Ein Pappkarton mit dem spärlichen Inhalt des Schreibtischs unter den Arm geklemmt, so stolperten junge Anzugträger aus den Portalen einst mächtiger Banken. Bilder wie diese haben sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Gedächtnis festgesetzt. Weniger bewusst ist vielen, dass die Krise und der Stellenabbau auch diejenigen besonders hart trifft, die keinen Arbeitsplatz haben, doch schon lange für einen arbeiten: die Generation Praktikum. Auch sie ist von den Schreckensnachrichten aus der Wirtschaft verunsichert. Einstellungsstopps, Sparprogramme – die Krise trifft sie mitten in ihrer Karriereplanung. Im Gegensatz zu anderen haben sie in den guten Jahren nicht vom Aufschwung profitiert und vorgesorgt. Mit welchen Gefühlen, aber auch Strategien sie ihr begegnen, erzählen drei ihrer Vertreter und eine Vertreterin:
Der Unerschrockene – Simon, 24, Absolvent der Uni Münster
"Bei mir im Freundeskreis ist die Finanzkrise das dominierende Thema. Wir alle müssen nun natürlich überlegen, welche Auswirkungen sie auf unsere Pläne hat. Ganz konkret: Mein Traum war eigentlich, da ich gerade mein Wirtschaftsstudium beendet habe, jetzt bei Google einzusteigen. Zwei Jahre Arbeitserfahrung bei einem großen internationalen Unternehmen, das einem dann in der Regel einen Masterstudiengang finanziert – das ist so das klassische amerikanische Modell. Seit Januar 2009 hat Google aber einen Einstellungsstop verhängt, da habe ich mich erst gar nicht beworben. Auch wenn das jetzt arrogant klingt, Angst macht mir die Situation trotzdem nicht. Ich fühle mich so gut aufgestellt – ich habe einen sehr guten Abschluss an einer der Top-Unis gemacht, ich spreche vier Programmiersprachen und Englisch und Schwedisch, ich habe bereits drei eigene Internet-Firmen gegründet und bei mehreren Werbeagenturen als Praktikant und Freelancer gearbeitet – da trifft es zuerst die, die weniger als ich können. Die Krise überbrücke ich nun mit einem Master. Das einzig Ärgerliche: Ich muss ihn mir nun wohl selbst finanzieren und mich dafür ziemlich verschulden."
Die Idealistin – Julia, 22, Praktikantin bei einem Forschungsinstitut
"Seit kurzem mache ich mal wieder ein unbezahltes Praktikum. Diesmal ist es aber studienbegleitend, das heißt, ich nutze es für meine Studienarbeit über das Thema Nuklearwaffenabrüstung. Vor diesem Hintergrund kann man das machen. Generell finde ich es für meine Generation aber schon sehr stressig. Wir müssen möglichst früh und zielorientiert unsere Karriere planen. Das setzt einen ganz schön unter Druck. Durch die Finanzkrise wird es jetzt sicherlich noch schlimmer. Ich habe Freunde in England, die noch nicht mal einen Praktikumsplatz mehr bekommen.
In Deutschland ist das noch nicht der Fall. Zum Glück ist der Wissenschaftsbereich, für den ich mich interessiere, weitgehend staatlich und nur zu einem geringeren Teil durch die Wirtschaft finanziert. Aber auch hier wird die Krise wohl noch ankommen, obwohl es jetzt schon schwer genug ist, damit einmal seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Wichtig ist mir aber ein Job, der Spaß und Sinn macht. Meine Eltern werden mich daher wohl auch nach meinem Politikstudium unterstützen müssen. Sie haben einen sehr sicheren Fonds für mich angelegt und sehen das ganz entspannt – wohl auch, weil sie noch arbeiten. Mein Vater als Familientherapeut, meine Mutter als Ärztin, beides also krisensichere Jobs."
Der Flexible – René, 28, Masterstudent an der Humboldt Uni Berlin
"In ein paar Monaten werde ich mein Masterprogramm in 'Economics und Management-Science' beenden, nicht die beste Zeit. Trotzdem muss ich ganz klar sagen: Ich begreife die Krise auch als Chance. Nicht nur in der Finanzwelt, auch in der Wirtschaft lief schon lange einiges gehörig falsch: die Auswüchse bei den Management-Gehältern, die Erwartung, zwanzig Prozent Rendite zu erzielen, obwohl der Markt vielleicht nur fünf Prozent real wächst, dabei muss man ja jemandem was wegnehmen! Durch die Finanzkrise wird endlich wieder über Wirtschaftsethik diskutiert, das merkt man auch an meiner Uni. Unsere Professoren sind gerade extrem engagiert. Natürlich wird meine Generation nicht mehr mit einem Jahresgehalt von 60.000 Euro in einen Job einsteigen. Aber das ist auch gut so. Die Erwartungshaltungen waren viel zu hoch. Wir müssen viel flexibler sein. In Hongkong, wo ich gerade für ein Auslandspraktikum war, ist die Angst der Leute vor der Finanzkrise viel größer. Dort gibt es kein soziales Sicherungsnetz, dafür ist die Dynamik aber unglaublich. Ich kann mir gut vorstellen, dorthin zu gehen."
Der Betroffene – Christoph, 25, Diplomand in der Automobilindustrie
"Seit Februar letzten Jahres bin ich scheinfrei. Eigentlich wollte ich gleich als Diplomand in der Autobranche einsteigen, aber all meine Bewerbungen haben nichts gebracht. Letztlich hat es nur über Beziehungen geklappt. Nun arbeite ich seit neun Monaten bei einem Zuliefererbetrieb, dafür bekomme ich kein Geld, kann aber hier meine Diplomarbeit sehr praxisnah schreiben. Natürlich wollte ich damit auch einen Fuß in der Tür haben. Der nutzt mir nun nur nichts, da seit der Finanzkrise hier nicht mehr eingestellt wird, wie auch in der ganzen Stuttgarter Region. Keiner meiner Kommilitonen, die sich wie ich im BWL-Studium auf die Automobilindustrie spezialisiert haben, ist da auch untergekommen. Daran festzuhalten, wäre jetzt fatal. Also muss ich mich jetzt wohl oder übel auf Jobs in allen möglichen Branchen bewerben."
(aufgezeichnet von Tina Hüttl)
Foto, oben: la dina/ ©photocase.com
Foto, unten: klosko/ ©photocase.com
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