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»Wissen als Privateigentum ist absurd«

Der Philosoph Ulrich Steinvorth über den Ursprung des Privateigentums

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Fabian Dietrich | 5.10.2009

Herr Steinvorth, die Regierung von Ecuador verlangt von Deutschland und anderen Staaten Geld, damit ein Regenwaldgebiet geschützt wird, in dem es Ölressourcen gibt. Ist das nicht eine Unverschämtheit?

Nein, das würde ich nicht sagen. Natuürliche Ressourcen wie ein Regenwald oder Erdöl werden eigentlich von der gesamten philosophischen Tradition als Gemeineigentum der Menschheit anerkannt.

Wenn das Öl und der Regenwald allen gehören, warum werden solche Ressourcen dann meistens von einzelnen Unternehmen verkauft und bewirtschaftet?

Weil es eben keine Gesellschaften gibt, die dieser Vorstellung auch folgen. Aber die Überlegung ist doch ganz vernünftig. Wenn jetzt zum Beispiel Ecuador im Interesse der Menschheit auf die Ausbeutung von Ressourcen verzichtet, dann soll die Menschheit sie dabei auch bitte unterstützen. Der große Nachteil ist, dass es niemanden gibt, der die Interessen der künftigen Generationen vertritt. Die UNO und ähnliche Institutionen haben faktisch nicht die Macht, um von den Staaten zu verlangen: Jetzt gebt mal was in eine gemeinsame Kasse, aus der dann solche Projekte bezahlt werden. 

Sie haben das Manifest »Gemeingüter stärken. Jetzt!« mitverfasst. Darin schreiben sie: Es gibt eine gesellschaftliche Bewegung für Gemeingüter. Auf der anderen Seite sind Staaten doch seit Jahrzehnten dabei zu privatisieren. Wie passt das zusammen?

Überhaupt nicht. Da stoßen ganz verschiedene Traditionen und Philosophien aufeinander. Die Bewegung der Staaten, alles zu privatisieren, gehtauf den klassischen Liberalismus des 17. Jahrhunderts zurück. Die Idee ist: Privatpersonen sind besser geeignet, gemeinschaftliche Ressourcen im Interesse aller auszubeuten, als solche schwerfälligen Institutionen wie Staaten.

Aber das stimmt doch auch. Man kennt das ja aus dem Alltag. In meinem Haus kümmert sich jeder nur um seine eigene Wohnung. Keiner macht was gegen den Müll vor seiner Tür. Und auch um das Gemeinschaftseigentum in der DDR war es bekanntlich nicht besonders gut bestellt ...

Das würde ich auch nicht von vornherein leugnen. Ich bin selbst gewissermaßen ein ziemlich harter Liberaler. Das Treppenhaus, das nicht gekehrt wird, ist ein schönes Beispiel dafür, dass gemeinsame Ressourcen nicht im besten Sinne genutzt werden, wenn sie als Gemeineigentum aller betrachtet werden. Ein anderes Beispiel, das in der Philosophie und auch in der Ökonomie immer benützt wird, ist ein Teich mit vielen Fischen darin. Wenn der als Gemeineigentum betrachtet wird, dann ist er bald überfischt.

Die berühmte »Tragik der Allmende« also ...

Genau. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die »Tragik des Privatbesitzes «. Wenn Güter als Privateigentum betrachtet werden, kann es ebenso zu einer Übernutzung der Ressourcen kommen, ohne dass ein gleichwertiger Ersatz bereitgestellt wird. So wie das heute etwa mit dem Erdöl geschieht. Viele haben schon vor Jahrzehnten gesagt, dass es sinnvoll wäre, die Preise so zu erhöhen, dass der besondere Wert des Erdöls auch geschützt werden kann. 

Dann hat also sowohl privates Eigentum als auch Gemeinwohl einen Nachteil?

Ja, dem ist in der Philosophie schon sehr früh Rechnung getragen worden. Zum Beispiel bei John Locke. Der hatte die Idee, dass Gemeineigentum, dort wo es gut ist, privat genutzt werden sollte, aber nur unter der Bedingung, dass dadurch niemand, der nicht zu den Nutzern dieser Ressourcen gehört, benachteiligt wird.

Wenn sowohl das Privateigentum als auch die Gemeingüter problematisch sind, gibt es dann Zwischenformen, um Eigentum zu verwalten?

Genossenschaften waren zum Beispiel Versuche, den Raubbau an der Natur zu verhindern. Sie sind langfristig organisiert und berücksichtigen künftige Generationen.

Wie lange gibt es denn Privateigentum schon? So lange wie es Menschen gibt?

