Der Soziologe und Zukunftsforscher Rolf Kreibich über den unumkehrbaren Weg in die nachhaltige Gesellschaft, die mangelnde Fähigkeit, aus der Finanzkrise zu lernen und den Grund, warum wir alte Zeiten aufwärmen, statt Neues auszuprobieren
Der Soziologe und Zukunftsforscher Rolf Kreibich über den unumkehrbaren
Weg in die nachhaltige Gesellschaft, die mangelnde Fähigkeit, aus der
Finanzkrise zu lernen und den Grund, warum wir alte Zeiten aufwärmen,
statt Neues auszuprobieren.
Herr Prof. Dr. Kreibich, was ist Zukunft überhaupt?
Einfach ausgedrückt, alle Vorgänge und Prozesse, die auf der
Zeitachse der kosmischen, natürlichen und gesellschaftlichen Entwicklung noch
vor uns liegen. Nun wissen wir heute sicher, dass die Zukunft nicht vollständig
bestimmbar ist. Gleichzeitig wissen wir auch, dass es nicht beliebig viele
Zukünfte geben kann. Das hat aber zwei wunderbare Konsequenzen: Erstens gibt
das die Möglichkeit, Zukünfte aktiv zu gestalten. Und zweitens folgt daraus, dass
wir trotz prinzipieller Unsicherheit viel über die Zukunft wissen können, und
tatsächlich auch wissen. Insbesondere für »Wenn-dann-Aussagen « gibt es eine
Menge wissenschaftliches Zukunftswissen, so z. B. über die demografische
Entwicklung oder die Folgen des Klimawandels.
Kommt nicht aber sowieso immer etwas dazwischen?
Deshalb versuchen wir für eine realistische Zukunftsgestaltung
etwa durch negative und positive Zukunftsszenarien, Simulationsmodelle und durch
die Darstellung nicht nur wahrscheinlicher Zukunftsbilder, sondern auch prinzipiell
möglicher und wünschbarer Zukunftsoptionen Entwicklungen aufzuzeigen. Dabei
werden auch Störfaktoren mit einbezogen. Etwa durch die Wild-Card-Methode: eine
ökonomische Wild Card wäre z. B. der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems oder
eine Ölpreiskrise.
Zukunftsforscher reden gern von Trends. Welche sehen Sie?
Es kann keinen Zweifel geben, dass ein Megatrend die
wissenschaftlichen und technologischen Innovationen der Zukunft sein werden,
ein anderer die Umweltbelastungen und der Raubbau an den Naturressourcen. Die
größte Aufgabe des 21. Jahrhunderts besteht darin, die hocheffizienten
Zukunftstechnologien nicht weiter in ökologisch und sozial zerstörerischer
Weise, sondern im Sinne einer nachhaltig zukunftsfähigen Entwicklung zu nutzen.
Dass das prinzipiell möglich ist, steht außer Frage.
In Deutschland werden die Menschen
immer älter, es gibt zu wenig Nachwuchs und in vielen Bereichen einen
Reformstau. Wo sehen Sie denn bei uns den Aufbruch?
Wir sind leider auf einem schlechteren Weg als noch vor zehn
Jahren. Ich hoffe aber, dass die globale Erwärmung jedem zu denken gibt und die
Notwendigkeit regenerativer Energien, neuer Stromspeichertechnologien und
Nahwärmesysteme klar wird. Ich bin optimistisch, weil wir vor drei bis vier
Jahren den Break-even erreicht haben – also den Punkt, an dem die Entwicklung hin
zu einem technologischen und volkswirtschaftlichen Fortschritt durch Nachhaltigkeit
unumkehrbar geworden ist. Wir sind auf dem Zukunftskurs, und die großen
Energieversorger, die uns jahrelang die Beine weggeschlagen haben, sind auf dem
Rückzug. Die Versuche, die dezentralen regenerativen Energien zu sabotieren
oder die Atomkraft aufleben zu lassen, sind letzte Zuckungen eines veralteten
Denkens.
Die Zukunft als technologischer Marktführer könnte doch so
einfach sein: ein sauberes Land, das seine saubere Technik in alle Welt
exportiert. Wo ist das Problem?
