokommunismus wurde zumindest in Teilen heftig aufgerüttelt – und manche europäischen Stalinisten/innen machte es nicht nur zu sowjetkritischen Antistalinisten/innen, sondern gleich zu Antikommunisten/innen. Andere Linke wollten der Idee des Kommunismus keineswegs abschwören. Sie würdigten das Buch, so wie Rudi Dutschke, "als einen Beitrag zur tendenziellen Entstalinisierung der sowjetischen Gesellschaft".

Vergessen sollte man auch nicht, dass "Der Archipel Gulag" in Deutschland manchen Historikern/innen und Politikern/innen dazu diente, die Rolle der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg mit höchst fragwürdigen Vergleichsspielen zu verharmlosen, um so die Schuld der Deutschen am Holocaust zu relativieren. Und natürlich, um Kommunismus und Sozialismus über kurz oder lang ganz vom Tisch zu bekommen.

Und der Menschenrechtler Solschenizyn selbst, der als leidenschaftlicher Nationalist und Patriot beim Niederschreiben des Dreibänders allzu gerne die Ideologie des sowjetischen Nationalismus übersah, ohne die es den Gulag so kaum gegeben hätte? Er war und bleibt ein wichtiger, jedoch streitbarer Schriftsteller. Sehr richtig verwies er mit dem "Archipel Gulag" auf das menschenverachtende Stalin-Regime, das mit seiner permanenten Entrechtung, Unterjochung und Ausbeutung so wohl kaum den Ideen des Sozialismus und Kommunismus entsprach.

Dass Solschenizyn mit religiös aufgeblasenem Ton später den Werteverfall im Westen beklagte, kurz vor seinem Tod aber mit Wladimir Putin freundschaftlich Tee trank, könnte verwirren. Oder Solschenizyn als das ausweisen, was er war: ein sehr widersprüchlicher Mensch.

Alexander Solschenizyn: Der Archipel Gulag (drei Bände; S. Fischer 2008, insgesamt ca. 1.800 S., jeweils 9.95 €)



Kurzfassung:

Alexander Solschenizyn: Der Archipel Gulag (vom Verfasser autorisierte und gekürzte Ausgabe in einem Band, S. Fischer 2008, 543 S., 12 €)



Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins pony. Er lebt in Berlin.

Foto: ©kallejipp / www.photocase.com



http://gulag.memorial.de
Ein deutsch-russisches Projekt zu den sowjetischen Gulags – mit Berichten von Zeitzeugen/innen und einer Lagerübersicht

http://de.wikipedia.org/wiki/Gulag
Mehr über Gulags bei Wikipedia




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