Die DDR: Nach dem Mauerfall - Vor dem Mauerfall
Die DDR war einmal.
Für viele ist es ein Land, das sie nur aus Erzählungen kennen. Aus diesem Block historischen Materials, der durch die Entfernung oft etwas Märchenhaftes bekommt, hat fluter einige Geschichten herausgegriffen. Bei aller Komplexität – es gibt ein paar einfache Wahrheiten: Ein Staat, der seine Bürger einsperrt und ermordet, wenn sie fliehen wollen, ist kein guter Staat. Ein politisches System, das einer kleinen Gruppe alter Männer unkontrollierte Macht über alles gibt, ist eine Diktatur. Auch wenn sie sich den Namen »Demokratische Republik« gibt. Diktaturen sind im besten Fall absurd und in der Regel voller Gewalt. Eine Planwirtschaft, die die Umwelt zerstört, die Infrastruktur verkommen lässt, den Mangel permanent macht, ist als ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit Misswirtschaft.
Der Widerspruch zwischen dem öffentlich verkündeten Anspruch der Errichtung einer paradiesischen Gesellschaft und der tristen Wirklichkeit des »real existierenden Sozialismus« machte die Staatsideologie des Marxismus-Leninismus zur groben Folklore. Dagegen gab es von Anfang an Absetzbewegungen, als Flucht aus dem Land oder als Flucht ins Private. Unter dem Radar der allgegenwärtigen Staatsmacht versuchte die Jugend ihr Leben, schuf Subkulturen, die sich an westlichen Stilen orientierten und doch ein bizarres Eigenleben gewannen.
Das Beste an der DDR war ihr Ende. Eine Revolution, die insgesamt friedlich verlief. Innerhalb weniger Monate nutzten Tausende mutiger Menschen die Schwäche des sowjetischen Imperiums und der eigenen Staatsmacht, gründeten Organisationen, Parteien, gingen auf die Straße und brachten das Kartenhaus zum Einsturz. Die Wochen vor und nach dem Fall der Berliner Mauer gehören zu den glücklichsten der deutschen Geschichte. »Wahnsinn!« war der Ruf der Stunde in diesen historischen Tagen. Diese Revolution hat einige Namen bekommen: 89, Mauerfall, Wiedervereinigung, Wende. Das letztere Wort hat sich in der Alltagssprache am Weitesten durchgesetzt, ungeachtet dessen, dass es der unsägliche Egon Krenz beim Versuch, die SED Herrschaft zu retten, als einer der Ersten in die Welt setzte. Vielleicht ist »Wende« deshalb so verbreitet, weil es den lebensgeschichtlichen Umbruch für Millionen Menschen für viele am ehesten fassbar macht. Denn mit der Revolution von 1989 war die Geschichte der DDR nicht zu Ende. Mehr gibt es auf der anderen Seite des Heftes – bitte wenden.
Thorsten Schilling
Die DDR geht weiter.
Auch fast 20 Jahre nach dem Ende ist das Land als Ort gelebten Lebens für Millionen Menschen ebenso präsent, wie als Vergleich zur Gegenwart, als Prägung der eigenen Einstellungen und als Projektionsfläche in Ost und West. Das vereinigte Deutschland ist in vielem ein Land mit zwei Gesellschaften, der Weg zur »Vollendung der Einheit« ist weiter als gedacht. Das hat zum einen damit zu tun, dass die DDR noch keine vollendete Vergangenheit sein kann. Staatliche Institutionen, Stiftungen und bürgerschaftliche Initiativen wie die an der »Runden Ecke« in Leipzig kämpfen um ein adäquates Erinnern, um Aufarbeitung des historischen Materials. Viele Geschichten sind noch nicht erzählt und verdienten es doch. Zum Beispiel die der Einwanderer aus den »Bruderländern« wie Vietnam, die ebenso um eine neue Existenz ringen wie die Einheimischen, die erst lernen mussten, sie wirklich als gleichberechtigte Mitbürger anzuerkennen.
Es ist auch die Erfahrung der Transformationen nach der friedlichen Revolution, die die Gebiete der ehemaligen DDR zu etwas Besonderem macht. Die unter enormem Zeitdruck realisierte Privatisierung der Staatswirtschaft der DDR aus einem abgeschotteten Markt des ostblocks hinein in eine sich gleichzeitig radikal globalisierende Weltwirtschaft zeigt sich als Schocktherapie. Dabei ist der Schock ebenso nachhaltig, wie die Therapie langwierig bleibt. Mit offenem ausgang. Auch und gerade jetzt, da sich der Kapitalismus eine seiner großen Krisen nimmt. Aber krisenerprobt ist man in der DDR ja gewesen. Das steht auf der anderen
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Thorsten Schilling
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Inhaltsverzeichnis des fluter-Heftes
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»Sich dumm zu stellen, war eine Form von Opposition«
Warum war die DDR schon 1953 am Ende?
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Ein Stück Karibik
Das 17. Bundesland in der Karibik
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Lost in Music
Der Soundtrack zum Untergang
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Kein schöner Land
Wie auf ein paar Äckern eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) entsteht
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Den Einkaufsbeutel immer im Anschlag
Die Plan(los)-Wirtschaft der DDR
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Die Paketlösung
Wer als DDR-Bürger Verwandte im Westen hatte, bekam von denen nicht selten Pakete geschickt
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Die Stille nach dem Schuss
Die Morde an der Mauer wurden schnell verdrängt
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Kleine Chronik des Mauerfalls
Kleine Chronik des Mauerfalls
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Leere Orte
Ein Hamburger macht eine Disko auf, dem Bürgermeister fehlt das Geld
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Gesetz des Dschungels
Heute wird über staatliche Beteiligung an Unternehmen gesprochen – nach 1989 war es umgekehrt
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»Wir leben in friedlicher Koexistenz«
Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Deutschen kein vereintes Volk
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Der Schiesser-Befehl
Früher war die Region um Chemnitz eine Hochburg der Textilindustrie
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Fidschi ist ein schönes Land
Erst kämpften sie gegen die Amerikaner, dann gegen die Fremdenfeindlichkeit
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Zeiten des Aufruhrs
Allein mit Demos und Lichterketten war das DDR-Unrechtsregime dann doch nicht abzuschütteln
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