Das ist fast schon eine kuriose Situation. Noch bis vor
wenigen Jahren hat die Politik dieses Zukunftsfeld oft weggeschoben. Wenn
Politiker – egal welcher Partei – heute über Arbeitsplätze reden und über die
Zukunft der Wirtschaft, dann kommen sie immer nurauf
Umwelttechnologien. Deswegen ist es schon grotesk, das immer noch zu
negieren. Vor einiger Zeit gab es einen Artikel im »Handelsblatt«: »Wirtschaft
pocht auf strengen Klimaschutz.« So eine Schlagzeile hätte es
vor fünf Jahren nicht gegeben.
Das Erreichen der Klimaziele liegt doch aber nicht nur an den
Unternehmen. Gibt es nicht noch zu viele Bürger, die ihr Verhalten nicht
ändern?
Ich bin sicher, dass wir schon zwischen 2030 bis 2040 eine
vollständige Versorgung mit regenerativen Energien schaffen könnten, aber dafür
müssen alle weniger Strom verbrauchen. Nicht nur die Industrie. Aber
das ist ja durchaus möglich, weil die ganzen Geräte dafür da sind.
Eine andere Aufgabe für die Zukunft ist
die Bekämpfung der Armut und des Welthungers. Müsste man nicht vielen Ländern
der Dritten Welt die Schul den erlassen, um die Flüchtlingsströme zu
verhindern, die die Welt ja langfristig viel mehr kosten –
genau wie die Kriege, die in diesen Regionen ausbrechen.
Ja, das wäre in die Zukunft gedacht. Aber stattdessen baut
man lieber immer höhere Zäune. Das ist ein klassisches Beispiel für Realitätsverweigerung.
Der Kampf gegen die Armut und die Erderwärmung sind sehr große,
langfristige Ziele. Politiker werden aber immer nur für relativ kurze Zeiträume
gewählt. Ist das nicht ein großes Problem?
Absolut: Es gibt kaum Langfrist-Denken und kaum
Langfrist-Strategien. Das ist in dieser Zeit des Klimawandels, der Vernichtung
von Boden, der sozialen Verwerfungen zwischen Erster und Dritter Welt und der
Globalisierung das Schlimmste. Bei diesen Herkulesaufgaben ist es mit Kurzfrist-Denken
nicht mehr getan. Viele Firmen gehen pleite, weil nur auf schnelle
Gewinne geschaut wurde, anstatt an die Zukunft zu denken. Deswegen ist ja unter
anderem die deutsche Autoindustrie in einem schrecklichen Zustand.
Weil sie anstatt Hybridautos entworfen zu haben, auf immer
größere Motoren und Karossen setzte?
Ja, da wurde an der gesellschaftlichen Realität
vorbeientwickelt. Die meisten Konzerne wollen unter dem Druck der Aktionäre
nicht übermorgen und gar in fünf Jahren Gewinne machen, sondern sofort. Das führt
zu kurzen Innovationszyklen, und meistens sind das gar keine richtigen
Innovationen. Statt sparsame Motoren zu entwickeln, haben viele Autobauer
kurzfristige Gewinne gemacht – mit Autos, an denen vielleicht das Design eines
Scheinwerfers neu war, anstatt mit Produkten, die die
Ressourcen schonen. Man muss sich mal vorstellen: ein
Geländewagen, der zwei Tonnen wiegt, verbraucht bei der Produktion das
20-fache an Rohstoffen. Wir haben zu unserer großen Überraschung festgestellt,
dass sogar in kleineren, mittelständischen Unternehmen nur in Rhythmen von drei
bis fünf Jahren gedacht wird. Aber eine Erfindung
in der Pharmazie oder im Maschinenbau braucht oft doppelt so lang,
bis sie marktreif ist. Da reicht das kurzfristige Denken nicht.
Manager denken an die Aktionäre, Politiker an die Wähler. Wo ist
der Unterschied?
