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Šta ima – Was gibt's?

Europäischer Freiwilligendienst in Bosnien-Herzegowina

14.2.2009 | Franziska Massa | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Der Himmel hängt tief, die Minarette zielen wie zu gut gespitzte Bleistifte auf ihn, bereit, die Botschaft Allahs oder 'I love Sarajevo' in die Wolken zu zeichnen. Mit leichtem Schaudern sehe ich voraus, dass sie abbrechen müssen bei der ersten Berührung, und dass wir die Botschaft Allahs nicht erfahren und Sarajevo nicht lieben werden." Dieser Satz stammt aus Julie Zehs Buch "Die Stille ist ein Geräusch". Zeh reiste 2001 nur mit ihrem Hund durch Bosnien. Eindrücklich beschreibt sie Land, Menschen, Gebäude. Sie alle erzählen, findet Zeh, ihre ganz eigene Geschichte.

Julie Zeh brach damals mit der Frage auf, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, der, zusammen mit der Kriegsberichterstattung, vom Erdboden verschwunden ist. Sozusagen. Auch ich habe mich Ähnliches gefragt. Aber vor allem haben mich die Abenteuerlust und die Neugier auf eine fremde Kultur zu der Entscheidung gebracht, meinen Freiwilligendienst hier zu verbringen. 
 
What do you want to know?

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Krieg, Zerstörung und Minen: Viel mehr ist mir im Vorfeld nicht zu diesem Land eingefallen, das eingebettet zwischen Kroatien, Serbien und Montenegro liegt. Den Bericht des militärgeschichtlichen Forschungsamtes habe ich nach dem Kapitel "Sicherheitslage in Bosnien und Herzegowina" schnell wieder weggelegt und mir Sorgen gemacht, ob ich abenteuerlich genug für dieses Land bin.
 
Aber als ich in Jajce ankam, zeigte mein Balkon den wohl schönsten Ausblick, den ich je hatte. Berge, Kleinstadt, funkelnde Lichter. Den passenden Soundtrack für die Idylle lieferte der Muezzin, der seine arabischen Gebete, wenn auch nur vom Band, in die angehende Nacht hineinrief. Während ich Pita essend zwischen Menschen sitze, die ich nicht kenne und deren Jogginghose ich trage, da meine Jeans besorgniserregend nass ist, komme ich mir arrogant vor. Ich fange an, das Wort Gastfreundschaft neu zu verstehen.
 
Neben der Tatsache, dass man hier "Aptschi!" niest und "Aj!" jammert, wenn einem etwas weh tut, habe ich auch sonst einiges dazugelernt. Zum Beispiel, wie es ist, als Einzige eine andere Sprache zu haben. Obwohl viele hier Deutsch sprechen, ist die Sprache der Einheimischen doch so etwas wie eine Eintrittskarte in die Welt des Balkans.
 
Lost in Translation
 
Aber wie lernt man nun eine Sprache, die man lieber gestern als morgen perfekt sprechen sollte, ohne Klassenzimmer und mit einer Sprachlehrerin, die einen erst mal auf Englisch fragt "What do you want to know"? Ich stelle erleichtert fest, dass es geht.
 
Und so bin ich mittlerweile dank meiner bosnischen Sprachlehrerin und meiner ansteckend motivierten französischen Mitbewohnerin in der Lage, Alltagsgespräche zu führen. Nach wie vor aber bleibt die Kommunikation eine Herausforderung. Sei es in der Redaktion der lokalen Zeitung, in der ich vormittags arbeite, oder bei "Mala Skola", einer Vorschule, die ich zweimal die Woche nachmittags anbiete – oder abends in unserer Wohnung mit meiner Mitbewohnerin. Ein Diktiergerät, mit dem ich mir Interviews noch mal anhören kann, nette Leute, die mit beim Übersetzen helfen, geduldige Kids und die Wörterbücher von Langenscheidt helfen und erleuchten den "Lost in Translation"-Dschungel.

Missverständnisse ziehen sich aber nach wie vor wie rote Linien durch den Alltag. Zwischen mich anpassen wollen, Dinge anders machen wollen, nachhaltig helfen möchten bleibt es oft schwierig, richtig zu reagieren. Was ist gut oder schlecht, was ist richtig oder falsch? Die Antwort auf solche Fragen lässt sich schwer finden. Bei Julie Zeh kann man lesen: "Die Antwort darauf ist wie ein Haus mit zahlreichen Stockwerken, in denen viele gemischte ethnische Familien aus Jas und Neins wohnen."

Das Milka-Sortiment und die Persil-Düfte in den Kaufläden erwecken den Anschein von europäischen Standards. Doch schon die Frage danach, welche Sprache man in diesem Land spricht, zeigt gut 13 Jahre nach dem Dayton-Friedensabkommen eine tiefe ethnische Zerrissenheit. Diese spiegelt sich auch in der Politik wider, die durch interne Probleme die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung lähmen.
 
Drei Präsidenten für ein Land
 

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Aber was spricht man nun: Serbokroatisch wie zu Titos Zeiten oder Bosnisch? Tatsächlich spricht jeder entsprechend seiner Herkunft. So lobt der Serbe deine Serbischkenntnisse, die Bosniaken – das ist der muslimische Teil der Bevölkerung – deine bosnische Sprachgewandheit und der Kroate den bisher erlangten Kroatisch-Wortschatz.

Diese drei Sprachen unterscheiden sich nur in einigen Bezeichnungen und kleinen grammatikalischen Details und sind damit vergleichbar mit unterschiedlichen Dialekten, die in jedem Land existieren. Das Beharren der Einheimischen auf dem für mich kaum merkbaren Unterschied dieser drei Sprachen – die im Übrigen gar nicht alle als Sprache anerkannt sind – hat somit in erster Linie einen ethnischen Hintergrund.
 
