
Anfang 1983: Noch niemand kann sich ein Ende der DDR vorstellen, die Mauer steht betonfest zwischen Ost und West. Und Udo Lindenberg ist beleidigt. Denn gerade wurde sein Wunsch, in der DDR aufzutreten, abgelehnt. Deshalb singt er einen eigenartigen Bewerbungstext über die Mauer zu Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR. Der Song "Sonderzug nach Pankow" basiert auf der Melodie des Swingklassikers "Chattanooga Choo Choo" von Glenn Miller, der Text orientiert sich an "Zug nach Kötzschenbroda" von Bully Buhlan aus dem Jahr 1946. Viele Mitglieder der DDR-Regierung sowie andere "Bonzen" wohnten damals im Ost-Berliner Edelstadtteil Pankow.
In respektlosem Ton bietet sich Lindenberg dem DDR-Chef an: "Ey, Honey, ich sing für wenig Money / Im Republikpalast, wenn ihr mich lasst." Die Koseform "Honey" kann man sicherlich verniedlichend finden, immerhin ist die DDR damals eine Diktatur und bedeutet für viele Menschen Repression und Unterdrückung. Lindenberg glaubt, die Verhältnisse mit lässigen Udo-Sprüchen aufmischen zu können. Offenbar will er den Staatsratsvorsitzenden weichsingen, indem er hinter der spießigen Fassade den angeblich wahren, echten und vor allem coolen Honecker anspricht.
Coolness zählt
Zuerst zeichnet Lindenberg die DDR mehr oder weniger versteckt als Staat der Kleinbürger/innen, als ein Land, in dem nur Spießermusik erwünscht ist: "Ich bin ein Jodeltalent, und will da spielen mit 'ner Band." Und weiter: "All die Schlageraffen dürfen da singen / Dürfen ihren Schrott zum Vortrage bringen / Nur der kleine Udo – nur der kleine Udo / Der darf das nicht – und das verstehn wir nicht." Dann aber, am Schluss, wird der Freigeist in "Honey" herbeispekuliert: "Honey, ich glaub', du bist doch eigentlich auch ganz locker / Ich weiß, tief in dir drin / bist du eigentlich auch'n Rocker / Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an / Und schließt dich ein auf'm Klo und hörst West-Radio."
Erich Honecker – Udos Bruder im Geiste? Leider wird diese Hoffnung nicht wirklich erfüllt. Die DDR-Führung verbietet das Lied, unter anderem wegen der Bezeichnung "Oberindianer". Trotzdem geschieht im Oktober 1983 das Unglaubliche: Unter strengsten Auflagen darf Lindenberg im Ost-Berliner
Palast der Republik auftreten, allerdings ohne den "Sonderzug nach Pankow" zu spielen. 1987 dann zeigt der "Rocker" Honecker zumindest Minimalhumor: Bei einem BRD-Besuch lässt er sich von Udo Lindenberg eine Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren" überreichen. Bis heute behaupten fanatische Udo-Verehrer/innen, dass Lindenbergs lustige Sticheleien gegen Honecker der erste kleine Anfang vom Ende der DDR waren ...
Aram Lintzel ist politischer Berater und freier Autor. Er lebt in Berlin.Foto, oben: "Berlin, 1983: Der 1. Sekretär des Zentralrates der FDJ, Egon Krenz (3.v.l.), begrüßte auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld den amerikanischen Volkssänger Harry Belafonte (2.v.l.). Der international bekannte Friedenssänger wird am Abend des 25.10. gemeinsam mit dem BRD-Sänger Udo Lindenberg (5.v.l.) bei einem Konzert für den Frieden mitwirken. Anwesend waren Frau Belafonte (4.v.l.) und Hartmut König (r. sitzend)."; Copyright: Deutsches Bundesarchiv / Bild 183-1983-1025-028 / Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany License (CC-BY-SA), Foto: Bernd SettnikFoto, unten: ©Sven Sindt
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"Sonderzug nach Pankow": der Songtext
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"Sonderzug nach Pankow" auf YouTube
www.udo-lindenberg.de
Udo Lindenbergs Seite
http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Pankow
Mehr über Pankow auf Wikipedia
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