Was das kurzfristige Denken anbelangt, ist der Unterschied
nicht groß. Die Regierungsperiode ist vier Jahre lang. Zu Beginn gibt es
langwierige Koalitionsverhandlungen, im letzten Jahr denkt man schon
wieder an Wahlkampf. Da bleiben vielleicht drei Jahre zum Gestalten übrig.
Wie kann man das ändern? Mit längeren Legislaturperioden?
Man könnte natürlich auf fünf oder sechs Jahre verlängern,
das wäre nicht schlecht. Aber vor allem würde ich mir eine größere
Unabhängigkeit bei Entscheidungen wünschen. Weniger Gruppenbildung
oder Einbindung in Fraktionen. Die Politiker müssten mehr fachlichen
Sachverstand haben und weniger Angst, bei einer Abwahl in ein schwarzes Loch zu
fallen. Wir benötigen ein größeres Spektrum an aktiven Menschen
unterschiedlicher Disziplinen. Heute haben wir circa 150 Juristen im Bundestag
und 110 Lehrer.Viele, die andere
Berufe erfolgreich ausüben oder Unternehmer sind, fürchten
das schlechte Image der Politik.
Lassen Sie uns über Jugendliche sprechen, schließlich machen
doch die unsere Zukunft aus. Wie zukunftsfähig sind sie denn?
Leider hat sich das ausgeprägte egoistische und konsumtive
Verhalten von früher kaum geändert. Eher das Gegenteil.
Wir haben heute eine extrem ich- bezogene Jugend. Es gibt natürlich viele
Ausnahmen, aber viele sind nicht mehr in der Lage, das Wichtige vom Unwichtigen
zu unterscheiden und sich in der Informationsflut im Internet
zurechtzufinden. Dann schwimmt man eben mit dem Strom und macht das nach, was
die anderen vormachen.
Gibt es deswegen so viele RevivalWellen? Dass also auf einmal
viele Jugendliche herumlaufen wie in den 80ern oder 90ern?
Das hat sicher damit zu tun. Etwas, das schon
mal da war, nachzuahmen, ist wesentlich bequemer als neue Welten zu entdecken.
Wie muss sich denn die Bildung ändern, um den Schülern die Zukunft
schmackhafter zu machen?
An den Schulen wird viel zu wenig Wert auf soziale
Kompetenzen gelegt, auf Mentalitätskompetenz und Kulturverständnis.
Egal, um welchen Erdteil es geht: Die Menschen sind nicht auf internationale
Verbindungen und Netzwerke vorbereitet. Es wird zwar immer
viel von Globalisierung geredet, aber da steckt wenig dahinter. Man braucht
ein solides Fachwissen und die Fähigkeit zu vernetztem Denken – ein
Denken über den eigenen Fachbereich hinaus und vor allem Orientierung.
Die Globalisierung findet vor allem im Internet statt. Es gibt
so viele Informationen wie noch nie zuvor, und dennoch
wird die Welt von einer Krise wie dem Zusammenbruch der Banken überrascht. Wie
kann es sein, dass niemand so etwas kommen sieht?
Viele Menschen und Institutionen wie etwa die Weltbank
oder die Bundesbank mussten wissen, dass die Blase platzt. Wir hatten 2007
einengigantischen Anstieg von
Spekulationen. Täglich wurden Tausende Milliarden Dollar virtuell durch die
Welt geschoben. Die Kontrollen dafür gingen gegen null. Das waren
Leute, die nur an ihrem Computer saßen und riesige Gehälter kassierten, mit
denen sie sich Autos, Häuser und Schiffe kauften, ohne einen einzigen Dollar an
Wert zu schaffen. So etwas kann ja gar nicht funktionieren. Und die Banken
haben dieses Spiel mitgespielt und sich Finanzprodukte ausgedacht, die zu einer
Kaskade von Krediten führten. Es war eine reine Luftnummer.
Momentan bekommen manche Banker schon wieder riesige
Bonuszahlungen, nachdem ihre Institute mit staatlichen
Milliarden gerettet wurden. Ist die Welt nicht lernfähig?
