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Ein Leben, zwei Pässe

Junge Israelis über ihr Leben

12.1.2009 | Stephanie Lachnit | Artikel drucken

Der Krieg in Gaza zeigt einmal mehr, wie unsicher die Lage im Nahen Osten ist. Zwischen Israel und seinen Nachbarn herrscht eine angespannte Situation. Die ständige Gefahr von Konflikten und Kriegen macht für viele Juden die doppelte Staatsangehörigkeit interessant. Denn für sie gilt in vielen Ländern ein Sonderrecht, als Folge des Holocaust. Fluter.de hat vier Schüler/innen aus Haifa getroffen, die mehrere Pässe besitzen.

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"Ich liebe deutsche Literatur."
Rahel, 15 Jahre: Israelin und Deutsche

"Ich bin in Recklinghausen geboren und erinnere mich noch an die kalten Winter dort. Und an Weihnachten, das war immer schön. Hier in Israel gibt es das ja nicht. Alles ist anders in Deutschland, auch die Mentalität. Aber wir fahren jedes Jahr mindestens einmal nach Deutschland, um unsere Freunde und Verwandten zu besuchen, und ich bin oft in den Sommerferien dort. Dann kann ich mein Deutsch verbessern. Das hat etwas gelitten, seit ich mit fünf Jahren nach Israel gekommen bin. Denn alle Kindergartenkinder haben natürlich Hebräisch gesprochen, nur ich nicht. Sie haben mich angeschaut. Das war nicht angenehm. Deshalb habe ich meine Mama gebeten, nicht mehr Deutsch, sondern Hebräisch mit mir zu sprechen. Dabei liebe ich die deutsche Literatur so sehr und möchte auch gern zum Studieren nach Deutschland gehen. Da ich neben meinem israelischen Pass auch einen deutschen habe, wird das kein Problem sein."

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"Ich spreche kein Ungarisch und war auch noch nie dort."
Alon, 16 Jahre: Israeli, Amerikaner und Ungar

"Den amerikanischen Pass habe ich, weil ich in New York geboren wurde und wir haben dann noch drei Jahre dort gelebt. Den ungarischen Pass habe ich bekommen, weil meine Großmutter aus Ungarn stammt. Dann hat zunächst auch meine Mutter die ungarische Staatsangehörigkeit erhalten und danach auch ich und meine Geschwister. Mein Vater ist in Argentinien geboren und kam mit 24 nach Israel. Doch Argentinien hat kein Gesetz, das es mir erlaubt, auch seine Staatsangehörigkeit zu übernehmen.

Aber drei Pässe reichen ja. Und ich habe gute Vorteile dadurch. Ich komme am Flughafen schneller durch. Wenn man es eilig hat, ist das ganz gut – und wir reisen viel. Dann nehme ich einfach die Passkontrolle, an der die Schlange am kürzesten ist. Vor zwei Jahren hatten wir hier Krieg und es schlugen Bomben hier in Haifa ein. Einige meiner Freunde haben damals ihre australischen Pässe genutzt, um aus dem Land zu flüchten. Ich habe damals aber gar nicht daran gedacht zu gehen. Obwohl der Krieg gerade hier, im Norden Israels, sehr stark war. Ich bin zu Verwandten in Tel Aviv gefahren, weiter südlich. Wenn es aber noch mal wirklich ernst wird, dann werde ich darüber nachdenken, meine Pässe für die USA oder Europa zu nutzen und erst mal ausreisen."

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"Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich deutsch und in Israel israelisch."
Naomi, 14 Jahre: Israelin und Deutsche

"Meine Mutter und ich, wir sind in Deutschland geboren. Mit fünf bin ich dann mit meinen Eltern nach Israel gekommen, denn mein Vater ist Jude. Wir sind konvertiert und ich bin auch ziemlich religiös, mein Großonkel ist ein großer Rabbiner in Jerusalem. Wir fahren noch immer jedes Jahr nach Düsseldorf, dann gehe ich auf die Kö und freue mich auf die Kirmes. Vor zwei Jahren war ich auch zufällig dort, als hier der Krieg mit dem Libanon ausgebrochen ist. Dann kommt die Panik: meine Freunde, meine Familie, was passiert, wo ist die Bombe eingeschlagen, wie viele sind tot ... Da merke ich, wohin ich gehöre, nämlich nach Israel. Meine deutschen Freunde haben mich natürlich versucht zu beruhigen.
Wir haben zwar noch ein Haus in Deutschland, aber wenn hier in Israel ein Krieg ausbricht, dann weiß ich, wohin. Aber ich will hier nicht weg. Meine Freunde leben hier, ich bin hier groß geworden. Und es ist auch klar, dass ich meinen Militärdienst mache. Man kann wählen, ob man an Schulen oder in Krankenhäusern dienen will. Aber ich kann mir auch vorstellen direkt an die Front zu gehen, um für mein Land zu kämpfen. Meine Eltern hoffen natürlich, dass ich meine Meinung noch ändere. Klar. Ich bin ihr einziges Kind."

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"Ich kann zwar Skifahren ..."
Amitai, 16 Jahre: Israeli, Engländer und Schweizer

"Ich bin in Haifa geboren, also in Israel. Aber ich habe insgesamt drei Pässe, denn meine Mutter ist in England und ihr Großvater in der Schweiz geboren. Dabei war ich noch nie in der Schweiz und weiß auch nur, dass es dort viele Skipisten gibt. Ich habe also einen Schweizer Pass, nur weil es irgendeine Verbindung in meiner Familiengeschichte gibt. Dann hatte ich ein paar Formulare auszufüllen und bekam den Pass. Das ist schon lustig. Müsste ich mich von einem Pass trennen, dann würde ich den Schweizer abgeben, denn der englische Pass ist wertvoller für mich. England ist in der EU, die Schweiz nicht. Und die Pässe sind in dreierlei Hinsicht wichtig für mich als Israeli: Erstens kann ich leichter im Ausland studieren und zweitens ist das Reisen einfacher. Aber besonders bedeutend ist, dass man problemloser flüchten kann, wenn ein großer Krieg ausbricht. Denn Israel ist immer irgendwie im Krieg. Deshalb gehe ich natürlich auch in den Armeedienst. Das tut hier jeder Israeli für drei Jahre und das ist auch nötig, denn wir wollen unser Land schützen. Für England und die Schweiz würde ich das nicht tun, denn für diese Länder habe ich kein Gefühl. Ich habe immer in Israel gelebt. Das ist mein Zuhause."

Protokolle: Stephanie Lachnit
Fotos: ©Christine Roskopf



www.bmi.bund.de
Deutsche mit doppelter Staatsangehörigkeit heißen im Amtsdeutsch Mehrstaater und das ist nur noch in besonderen Fällen möglich.

www.zentralratdjuden.de
Der Zentralrat der Juden vertritt die Juden in Deutschland.

www.serialno3817131.com
Drei Jahre Armeedienst für jeden, das gilt auch für die Mädchen. Rachel Papo hat junge Soldatinnen in Israel fotografiert.