Image 21366
Krieg, Zerstörung und Minen: Viel mehr ist mir
im Vorfeld nicht zu diesem Land eingefallen, das eingebettet zwischen Kroatien,
Serbien und Montenegro liegt. Den Bericht des militärgeschichtlichen
Forschungsamtes habe ich nach dem Kapitel "Sicherheitslage in Bosnien und
Herzegowina" schnell wieder weggelegt und mir Sorgen gemacht, ob ich
abenteuerlich genug für dieses Land bin.
Aber als ich in Jajce ankam, zeigte mein
Balkon den wohl schönsten Ausblick, den ich je hatte. Berge, Kleinstadt,
funkelnde Lichter. Den passenden Soundtrack für die Idylle lieferte der Muezzin,
der seine arabischen Gebete, wenn auch nur vom Band, in die angehende Nacht
hineinrief. Während ich Pita essend zwischen Menschen sitze, die ich nicht
kenne und deren Jogginghose ich trage, da meine Jeans besorgniserregend nass ist,
komme ich mir arrogant vor. Ich fange an, das Wort Gastfreundschaft neu zu
verstehen.
Neben der Tatsache, dass man hier "Aptschi!"
niest und "Aj!" jammert, wenn einem etwas weh tut, habe ich auch sonst einiges
dazugelernt. Zum Beispiel, wie es ist, als Einzige eine andere Sprache zu
haben. Obwohl viele hier Deutsch sprechen, ist die Sprache der Einheimischen doch
so etwas wie eine Eintrittskarte in die Welt des Balkans.
Lost in
Translation
Aber wie lernt man nun eine Sprache, die man
lieber gestern als morgen perfekt sprechen sollte, ohne Klassenzimmer und mit
einer Sprachlehrerin, die einen erst mal auf Englisch fragt "What do you want to
know"? Ich stelle erleichtert fest, dass es geht.
Und so bin ich
mittlerweile dank meiner bosnischen Sprachlehrerin und meiner ansteckend
motivierten französischen Mitbewohnerin in der Lage, Alltagsgespräche zu führen.
Nach wie vor aber bleibt die Kommunikation eine Herausforderung. Sei es in der
Redaktion der lokalen Zeitung, in der ich vormittags arbeite, oder bei "Mala
Skola", einer Vorschule, die ich zweimal die Woche nachmittags anbiete – oder
abends in unserer Wohnung mit meiner Mitbewohnerin. Ein Diktiergerät, mit dem
ich mir Interviews noch mal anhören kann, nette Leute, die mit beim Übersetzen
helfen, geduldige Kids und die Wörterbücher von Langenscheidt helfen und
erleuchten den "Lost in Translation"-Dschungel.
Image 21367
Aber was spricht man nun: Serbokroatisch wie
zu Titos Zeiten oder Bosnisch? Tatsächlich spricht jeder entsprechend seiner
Herkunft. So lobt der Serbe deine Serbischkenntnisse, die Bosniaken – das ist
der muslimische Teil der Bevölkerung – deine bosnische Sprachgewandheit und
der Kroate den bisher erlangten Kroatisch-Wortschatz.
Diese drei Sprachen unterscheiden sich nur in einigen Bezeichnungen und kleinen grammatikalischen Details und sind damit vergleichbar mit unterschiedlichen Dialekten, die in jedem Land existieren. Das Beharren der Einheimischen auf dem für mich kaum merkbaren Unterschied dieser drei Sprachen – die im Übrigen gar nicht alle als Sprache anerkannt sind – hat somit in erster Linie einen ethnischen Hintergrund.
Das wundert nicht bei einem Land, das von drei
Präsidenten, die jeweils eine verschiedene ethnische Gruppe repräsentieren,
regiert wird. Eine tatsächliche legislative Macht haben sie aber nicht, denn
bei all ihren Entscheidung kann das OHR
sein Vetorecht benutzen. OHR bedeutet "Office of Human Rights" und wurde von der UN und der EU im Zusammenhang mit dem
Dayton-Vertrag gegründet.
