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Zeit ist Geld

Beruf: Lastwagenfahrer/in

22.9.2008 | Fabian Pickel | Artikel drucken

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Benno am Arbeitsplatz

"Wat'n Glück", murmelt Benno amüsiert. "Grade noch rechtzeitig. Dacht' schon, wir hätten den Stau vorm Elbtunnel verpasst." Zufrieden zieht der Holsteiner seinen blauen 40-Tonner in Hamburg-Othmarschen auf die A7. Der 48-jährige Fernfahrer mag den Stau. Entspannt zieht er an seiner Zigarette. 670 Kilometer sind es bis ans Ziel im Raum Karlsruhe. Unter seinem Hintern schnurrt der 410 PS-Diesel dahin wie ein Kätzchen.

Drei Milliarden Tonnen ziehen Benno und seine Kollegen/innen pro Jahr über deutsche Straßen, um Industrie, Handel und Haushalte zu versorgen. Dafür tauschen sie Familie, Freunde und Heimat gegen eine einsame und eintönige, aber verantwortungsvolle Arbeit am Lenkrad.

Benno schnappt sich die weiße Kaffeekanne, füllt einen braun-milchigen Plastikbecher im Getränkehalter. Mit rechts lässt er aus einer Plastikflasche Zucker in den Kaffee rieseln. Das süße Gebräu wird ihn den ganzen Tag mit Energie versorgen. Kein Frühstück, kein Mittagessen, keine Pinkelpausen. Kein Problem.

Am Fenster ziehen die Containertürme des Hamburger Hafens vorbei, später dann die Hügel des Harz und die Kasseler Berge. Ein österreichischer Kollege setzt bei Tempo 80 zum Überholen an – Zeit ist schließlich Geld. "Und wennu zwischen Hamburg und München zwei Minuten sparen kanns' – denn machsu das!", stellt Benno ironisch fest. Um seinem alpenländischen Kollegen die Schmach zu ersparen, nimmt er schließlich den Tempomat zurück und wechselt kurz auf den Standstreifen.

Morgens um acht soll Benno ausladen. Das wird nichts mehr, doch der Chef akzeptiert das. Auch ein Grund, weshalb ihn heute so leicht nichts mehr aus der Ruhe bringt. Früher ließ er sich oft unter Zeitdruck setzen, beleidigen und beschimpfen. Bei der Erinnerung an die ertragene Erniedrigung kommt der bärtige Brummi-Kapitän in Fahrt, rutscht auf dem luftgefederten Fahrersitz hin und her. "Nur weil ich Benno heiß' und Lkw-Fahrer bin, mussas doch nich' zwangsläufig heißen, dass ich komplett bescheuert bin!", flucht er und gestikuliert wild durch die Kabine, als er das Telefonat von einst noch mal abspult.

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Bennos Brummi

Jetzt macht er sich nicht mehr verrückt. Wer seinem breiten norddeutschen Schnack lauscht, der könnte denken, ein kleiner Junge kurve auf einem putzigen Spielzeug-Brummi durch den Sandkasten. Alles nicht so wild. Bloß "nich ganz so doll durchkacheln", damit nicht doch mal was daneben geht. So wie damals, als er noch selbstständig war, bei einem seiner Mitarbeiter. "Jau jau. Da stand ein Kollege mit seiner Hütte hinten auf unserm Trailer. Wat ein Geplärre!"

Und schon läuft der Diesel wieder

Abends um neun ist Feierabend für Benno, zwischen Würzburg und Heilbronn muss er raus auf einen Parkplatz. Ob er müde ist oder nicht. Neun Stunden Lenkzeit sind voll, eine Überschreitung wird teuer. Trotzdem: "Dat macht einfach oft kein' Sinn", grummelt er, denn der Parkplatz ist rammelvoll. Lkw an Lkw. "Ich darf nich' weiterfahren und ich darf hier nich' stehen bleiben. Wie immer." Der schwere Lastzug pflügt sich schwankend in den Grünstreifen neben der Beschleunigungsspur, fünf Meter daneben rast der Verkehr mit Tempo 200 vorbei. Oft genug kracht es in solchen Fällen. "Jau. Dat klötert denn ganz ornlich. So wie die hier durchknallen."