Nein, das kann man in der Philosophie sehr schön ablesen. Der Begriff des privaten Eigentums entsteht erst in der Antike, besonders deutlich wird das bei Cicero. Cicero ist sich sehr klar darüber, dass es Privateigentum geben soll, weil das der Gesellschaft insgesamt nutzt. Aber bestimmte Ressourcen wie Grund und Boden können kein Privateigentum sein. Und die Vorstellung, dass es ein natürliches Recht auf Eigentum gibt, wird sogar explizit bei Cicero verworfen. Bei ihm heißt es: Eigentum ist immer Eigentum einer Gesellschaft.

Unsere Gesellschaft schützt privates Eigentum dagegen. In Artikel 14 des Grundgesetzes steht dann aber auch der merkwürdige Satz: »Eigentum verpflichtet«. Was soll das heißen?

Einerseits verpflichtet Eigentum dazu, für künftige Generationen hauszuhalten. Andererseits dazu, denjenigen zu helfen, die aus irgendwelchen Gründen gar kein Eigentum besitzen und sich nicht selbst versorgen können. Darauf gründet ja die Idee des Sozialstaates.

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Bill Gates könnte mit seinem Vermögen den Haushalt des Landes Berlin zwei Jahre lang finanzieren. Also alle Kindergärtner, Polizisten, Verwaltungsbeamten, Opern, Theater und so weiter. Gibt es überhaupt noch eine Grenze des privaten Eigentums?

In der heutigen Gesetzgebung soweit ich weiß nicht. Die, die starke Schultern haben, müssen die mit schwachen Schultern tragen. Darüber hinaus gilt aber das Recht von Individuen, sich alles anzueignen, was an natürlichen und kulturellen Ressourcen gegeben ist.

Sollen faule Menschen genauso viel Eigentum besitzen wie fleißige?

Nein, das sollen sie nicht. Eigentum dient dazu, die Ressourcen einer Gesellschaft so zu gebrauchen, dass es im Interesse aller ist. Man sollte nicht davon ausgehen, dass Eigentum nur ein ursprüngliches Recht von Individuen ist. Es ist ein Instrument der Gesellschaft, um die Verhältnisse zwischen den Menschen zu regulieren.

Gegenwärtig wird ja auch viel über geistiges Eigentum diskutiert. Hemmen Patente und Urheberrechte Innovationen?

Zum Teil ja. Es gibt empirische Untersuchungen darüber, wie durch Patentrechte die gesamte Ökonomie behindert wird. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass Erfinder einen Anreiz für ihre Arbeit haben, wenn sie wissen, dass ihre Erfindung geschützt ist und sie reich werden können. Das hat in der Vergangenheit bei Innovationen natürlich immer eine Rolle gespielt. Das Problem heute ist, dass so viele Erfindungen, zum Beispiel in der Chemie oder der Physik, am Band produziert werden. Man kann da eigentlich niemanden mehr individuell verantwortlich machen, das ist ein globaler Prozess – und diejenigen, die zufällig die Ersten sind, sind die großen Gewinner.

Für Patente muss man ja nicht einmal etwas erfinden. Pharmafirmen sichern sich zum Beispiel die Rechte an Heilmitteln, die in manchen Kulturen seit jeher verwendet werden.

Das zeigt einfach, dass die Vorstellung von Privateigentum an Wissen mehr und mehr absurd wird.

Können Sie Musiker und Plattenfirmen verstehen, die sauer sind, weil keiner mehr für ihre Produkte zahlen will?

Ja, klar. Aber anderseits können sie durch das Runterladen ja eine noch größere Verbreitung bekommen, als es vorher möglich war.

Davon können sie sich aber nichts zu essen kaufen.

Natürlich sollten diejenigen, die besonders geniale Musiker sind, auch einen Lohn dafür bekommen. Ich bin ja nicht dafür, dass alles nivelliert wird. Aber das kann man auch durch andere Mittel erreichen. Man kann messen, wie oft jemand runtergeladen wird, man kann Zähler einbauen, und dann sollten alle Internetuser oder die Computerproduzenten Geld in einen Fonds einzahlen, der dann an die entsprechenden Künstler ausgeschüttet wird.

Im Internet sind gemeinschaftliche Bewegungen besonders stark, zum Beispiel Wikipedia oder das Open- Source-Betriebssystem Linux – wie kommt das?

