
Grenzübergang, Blickrichtung Ungarn
Der 19. August 1989 ist der Tag, an dem Arpad Bella Geschichte schreibt, ohne es zu wissen. Die Ereignisse dieses Samstags an der österreichisch-ungarischen Grenze gehen um die Welt. "Frei! Sie küssten die Erde", titelt die Bild-Zeitung zwei Tage später. "900 aus Ungarn raus." Daneben ein Foto von DDR-Flüchtlingen, wie sie ein Grenztor durchbrechen. 20 Jahre später steht Arpad Bella wieder an der Stelle, wo dieses Bild entstand und wo alles geschah. Die Mittagssonne treibt dem früheren Offizier der ungarischen Grenzwache Schweißperlen auf die Stirn. Der Stacheldrahtzaun, der hier, nahe der ungarischen Stadt Sopron, über Jahrzehnte zwei Staaten trennte, steht nicht mehr. Die Ruhe ist geblieben: Ein paar Radfahrer/innen, einige Pilzesammler/innen. So gut wie keine Autos. Aber ein Hauch des Besonderen, wie ihn nur historische Orte umgeben, liegt über diesem Fleck Erde. "Was sich hier abspielte, glich dem Fall der Mauer", sagt Arpad Bella. "Es waren Momente der Ergriffenheit, Angst und Freude."
Das Ende der 1980er-Jahre ist die Zeit der Perestroika. Der mit Gorbatschow in der Sowjetunion einsetzende Wandel schafft Freiräume, auch in den Staaten des Ostblocks. In Ungarn ist der Reformprozess relativ weit fortgeschritten. Im Februar 1989 beschließt die Führung in Budapest, die Grenzanlagen zu Österreich abzutragen. Die DDR nimmt die Entscheidung anfangs gelassen. Als ungarische Soldaten und Kolchosemitarbeiter am 2. Mai tatsächlich mit dem Abbruch des Drahtzauns und Meldesystems beginnen, läuten bei Honecker und Co. jedoch die Alarmglocken. Denn alles geschieht öffentlich: Auch ARD und ZDF sind dabei und die Bilder erreichen am gleichen Abend auch viele DDR-Bürger/innen, die in ihren Wohnzimmern heimlich Westfernsehen schauen.

Arpad Bella
Friedliche Lagerfeuer
Im Sommer bekommt Ungarn das gewaltige Echo dieser Bilder zu spüren: Eine ungewöhnlich große Welle mit DDR-Touristen/innen rollt in das Land. Viele hoffen auf eine Lücke im Eisernen Vorhang. Die Ostdeutschen übervölkern die Campingplätze. Notlager werden errichtet. Auch in der westdeutschen Botschaft in Budapest suchen einige Zuflucht. Trotz der andauernden Bewachung der Grenze gelingt mehreren Hundert die Flucht in den Westen. Der Druck auf Ungarn wächst. Für Grenzwächter Bella und seine Kollegen ist es eine Phase der Ungewissheit. Auf Flüchtlinge zu schießen, verträgt sich nicht mehr mit der politischen Einstellung des Landes. Der interne Befehl lautet: Waffengebrauch nur noch im Selbstverteidigungsfall. Doch wird sich noch zeigen, dass in dieser Hinsicht vieles von der Erfahrung und politischen Prägung der jeweiligen Grenzkommandeure abhängt.
Im Wendejahr ist Arpad Bella Mitte 40, Vater zweier Töchter, ein Mann in den besten Jahren, ein Mann mit Verantwortung. Fünf Grenzwächter befehligt er am 19. August 1989, als ungarische Oppositionelle im hohen Gras des Grenzgebiets ein Fest des Friedens feiern wollen. Sie nennen es das "Paneuropäische Picknick". Ungarn/innen und Österreicher/innen sind eingeladen, gemeinsam um ein Lagerfeuer zu sitzen, Speckbraten zu essen und einen Nachmittag lang von einem Europa ohne Grenzen zu träumen. Dafür soll um 15 Uhr symbolisch das alte Grenztor nahe Sopron geöffnet werden. Es ist seit Jahren unbenutzt und gleicht inmitten der Wiesen und Wälder mehr einem alten Viehgatter. Drei Stunden lang sollen die österreichischen Nachbarn hier passieren dürfen, um am Picknick teilzunehmen, und Arpad Bellas wichtigste Aufgabe ist es, alles unter Kontrolle zu behalten. Doch genau das misslingt ihm an diesem Tag.
Es ist kurz vor drei Uhr, als Bella mit seinem österreichischen Kollegen am Grenzzaun steht. Zur vollen Stunde wird eine offizielle Delegation erwartet. Die beiden treffen letzte Absprachen. Alles soll geordnet ablaufen. Dann, plötzlich, auf der Anhöhe des Weges, eine Menschengruppe. Von ungarischer Seite steuert sie geradewegs auf das Tor zu; 150 bis 200 Personen und ein großes Schweigen. "Ich dachte zuerst, es sei die Delegation, und ging ihnen in Richtung Tor entgegen", erinnert sich Bella. Doch das entpuppt sich als Irrtum. Es sind Ostdeutsche. Nicht zuletzt das Mausgrau ihrer Kleidung verrät sie. "Für Fragen und Antworten blieb da keine Zeit mehr." Die letzten Meter fängt die Menge an zu rennen und als sie den Grenzzaun erreicht, stemmen sich die ersten mit aller Macht gegen das Tor. "Mein erster Gedanke war: Was bin ich für ein Pechvogel! Man wurde ja schon bei einem einzigen Flüchtling zur Verantwortung gezogen."
