Benno am Arbeitsplatz
"Wat'n
Glück", murmelt Benno amüsiert. "Grade noch
rechtzeitig. Dacht' schon, wir hätten den Stau vorm Elbtunnel
verpasst." Zufrieden zieht der Holsteiner seinen blauen
40-Tonner in Hamburg-Othmarschen auf die A7. Der 48-jährige
Fernfahrer mag den Stau. Entspannt zieht er an seiner Zigarette. 670
Kilometer sind es bis ans Ziel im Raum Karlsruhe. Unter seinem
Hintern schnurrt der 410 PS-Diesel dahin wie ein Kätzchen.
Drei
Milliarden Tonnen ziehen Benno und seine Kollegen/innen pro Jahr über
deutsche Straßen, um Industrie, Handel und Haushalte zu
versorgen. Dafür tauschen sie Familie, Freunde und Heimat gegen
eine einsame und eintönige, aber verantwortungsvolle Arbeit am
Lenkrad.
Benno
schnappt sich die weiße Kaffeekanne, füllt einen
braun-milchigen Plastikbecher im Getränkehalter. Mit rechts
lässt er aus einer Plastikflasche Zucker in den Kaffee
rieseln. Das süße Gebräu wird ihn den ganzen Tag mit
Energie versorgen. Kein Frühstück, kein Mittagessen, keine
Pinkelpausen. Kein Problem.
Am
Fenster ziehen die Containertürme des Hamburger Hafens vorbei,
später dann die Hügel des Harz und die Kasseler Berge. Ein
österreichischer Kollege setzt bei Tempo 80 zum Überholen
an – Zeit ist schließlich Geld. "Und wennu zwischen
Hamburg und München zwei Minuten sparen kanns' – denn machsu
das!", stellt Benno ironisch fest. Um seinem alpenländischen
Kollegen die Schmach zu ersparen, nimmt er schließlich den
Tempomat zurück und wechselt kurz auf den Standstreifen.
Morgens
um acht soll Benno ausladen. Das wird nichts mehr, doch der Chef
akzeptiert das. Auch ein Grund, weshalb ihn heute so leicht nichts
mehr aus der Ruhe bringt. Früher
ließ er sich oft unter Zeitdruck setzen, beleidigen und
beschimpfen. Bei der Erinnerung an die ertragene Erniedrigung kommt
der bärtige Brummi-Kapitän in Fahrt, rutscht auf dem luftgefederten Fahrersitz hin und her. "Nur weil ich Benno heiß'
und Lkw-Fahrer bin, mussas doch nich' zwangsläufig heißen,
dass ich komplett bescheuert bin!", flucht er und gestikuliert
wild durch die Kabine, als er das Telefonat von einst noch mal
abspult.
Bennos Brummi
Jetzt
macht er sich nicht mehr verrückt. Wer seinem breiten
norddeutschen Schnack lauscht, der könnte denken, ein kleiner
Junge kurve auf einem putzigen Spielzeug-Brummi durch den Sandkasten.
Alles nicht so wild. Bloß "nich ganz so doll
durchkacheln", damit nicht doch mal was daneben geht. So wie
damals, als er noch selbstständig war, bei einem seiner
Mitarbeiter. "Jau jau. Da stand ein Kollege mit seiner Hütte
hinten auf unserm Trailer. Wat ein Geplärre!"
Und schon läuft der Diesel wieder
Abends
um neun ist Feierabend für Benno, zwischen Würzburg und
Heilbronn muss er raus auf einen Parkplatz. Ob er müde ist oder
nicht. Neun Stunden Lenkzeit sind voll, eine Überschreitung wird
teuer. Trotzdem: "Dat macht einfach oft kein' Sinn",
grummelt er, denn der Parkplatz ist rammelvoll. Lkw an Lkw. "Ich
darf nich' weiterfahren und ich darf hier nich' stehen bleiben.
Wie immer." Der
schwere Lastzug pflügt sich schwankend in den Grünstreifen
neben der Beschleunigungsspur, fünf Meter daneben rast der
Verkehr mit Tempo 200 vorbei. Oft genug kracht es in solchen Fällen.
"Jau. Dat klötert denn ganz ornlich. So wie die hier
durchknallen."