Das wundert nicht bei einem Land, das von drei Präsidenten, die jeweils eine verschiedene ethnische Gruppe repräsentieren, regiert wird. Eine tatsächliche legislative Macht haben sie aber nicht, denn bei all ihren Entscheidung kann das OHR sein Vetorecht benutzen. OHR bedeutet "Office of Human Rights" und wurde von der UN und der EU im Zusammenhang mit dem Dayton-Vertrag gegründet.
 
Das Land selbst ist unterteilt in zwei Teile, die "Republika Srbska" und die "Federatia Bosne i Herzegovine". Zwei Teile, das bedeutet auch zwei Polizeiapparate, verschiedene Schulsysteme, unterschiedliche Steuerregelungen, kyrillische und lateinsche Schrift. In den Irrungen und Wirrungen dieses politischen Systems, das als eines der zurzeit komplexesten beschrieben wird, kommt man schnell an den Punkt, an dem man an einer positiven Zukunft dieses Landes zweifelt. Und so zweifeln auch viele Menschen, die hier leben.
 
Hohe Arbeitslosigkeit, Korruption und politische Willkür wecken vor allem bei jungen Menschen den Wunsch auszuwandern. Nach Deutschland zum Beispiel. Doch selbst ein Urlaub in einem anderen Land wird Menschen mit bosnischem Pass durch strikte Ausreisebedingungen nahezu unmöglich gemacht. Dass aber auch in einem Land wie Deutschland nicht alles perfekt ist und dass Rechtssystem und Bürokratie zwar Sicherheit geben, auf der anderen Seite aber mit Regeln und Einschränkungen verbunden sind, wollen viele hier nicht sehen.
 
Doch viele der jungen Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, geben Anlass zur Hoffnung. Trotz ihrer Flüchtlings- oder Kriegserfahrungen interessieren sie ethnische Unterschiede nicht, haben sie unterschiedlichste Freunde und Freundinnen und eine Einstellung zu Religion und Politik, die auch Platz für Andersdenkende lässt.
 
I love this fucking Country!
 

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Wenn beispielsweise Elvo mir etwas erzählt, spricht er immer mit viel Kraft und Überzeugung in der Stimme. Und wenn es um sein Heimatland und dessen Geschichte geht, ist seine Stimme noch eine Spur heftiger. Detailliert erzählt er mir, in einem englisch-bosnischen Sprachmix, warum er keine Arbeit hat, warum der muslimische Bürgermeister den Weihnachtsbaum hat entfernen lassen und warum er sich nicht mehr ehrenamtlich engagieren möchte.
 
Mit genauso viel Feuer erzählt er aber auch von dem Sommer hier, von der wunderschönen Landschaft und der Musik, den Texten der Lieder, die von alltäglichen Geschichten berichten. Er weiß, was in seinem Land passiert, und er geht sympatisch offen damit um. Viele von den Leuten hier nehmen sich auf eine angenehme Art und Weise nicht sonderlich wichtig. Nirgendwo anders habe ich bis jetzt Leuten zugehört, die stundenlang Witze über die eigene Einfältigkeit erzählen können.
 
Seit fast vier Monaten bin ich nun hier. In vielerlei Hinsicht hat es in meinem Köpfchen gerattert. Ich fühle mich gut und sicher hier. Mein Bild von Bosnien-Herzegowina, das am Anfang nur aus Krieg, Zerstörung und Minen bestand, ist nicht verschwunden, denn diese Dinge sind allgegenwärtig und mit den Häusern und den Geschichten der Menschen unmittelbar verbunden.
 
Aber dieses Bild hat sich um viele schöne Bilder und Erlebnisse erweitert. Tausende Kilometer weit weg von zu Hause fange ich an zu begreifen, dass Sprache viel mehr ist als etwas, dass man aus Büchern lernt, dass ich "deutscher" bin, als ich dachte, und dass zu viel Sicherheit ein Scheuklappendenken mit sich bringen kann. Und dass es sich immer lohnt, auszubrechen, ein Abenteuer zu wagen: um zu begreifen, dass das eigene Leben, die eigene Geschichte und das Heimatland noch lang nicht Angelpunkt dieser Welt ist.
 
Franziska Massa, 21, kommt ursprünglich aus einem kleinen Örtchen namens Wüstenrot, in dem es die beste Luft weit und breit gibt. Die letzten zwei Jahre lebte und arbeitete sie in Stuttgart. Im Rahmen des "Youth in Action"-Programms der EU hält sie sich von September 2008 bis März 2009 in dem nordbosnischen Jajce auf.
 
Vielen Dank an Željko Crnogorac, der den politisch korrekten Hintergrund geliefert hat.

Fotos: Franziska Massa



www.ohr.int
Die Seite des OHR, des "Office of Human Rights" für Bosnien-Herzegowina

http://de.wikipedia.org/wiki/Bosnien_und_Herzegowina
Mehr über Bosnien-Herzegowina bei Wikipedia
 
www.cafebabel.com
Auf cafébabel.com findet man viele interessante Artikel zu Ereignissen im Balkan.
 
www.mineaction.org
Mine Action ist ein internationales Netzwerk gegen Landminen, u.a. in Bosnien-Herzegowina.
 
www.jugend-in-aktion.de/europaeischer-freiwilligendienst
Mehr über den Europäischen Freiwilligendienst
 
www.rausvonzuhaus.de
Eine hilfreiche Seite zu Auslandsaufenthalten und Freiwilligendiensten




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