Wie Schleusentore, die dem Druck der Wassermassen nicht mehr standhalten können, öffnet sich die Abzäunung. Im Gedränge bricht Hektik aus. Alle wollen rüber. So schnell wie möglich. Die meisten sind junge Männer und Frauen, Familien mit Kindern. Über ihren Schultern hängen Taschen, kleine Rucksäcke, nur das Nötigste. Einige fassen sich an den Händen. Sie haben Angst. Schnell verliert man sich aus den Augen. "Es war ein großes Durcheinander", sagt Bella. "Auch in mir herrschte totale Panik." Doch äußerlich bewahrt der Grenzwächter die Fassung. Auch als die Deutschen ihn und seine Kollegen beiseite schieben.
Als sie das Tor passiert haben, brechen viele der Flüchtlinge in Tränen aus. Einige reißen im Freudentaumel die Arme nach oben. Österreich! Westen! Die starke Anspannung der vergangenen Tage und Stunden weicht der Erleichterung. Endlich drüben! Der ersten Flüchtlingswelle folgen weitere. Grenzwächter Bella befiehlt seinen Männern, zur Seite zu schauen. "Wir hätten schießen können. Sie schubsten uns ja zur Seite. Aber ich sagte meinen Männern: Lasst die Herrschaften durch. Wir unternahmen bei der ersten Gruppe nichts. Es wäre Wahnsinn, bei den anderen etwas zu tun." Etwa 1.000 Ostdeutsche strömen an diesem Tag bei Sopron in den Westen. Es ist die größte Massenflucht von DDR-Bürgern/innen seit dem Mauerbau.

Infotafel Grenzübergang
Das Loch im Eisernen Vorhang
Und einige wurden offenbar schon erwartet. "Ich sah, wie sie hinter einem Gebüsch Sekt tranken, kalten Sekt aus Kristallgläsern! Es waren Flüchtlinge mit ihren West-Verwandten." An diese Szene erinnert sich Laszlo Nagy, einer der Organisatoren des Picknicks. Und sie bereitete ihm lange Kopfzerbrechen. Auch sonst werfen die Ereignisse Fragen auf: Wie war es möglich, dass eine so große Gruppe DDR-Bürger/innen sich scheinbar unbemerkt der Grenze näherte? Wieso versetzte die ungarische Führung nach der gestiegenen Zahl von Fluchtversuchen nicht mehr Soldaten in Alarmbereitschaft? Nagy ist mittlerweile überzeugt, dass die Regierung die Vorfälle absichtlich eskalieren ließ. Man wollte die sowjetische Reaktion testen. "Wir Oppositionellen haben eigentlich mit der Regierung zusammengearbeitet, ohne dass wir es wussten." Und Moskau blieb ruhig. Nagy glaubt auch, dass der westdeutsche Geheimdient die Finger im Spiel hatte: "Sie haben alles dafür getan, dass diese Flucht klappt. Die Stasi hat dagegengearbeitet, aber sie war einfach zu schwach."
Dass alles auch hätte anders kommen können, zeigt sich nur zwei Tage später. Am 21. August erschießt ein ungarischer Grenzsoldat Kurt-Werner Schulz, einen 36-jährigen Architekten aus Weimar. Der Deutsche wollte etwas weiter südlich über die Grenze flüchten. Diese aufeinander folgenden Ereignisse zwingen Ungarn zu schnellen Entscheidungen: Drei Wochen später, in den frühen Morgenstunden des 11. September, öffnet das Land seine Grenzen und lässt alle DDR-Flüchtlinge in den Westen reisen. Ein gewaltiges Loch im Eisernen Vorhang tut sich auf. Allein in den ersten beiden Tagen nach der offiziellen Grenzöffnung reisen etwa 14.000 Ostdeutsche aus. Ungarn war ein Fass mit Überdruck. Knapp zwei Monate später fällt in Berlin die Mauer.
Und Bella Arpad? Er rechnete mit einer Vorladung, endlosen Verhören und mehreren Jahren Haft. Aber die Geschichte verschonte ihn. 1999, zehn Jahre nach den Ereignissen von Sopron, verleiht das ungarische Parlament dem mittlerweile pensionierten Oberstleutnant ein Verdienstkreuz. "Die wirkliche Ehrung bleibt aber der 19. August selbst: diese Menschen, die den Stacheldraht durchbrechen. Die Gesichter, die ich damals sah – das war der größte Ausdruck von Freiheit."
Nicholas Brautlecht lebt als freier Jounalist in Berlin.
Fotos: ©Nicholas Brautlecht
http://deutsche-geschichten.tv Deutsche Geschichten, Erinnerungen und Erzählungen aus Ost und West
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