Benno
klettert vom Thron und trottet einmal um sein mobiles Zuhause herum –
zum Bad: ein Wasserkanister samt Seifenspender hinter dem Führerhaus.
Katzenwäsche reicht, das ist kostenlos und sauber. Toilette? Da
geht er doch lieber "hinnern Knick, wie der Holsteiner sacht".
Kurze Wege auch vom Bad in die Küche: Auf dem Lenkrad belegt er
sich zwei Scheiben Vollkornbrot mit Aldi-Jagdwurst und Leerdammer aus
dem Mini-Kühlschrank. Nach dem Abendmahl zieht sich der König
der Landstraße in die Schlafgemächer zurück, wo er
noch mal kurz den Fernseher anschmeißt. Dreizehn multifunktionale
Kubikmeter Führerhaus sind ein entbehrungsreicher Arbeitsplatz,
für zweitausend Euro netto.
Morgens
um kurz nach acht piept der Wecker nervtötend durch die Koje.
Benno kramt den Gaskocher hervor, setzt Kaffee auf. Die
Frühstückszigarette quittiert seine Lunge prompt mit einem
tiefen, röchelnden Husten. Die erste Asche des Tages schnippt er
in eine aufgeschnittene Halbliter-Bierdose Faxe, an der ein Wikinger
im Minirock baumelt. Und schon läuft der Diesel wieder.
Bis die
Fracht endlich ausgeladen ist, steht der Laster stundenlang in einem
gesichtslosen, badischen Industriegebiet. Benno zückt das Handy.
Seine Frau hat Geburtstag – er schenkt ihr einen Anruf. Sie wird
daheim in Schleswig-Holstein alleine feiern, vielleicht zusammen mit
dem gemeinsamen und doch einsamen Sohn, dreizehn Jahre alt. Vor kurzem erst
wollte er abhauen, mangels Geld kam er nicht weit.
Immer gibt es ein nächstes Ziel
Parkplatzmangel
"Der
arme Bengel. Frisst sich voll und sitzt vorm Computer, weil keiner
Zeit für ihn hat", offenbart der Papa. Zwischen Samstagmittag und Sonntagabend bleibt wenig Zeit, ein guter Vater zu
sein. "Am Telefon kannsu da nich' viel nachholen."
Mancher Kollege wechselt deshalb in den Nahverkehr. "Denn sin'
sie jeden Abend zu Hause. Und lassen sich scheiden, weil sie mit
diesen Leuten im Wohnzimmer plötzlich nich' mehr klarkommen."
Am Main
soll Benno Zellulose laden. Was das Navi als optimale Route anbietet,
entpuppt sich in der Realität als Labyrinth aus Umleitungen und
engen Altstadtgassen. Der MAN ist zu hoch, zu lang, zu schwer, zu
lästig. "Dies' Schild '40 Tonnen - Herzlich Willkommen'
hab ich noch nie gesehen. So'n Schiet hier!" Eigentlich müsste
er als Fernfahrer verhungern, reklamiert er. Keinen Bäcker,
keinen Supermarkt, keinen Geldautomat darf er mit seinem Gehöck
anfahren.
Abends
um sieben rollt Benno vor das verschlossene Werkstor seines Kunden,
nur ein junger Schäferhund trottet noch über den Hof.
Katzenwäsche, Vollkornbrot, Tagesschau. Am
nächsten Morgen wartet er stundenlang auf den Frachtbrief für
die geladene Zellulose. "Du brauchs' ja ersma ne Büro-Nixe,
die dat alles mit dem Hammer in Stein meißelt", spricht er
aus Erfahrung. Schließlich rumpelt er ohne Papiere davon. Ziel:
Dänemark. "Solln sie den Mist eben hochfaxen."
Unterwegs bläst der heiße
Fahrtwind durch die Kabine, in der Sonnenbrille spiegelt sich die
leergefegte A 66 bei Hanau. Bennos persönliche Lieblingsstrecke?
Was für eine Frage. "Immer die nach Hus! Wat gibt dat Geileres als im eigenen Garten zu liegen?"
Fabian
Pickel (28) ist freier Journalist für Radio, Fernsehen, Online-
und Printmedien. Er lebt und studiert in Hamburg.
Fotos: Fabian Pickel