Das Land selbst ist unterteilt in zwei Teile,
die "Republika Srbska" und die "Federatia Bosne i Herzegovine". Zwei Teile, das
bedeutet auch zwei Polizeiapparate, verschiedene Schulsysteme, unterschiedliche
Steuerregelungen, kyrillische und lateinsche Schrift. In den Irrungen und
Wirrungen dieses politischen Systems, das als eines der zurzeit komplexesten
beschrieben wird, kommt man schnell an den Punkt, an dem man an einer positiven
Zukunft dieses Landes zweifelt. Und so zweifeln auch viele Menschen, die hier
leben.
Hohe Arbeitslosigkeit, Korruption und
politische Willkür wecken vor allem bei jungen Menschen den Wunsch auszuwandern. Nach Deutschland zum Beispiel. Doch selbst ein Urlaub in einem
anderen Land wird Menschen mit bosnischem Pass durch strikte Ausreisebedingungen
nahezu unmöglich gemacht. Dass aber auch in einem Land wie Deutschland nicht
alles perfekt ist und dass Rechtssystem und Bürokratie zwar Sicherheit geben,
auf der anderen Seite aber mit Regeln und Einschränkungen verbunden sind,
wollen viele hier nicht sehen.
Doch viele der jungen Menschen, die ich hier
kennen gelernt habe, geben Anlass zur Hoffnung. Trotz ihrer Flüchtlings- oder
Kriegserfahrungen interessieren sie ethnische Unterschiede nicht, haben sie unterschiedlichste
Freunde und Freundinnen und eine Einstellung zu Religion und Politik, die auch
Platz für Andersdenkende lässt.
I love
this fucking Country!
Image 21368
Wenn beispielsweise Elvo mir etwas erzählt,
spricht er immer mit viel Kraft und Überzeugung in der Stimme. Und wenn es um
sein Heimatland und dessen Geschichte geht, ist seine Stimme noch eine Spur
heftiger. Detailliert erzählt er mir, in einem englisch-bosnischen Sprachmix,
warum er keine Arbeit hat, warum der muslimische Bürgermeister den Weihnachtsbaum
hat entfernen lassen und warum er sich nicht mehr ehrenamtlich engagieren möchte.
Mit genauso viel Feuer erzählt er aber auch von
dem Sommer hier, von der wunderschönen Landschaft und der Musik, den Texten der
Lieder, die von alltäglichen Geschichten berichten. Er weiß, was in seinem Land
passiert, und er geht sympatisch offen damit um. Viele von den Leuten hier
nehmen sich auf eine angenehme Art und Weise nicht sonderlich wichtig. Nirgendwo
anders habe ich bis jetzt Leuten zugehört, die stundenlang Witze über die
eigene Einfältigkeit erzählen können.
Seit fast vier Monaten bin ich nun hier. In
vielerlei Hinsicht hat es in meinem Köpfchen gerattert. Ich fühle mich gut und
sicher hier. Mein Bild von Bosnien-Herzegowina, das am Anfang nur aus Krieg,
Zerstörung und Minen bestand, ist nicht verschwunden, denn diese Dinge sind
allgegenwärtig und mit den Häusern und den Geschichten der Menschen unmittelbar
verbunden.
Aber dieses Bild hat sich um viele schöne
Bilder und Erlebnisse erweitert. Tausende Kilometer weit weg von zu Hause fange
ich an zu begreifen, dass Sprache viel mehr ist als etwas, dass man aus Büchern
lernt, dass ich "deutscher" bin, als ich dachte, und dass zu viel Sicherheit ein
Scheuklappendenken mit sich bringen kann. Und dass es sich immer lohnt, auszubrechen,
ein Abenteuer zu wagen: um zu begreifen, dass das eigene Leben, die eigene
Geschichte und das Heimatland noch lang nicht Angelpunkt dieser Welt ist.
Franziska Massa, 21, kommt ursprünglich aus einem kleinen Örtchen
namens Wüstenrot, in dem es die beste Luft weit und breit gibt. Die letzten
zwei Jahre lebte und arbeitete sie in Stuttgart. Im Rahmen des "Youth in
Action"-Programms der EU hält sie sich von September 2008 bis März 2009 in dem
nordbosnischen Jajce auf.
Vielen
Dank an Željko Crnogorac, der den politisch korrekten Hintergrund geliefert
hat.
Fotos: Franziska Massa
Kommentare
Dein Kommentar