Das hat historische Gründe. Die erste Generation von modernen Softwareproduzenten hat zusammengearbeitet, die haben nicht daran gedacht, dass sie als Privateigentümer der Entdeckung betrachtet werden können, die sie gemacht haben. Es war eine kleine Gruppe von ein paar Hundert Leuten, die sich kannten und sich ständig über die Schulter guckten. Richard Stallman war wie seine Kollegen einer, der für die Eigentümer dieser wenigen riesigen Computer, die es damals gab, Software geschrieben hat. Zu Beginn der Achtzigerjahre gingen die Eigentümer der Computer dazu über, die Softwareproduzenten als ihre Angestellten zu betrachten. Sie sagten: Was ihr da macht, ist unser Eigentum, wir entscheiden, ob ihr anderen eure Ergebnisse geben dürft oder nicht. Richard Stallman gehörte zu den wenigen, die sich geweigert haben. Und er hat sich dann durchgebissen und wurde somit zu einem der Begründer der sogenannten Freien-Software-Bewegung.

Kann man den Erfolg des gemeinschaftlichen Eigentums aus dem Internet auf die analoge Welt übertragen?

Ich denke schon. Es gibt viele Leute, die Interesse haben, ihre Arbeit unentgeltlich in ein schickes Unternehmen zu stecken. Wikipedia ist ein hervorragendes Lexikon. Es gibt so viele Leute, die einfach stolz sind, etwas an eine Institution geben zu können, die für jeden zugänglich ist. Natürlich muss man sich das leisten können. Aber es gäbe diese ökonomische Notwendigkeit gar nicht mehr, wenn jeder zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen vom Staat bekäme. Dann errichtet man einem ein Denkmal und sagt, du hast das geschafft. Diese Form der Anerkennung reicht doch völlig aus.

Ulrich Steinvorth (67) lehrt an der Bilkent Universität in Ankara Philosophie. Er hat ein Manifest mitverfasst, das eine gesellschaftliche Debatte über Gemeingüter anstoßen soll.

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Allmenden sind traditionelle Formen gemeinschaftlichen Eigentums, zum Beispiel Wälder, Gewässer oder Weiden, die von allen Mitgliedern einer Gemeinde genutzt werden können. Der Begriff »Tragik der Allmende« kommt aus den Wirtschaftswissenschaften und bezeichnet das Problem der Übernutzung solcher Gemeingüter durch verantwortungslos handelnde Menschen.

Eigentum und Besitz werden oft synonym verwendet. Ganz richtig ist das eigentlich nicht. Um zu verstehen, wo der Unterschied liegt, muss man sich nur mal den Personalausweis anschauen. Er ist zwar im persönlichen Besitz, bleibt aber trotzdem Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Genau so ist das auch bei vielen Softwarelizenzen. Man besitzt zwar ein Programm, es bleibt jedoch im Eigentum der Firma.

John Locke ist einer der bedeutendsten Philosophen der Neuzeit. Er lebte von 1632 bis 1704 in Großbritannien und wurde als Vertreter des Liberalismus und der Aufklärung bekannt. In seinen berühmtesten Arbeiten beschäftigte er sich mit Staats- und Erkenntnistheorie.

Genossenschaften sind Zusammenschlüsse von Menschen, die ein Problem gemeinsam (aber nicht immer gleichberechtigt) lösen wollen. Historisch gab es zum Beispiel Deichgenossenschaften oder Brunnengenossenschaften. Genossenschaften dürfen nicht einfach Gewinn ausschütten, sondern müssen die kulturellen oder sozialen Bedürfnisse ihrer Mitglieder fördern. Heute sind zum Beispiel Banken, Wohnungsbauunternehmen oder Zeitungen genossenschaftlich organisiert. In Europa gibt es mehr als 300.000 Genossenschaften mit über 140 Millionen Mitgliedern.

Als Linux werden freie Betriebssysteme bezeichnet, die von jedermann weiterentwickelt werden können. Der Name geht auf den finnischen Softwareprogrammierer Linus Torvalds zurück. Linux-Betriebssysteme sind zwar nicht so weitverbreitet wie Windows oder das Apple-Betriebssystem, gelten aber als stabiler und kosten darüber hinaus nichts, was zum Beispiel großen Unternehmen oder öffentlichen Verwaltungen eine Menge Geld sparen könnte.


Dieser Artikel kommt aus dem fluter-Heft, das vierteljälich erscheint und das du kostenlos abonnieren kannst: Wem gehört was? Thema Eigentum

Inhaltsverzeichnis des fluter-Heftes
PDF Artikel
»Wissen als Privateigentum ist absurd«
Der Philosoph Ulrich Steinvorth über den Ursprung des Privateigentums
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Ein unaufgeräumtes Zimmer hat jeder mal
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Texte, Bilder, Baupläne für Häuser – im Internet wird fast alles geteilt
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Was wir essen, kommt oft aus wenigen großen Nahrungsmittelkonzernen

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