Der Finanzsektor ist der einzige Wirtschaftsbereich, der
ungeregelt ist. Man muss sich mal vorstellen, wenn der Pharmasektor ungeregelt
wäre. Da gäbe es wahrscheinlich einen Contergan-Fall nach dem anderen. Oder die
Chemiebranche oder die Atomwirtschaft. Es gäbe Katastrophen noch und
nöcher.
Bisher galt ein Land als gesund, wenn die Wirtschaft wächst.
Momentan tut sie das nicht. Ist ein immerwährendes Wachstum überhaupt
realistisch und auch in Zukunft der richtige Gradmesser für die Gesundheit
einer Volkswirtschaft?
Es gibt nicht eine Größe auf der ganzen Erde, die immer
nur wächst. Das ist eine abstruse Geschichte. Ich war Mitglied in der Deutschen
Delegation bei der Rio-Konferenz 1992, bei der zum ersten Mal Umwelt- und Wirtschaftsfragen
im globalen Rahmen erörtert wurden. Schon damals haben wir den Begriff
»Entwicklung« eingeführt. Die Erde entwickelt sich, aber sie wächst nicht
ständig. Es geht nicht um schiere Größe, sondern um ein Gleichgewicht zwischen
Natur und Mensch. Wir können uns die ganze Menschheitsentwicklung anschauen: Es hat
immer Wachstum und Schrumpfung gegeben, aber wir sind aus dem
Gleichgewicht rausgesprungen. Wir müssen schauen, dass wir wieder hineinkommen.
Dieser Wachstumsfetischismus hat uns ja die ganze Zerstörung der Lebensräume
eingebrockt und dennoch beharren manche Leute darauf. Dabei hat die
Lebensqualität seit 1976 trotz Wachstum auch in den Industrieländern
abgenommen. Was wollen wir denn mit dem Wachstum?
Werden wir 2020 weiter sein?
Wir sind ja eigentlich schon ziemlich weit. Aber wir tun
nicht, was wir wissen. Wir müssen die guten Ansätze weiterverfolgen.
Die Erkenntnisse der Nachhaltigkeitsforschung liegen auf dem Tisch, in
Berichten der UN stehen hervorragende Perspektiven und Anweisungen
zum Handeln – nur, umgesetzt werden vielleicht fünf Prozent davon.
Wie wichtig ist der einzelne Bürger in diesem Prozess?
Sehr. Aber wenn ich das Verhalten der Menschen betrachte,
habe ich ein ambivalentes Gefühl. Wir haben gute Ansätze
im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements, in Verbraucherorganisationen
oder NGOs. Wenn wir diesenindividuellen
Enthusiasmus nicht hätten, dann wären wir schon an die Wand gefahren.
Die eigentlichen Innovationen in der Gesellschaft kommen fast nur aus diesem
Bereich. Andererseits gibt es viele Menschen, denen die Zukunft
völlig egal ist. Wenn ich diese riesigen SUVs sehen, denke ich immer: Ja, sind
wir denn in der Atacama-Wüste? Die verbrauchen zwischen 18 und 24 Liter Benzin,
aber die Besitzer kaufen ihre Lebensmittel beim Biosupermarkt.
Da verliert man den Glauben an den Verstand der Leute.
Kann die Zukunftsforschung dazu beitragen, die Gesellschaft
mitzugestalten?
Unternehmen und Politiker erkennen allmählich, wie wichtig
der Blick in die Zukunft ist. Wir können die Zukunft nicht voraussagen, aber
wir wissen mehr darüber, als viele Menschen glauben.
Dennoch benötigen wir noch mehr Akzeptanz. Es gibt vielleicht
fünf oder sechs Institute wie uns, keines da- von wird öffentlich
gefördert. Aber es gibt in Deutschland über 3.000 Institutionen, die sich
wissenschaftlich mit der Vergangenheit beschäftigen.
Dr. Rolf Kreibich (71) ist Direktor des Instituts für Zukunftsstudien
und Technologiebewertung in Berlin, das Politiker und Unternehmen berät. Mit 30
war er bereits Präsident der FU Berlin – also stets früh dran. Auch, was die
Zukunft anbelangt, gehört Kreibich zu den anerkannten Vordenkern
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