Benno klettert vom Thron und trottet einmal um sein mobiles Zuhause herum – zum Bad: ein Wasserkanister samt Seifenspender hinter dem Führerhaus. Katzenwäsche reicht, das ist kostenlos und sauber. Toilette? Da geht er doch lieber "hinnern Knick, wie der Holsteiner sacht". Kurze Wege auch vom Bad in die Küche: Auf dem Lenkrad belegt er sich zwei Scheiben Vollkornbrot mit Aldi-Jagdwurst und Leerdammer aus dem Mini-Kühlschrank. Nach dem Abendmahl zieht sich der König der Landstraße in die Schlafgemächer zurück, wo er noch mal kurz den Fernseher anschmeißt. Dreizehn multifunktionale Kubikmeter Führerhaus sind ein entbehrungsreicher Arbeitsplatz, für zweitausend Euro netto.

Morgens um kurz nach acht piept der Wecker nervtötend durch die Koje. Benno kramt den Gaskocher hervor, setzt Kaffee auf. Die Frühstückszigarette quittiert seine Lunge prompt mit einem tiefen, röchelnden Husten. Die erste Asche des Tages schnippt er in eine aufgeschnittene Halbliter-Bierdose Faxe, an der ein Wikinger im Minirock baumelt. Und schon läuft der Diesel wieder.

Bis die Fracht endlich ausgeladen ist, steht der Laster stundenlang in einem gesichtslosen, badischen Industriegebiet. Benno zückt das Handy. Seine Frau hat Geburtstag – er schenkt ihr einen Anruf. Sie wird daheim in Schleswig-Holstein alleine feiern, vielleicht zusammen mit dem gemeinsamen und doch einsamen Sohn, dreizehn Jahre alt. Vor kurzem erst wollte er abhauen, mangels Geld kam er nicht weit.

Immer gibt es ein nächstes Ziel

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Parkplatzmangel

"Der arme Bengel. Frisst sich voll und sitzt vorm Computer, weil keiner Zeit für ihn hat", offenbart der Papa. Zwischen Samstagmittag und Sonntagabend bleibt wenig Zeit, ein guter Vater zu sein. "Am Telefon kannsu da nich' viel nachholen." Mancher Kollege wechselt deshalb in den Nahverkehr. "Denn sin' sie jeden Abend zu Hause. Und lassen sich scheiden, weil sie mit diesen Leuten im Wohnzimmer plötzlich nich' mehr klarkommen."

Am Main soll Benno Zellulose laden. Was das Navi als optimale Route anbietet, entpuppt sich in der Realität als Labyrinth aus Umleitungen und engen Altstadtgassen. Der MAN ist zu hoch, zu lang, zu schwer, zu lästig. "Dies' Schild '40 Tonnen - Herzlich Willkommen' hab ich noch nie gesehen. So'n Schiet hier!" Eigentlich müsste er als Fernfahrer verhungern, reklamiert er. Keinen Bäcker, keinen Supermarkt, keinen Geldautomat darf er mit seinem Gehöck anfahren.

Abends um sieben rollt Benno vor das verschlossene Werkstor seines Kunden, nur ein junger Schäferhund trottet noch über den Hof. Katzenwäsche, Vollkornbrot, Tagesschau. Am nächsten Morgen wartet er stundenlang auf den Frachtbrief für die geladene Zellulose. "Du brauchs' ja ersma ne Büro-Nixe, die dat alles mit dem Hammer in Stein meißelt", spricht er aus Erfahrung. Schließlich rumpelt er ohne Papiere davon. Ziel: Dänemark. "Solln sie den Mist eben hochfaxen."

Unterwegs bläst der heiße Fahrtwind durch die Kabine, in der Sonnenbrille spiegelt sich die leergefegte A 66 bei Hanau. Bennos persönliche Lieblingsstrecke? Was für eine Frage. "Immer die nach Hus! Wat gibt dat Geileres als im eigenen Garten zu liegen?"

Fabian Pickel (28) ist freier Journalist für Radio, Fernsehen, Online- und Printmedien. Er lebt und studiert in Hamburg.

Fotos: Fabian Pickel



Berufskraftfahrer/in ist ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. In Deutschland werden derzeit reichlich Fahrer/innen gesucht, was auch mit den schwierigen Arbeitsbedingungen zusammenhängt: lange Arbeitstage, keine hohen Einkommen, wenig Zeit für Familie und Freunde. Wer dennoch über eine Karriere am Steuer von Lkw oder Bus nachdenkt, der kann sich hier über Ausbildungsinhalte informieren und mit anderen austauschen: www.berufskraftfahrer.net