Keine Zeit zum Essen

Beruf: Altenpfleger/in

26.1.2010 | Jonas Nonnenmann
Nadine ist Auszubildende im Altersheim im ersten Jahr. Monatsverdienst: um die 860 Euro. Was gefällt ihr an dem Job?  "Hier habe ich das Gefühl, helfen zu können", sagt Nadine. Außerdem treffe sie jeden Tag "richtig interessante Menschen."
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Frau D. muss lernen, eine Windel anzulegen. Nadine Schindler (18) hilft ihr dabei – zusammen mit einer Maschine, die aussieht wie ein Hometrainer: Zwei Metallbeine, dazwischen eine Ablage für die Füße. Sachte legt Nadine die Hände von Frau D. um den Gummigriff des Hometrainers und schnallt ihr einen gepolsterten Gurt um den Rücken. Nadine drückt auf einen Knopf, es surrt. Frau D.s Körper bewegt sich langsam nach oben.

Frau D. wohnt im Pflegeheim St. Nikolai in Waldkirch, 18 Kilometer nördlich von Freiburg. Das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen und Bewohner liegt bei 85 Jahren, Männer trifft man so selten wie Frauen an der technischen Hochschule.

Nadine ist Auszubildende im ersten Jahr. Neu ist sie trotzdem nicht, schon vor ihrer Ausbildung hat sie im gleichen Haus gejobbt. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie ihren WG-Lehrern nach der 12.Klasse adieu sagte. Die Schulbank drückt Nadine trotzdem noch zweimal pro Woche, das gehört zum theoretischen Teil ihrer Ausbildung. Monatsverdienst: um die 860 Euro. Was gefällt ihr an dem Job?  "Hier habe ich das Gefühl, helfen zu können", sagt Nadine. Außerdem treffe sie jeden Tag "richtig interessante Menschen." Wenn Nadine lächelt, zeigt sie Zähne, die weiß sind wie ihr Arbeitsanzug. Ihr blonder Pferdeschwanz  hängt lose über die Schulter.

Früher Sportlerin, heute im Rollstuhl

Während Frau D. vor sich hinkichert, öffnet Nadine die riesige Windel.  Wie ein Fisch im Netz hängt die Rentnerin da, hilflos aber beherrscht. Vorsichtig hilft Nadine ihr auf den "Topfstuhl", die tragbare Toilette. Die Windel verströmt einen beißenden Geruch nach Urin.

Früher war Frau D. Leistungssportlerin. Heute kostet es sie Kraft, sich mit dem Rollstuhl ein paar Zentimeter nach vorne zu schieben. Obwohl sie kaum einen Satz zu Ende spricht, weiß Nadine einiges über Frau D.: Wo sie gewohnt hat, welchen Beruf sie hatte, wo sie zur Schule ging. "Wenn man mit den Leuten redet, lernt man sie langsam kennen", sagt Nadine. Und wenn das nichts hilft, schaut sie in den Akten nach. Wenn sie dort das Lieblingsessen oder die ehemalige Schule ausfindig macht, entlockt sie auch stummen Bewohnerinnen ein Lächeln. 

Mehr als die Hälfte der 107 Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims leiden an Demenz, sagt Heimleiter Wolfgang Ruf. Ruf ist ein hochgewachsener Typ Anfang 50. Mit seinen Lachfalten um die aufgeweckten Augen könnte er im Fernsehen den Landarzt spielen. Auf seinem täglichen Rundgang geht Ruf vorbei an Schwarz-Weiß-Bildern, im Hauscafé lesen ältere Damen die Badische Zeitung. "Hallo Frau Fromm, was gibt’s Neues?" Ruf ist einer, der seine Gäste beim Namen kennt.

"Da haben sie Angst gehabt, was?" Frau D. tritt nach Nadine wie ein rebellisches Kind. Die geht nicht weiter darauf ein, schmiert lieber eine Salbe auf die wunden Füße der alten Frau. Die andere lacht verschmitzt. Beim Umsteigen vom Topf ins Bett achtet Nadine darauf, dass Frau D. so viel hilft wie möglich – "Körperlich ist sie ja noch ziemlich fit", sagt die Azubi lächelnd. Und das soll auch so bleiben. Frau D. lächelt. "Ich will ihnen mal was Wichtiges sagen", fängt sie an. Und hat schon vergessen, wie der Satz zu Ende geht. 

Zum Essen bleibt keine Zeit

Fünf Minuten später bewegt sich Nadine in einem ganz anderen Film. Gestresst rennt sie hin und her, deckt hier noch einen Tisch und hilft dort einer Frau auf die Toilette. Während ihre Kollegin kurz was erledigen muss, ist sie für die 38 Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnbereichs alleine verantwortlich. An den Tischen warten viele schon auf ihr Abendessen, stumm, den Blick ins Leere gerichtet. Eine 97jährige bewegt die Zunge im Mund. Das Gebiss rutscht mit.

Nadine selbst kommt während ihrer siebenstündigen Schicht nicht zum Essen. Theoretisch hat sie eine halbe Stunde Pause. Praktisch piepst es, kaum dass sie sich im Mitarbeiterzimmer erschöpft auf ihren Stuhl fallen lässt. Nadine schreckt auf: ein Notfall? Nein, nur eine Angehörige, die ihre Mutter besuchen will. Trotzdem: sitzen bleiben geht nicht. Nadine begrüßt die Besucherin und bringt sie zum Zimmer.

"Meiner Mutter geht es nicht gut, sie spuckt Blut", sagt die Tochter. Nadine betastet die zierliche Frau. „Der Bauch ist weich – ein gutes Zeichen“, sagt sie. "Ich hab ihr heiße Milch gemacht. Das ist das einzige, was sie noch trinkt." Die Tochter ist skeptisch, wegen der Milch. "Das darf sie jetzt nicht mehr", sagt sie. Und, im Flüsterton: "Wegen dem Schleim und so. Sie hat ja Krebs."

Im Speiseraum hat sich die Stimmung gedreht. Eine ehemalige Pflegerin ist zu Besuch,  reißt Witze und redet von früher.  Plötzlich brechen 100jährige in schrilles Gelächter aus, hinter dem man sonst 14-jährige vermuten würde. Überhaupt wird im Pflegeheim gelacht, geweint, gelästert wie in der Schule – sei es beim Essen oder in einer der wöchentlichen Veranstaltungen. Dazu gehören: Volkslieder-Singen, Gedächtnistraining oder der Hundetreff.

Für Frau D. ist der Tag vorbei. Liebevoll zieht Nadine die Bettdecke erst über die eingezogenen Beine, dann über den Rücken der alten Frau. "Gute Nacht, Fräulein Marta“, sagt sie und knipst das Licht aus. Sie selbst denkt noch nicht ans Schlafen, will nach Ende der Spätschicht um 21 Uhr noch in die Disko. Nadine braucht etwas Ablenkung von der Arbeit - "Wer alles mit nach Hause nimmt, hat kein schönes Leben mehr", sagt sie. 

Jonas Nonnenmann (22) arbeitet als freier Journalist und studiert Philosophie und Englisch in Freiburg.

Fotos: ©Jonas Nonnenmann


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Weitere Infos zum Beruf Altenpfleger/in unter: 

www.berufenet.arbeitsagentur.de

und unter: 

http://de.wikipedia.org/wiki/Altenpfleger