Die Firma Monsanto ist bei manchen Bauern so beliebt wie ein Heuschreckenschwarm
Lars Jensen | 5.10.2009
Maurice
Parr, den die Farmer im Norden Indianas nur als »Moe« kennen, zieht sich die
Baseballkappe zurecht, bis ihn die grelle Abendsonne nicht mehr blendet. Dann
deutet er auf einen Feldweg, der sich Richtung Westen in ein Maisfeld bohrt. An
dieser Stelle bemerkte er im Spätsommer 2006 die Detektive, die ihn bei der Arbeit
beobachteten. Zunächst einen Wagen mit zwei Männern, die Fotos machten und mit
einer Videokamera hantierten. Später wechselten sich verschiedene Spitzelteams
dabei ab, Parr zu verfolgen auf seinen Einsätzen als Saatgutreiniger für
Bauern zwischen Indianapolis und Columbus/ Ohio. Jedes Detail dokumentierten
die Ermittler. Auf welcher Farm Parr welche Art von Saatgut vorbereitete, damit
die Bauern es im nächsten Jahr aussäen konnten. Er selbst überprüfte die
Nummernschilder der schwarzen Limousinen: Gemeldet auf die Detektei McDowell
& Associates, St. Louis. Sofort war ihm klar, in wessen Auftrag die Herren
unterwegs waren. Farmer aus Iowa und Missouri, Kansas und Arkansas hatten ihm schaurige
Geschichten berichtet – von Detektiven, die im Auftrag des Gentechnikkonzerns Monsanto
durchs Land reisen, um Indizien zu sammeln gegen Bauern, die angeblich
patentiertes Saatgut verwenden, ohne dafür zu zahlen.
Laut dem »Center for
Food Safety« in Washington schreiten Monsantos Leute in 500 Fällen pro Jahr
ein, strategisch über die Nation verteilt, um flächendeckend abzuschrecken.
Die Ermittler von Monsantos Stammdetektei McDowell sollen in Büros
eingebrochen und unter falschem Namen aufgetreten sein. Sie streuen Gerüchte über
Bauern, bis schließlich Monsanto die Klage einreicht. Oft verlieren Farmer ihre
Existenz, wenn der Konzern mit ihnen fertig ist. Als Moe Parr die Detektive
entdeckte, war ihm klar: Bald wird auch er um sein bisheriges Leben kämpfen müssen.
1996 hatte die US-Regierung den Anbau von genmodifizierten Nutzpflanzen (GMOs)
genehmigt, und zunächst glaubten die Farmer, ein goldenes Zeitalter breche für
sie an. Die Hersteller versprachen höhere Erträge, weil die Technologie ihre
Pflanzen resistent mache gegen Schädlinge, Dürre, Nebenwirkungen von
Herbiziden.
Heute, ein gutes Jahrzehnt später werden neun von zehn Betriebe in
den USA und Kanada mit Gentechnologie bewirtschaftet, doch die Ernüchterung unter
den Bauern ist grenzenlos: Die Ernten sind nicht reicher als zuvor; mehr und
nicht weniger Herbizide werden gespritzt, um immer widerspenstigere Unkräuter
und Parasiten zu bekämpfen. Das fatalste Problem für die Landwirtschaft in Nordamerika:
Den Markt für Saatgut, den sich einst Hunderte Anbieter teilten, kontrolliert
heute ein einziger Konzern. Monsanto besitzt etwa bei GMOMais, -Soja und
-Baumwolle einen Marktanteil von bis zu 95 Prozent und kann dementsprechend die
Preise diktieren. Beispiel Mais: Für die Saison 2009 hob Monsanto den Preis für
einen Sack Saatgut der Sorte MON591 um hundert auf 300 Dollar an. Pro Hektar
und Saison muss ein Farmer nun über 250 Dollar investieren. Sobald er einen
Sack Saatgut öffnet (eine Unterschrift ist neuerdings nicht mehr nötig), erklärt
er sich einverstanden mit einem Knebelvertrag, der ihn auf Jahre an Monsanto bindet und dem Konzern jederzeit Zugang zu
privaten Daten erlaubt.
Dass Saatgutreiniger wie Moe Parr für einen Sack
konventionellen Saatguts 25 Dollar verlangten, ein Zwölftel des heutigen
Preises, ist gerade mal zehn Jahre her – doch Nostalgie hilft in der Not nicht
weiter. Aus Furcht vor Repressionen reden die wenigsten Bauern öffentlich.
Einer von Parrs ehemaligen Kunden, der Mais-Farmer Bob Duval, 43, stützt sich
auf Moes Schulter und sagt: »Wie konnten wir damals nur so dumm sein, diesen
Albtraum nicht vorauszusehen.« Nordamerikas Farmer trugen ihre Saat im vergangenen
Frühling in der Gewissheit aus, mit dem Ernteertrag sogar Geld zu verlieren. »Niemand
in dieser Gegend, nicht mal die Ältesten, können sich an so ein Jahr erinnern«,
sagt Bob Duval. Unterdessen geht
Monsanto weiterhin erbarmunglos gegen kleine Farmer und Saatgutreiniger vor und
nutzt dabei ein natürliches Phänomen aus: Per Pollenflug verbreiten sich Monsantos
Samen auch über Felder, die mit konventionellem Saatgut bestellt werden. Für
eine Klage reicht es aus, wenn Monsantos Helfer geringste Spuren ihrer
patentierten Technologie vorfinden. Terry Zakreski, ein Anwalt, der Dutzende
Farmer in ihrem Kampf gegen den Konzern vertrat: »Monsanto hat ein Problem: Es will
einen Teil von Mutter Natur besitzen, der sich natürlicherweise jeder Kontrolle
entzieht.« Und gerade diese Schwäche in seinem Geschäftsmodell nutzt Monsanto,
um Amerikas Farmer gefügig zu machen.
Wer einige Tage im Farm Belt verbringt,
trifft Bauern, die Monsantos Methoden mit der Stasi, der Gestapo oder Mafia vergleichen.
Als der Sheriff von Lafayette, Indiana im Februar 2007 an seiner Tür
klingelte, war Parr nicht mal mehr überrascht. »Was ich bloß angestellt hätte,
fragte der Sheriff, es sei die schwerste Anklageschrift, die er je überbringen
musste«, erzählt Parr. »Da ahnte ich, dass sie mir an den Kragen wollten.« Der Vorwurf:
Parr bereitet Saatgut vor, das nicht rein ist von Spuren der Monsanto-Produkte.
Per Gerichtsbeschluss musste Parr seine Buchhaltung seit dem Jahr 2000
offenlegen. Ein besonders hinterhältiger Schachzug der Anwälte, denn so
erhielten sie vertrauliche Informationen über 70 Farmen in der Region. Viele
von ihnen erhielten kurz darauf Besuch von Männern in schwarzen Limousinen. Mit
Monsanto einigte sich Parr auf einen Vergleich, der einem Berufsverbot gleichkommt.
Entweder er beschränkt seine Tätigkeit auf wenige Sorten Saatgut, die kaum noch
verwendet werden, oder er zahlt eine hohe Summe Schadenersatz. »Obwohl mein
Anwalt sagte, ich könne jede Verhandlung gewinnen, riet er mir davon ab, durch
die Instanzen zu gehen, weil ich mir die Verfahrenskosten nicht leisten kann.
Ich komme mit einem Anwalt, die schicken 30 Leute von ihrer Kanzlei Husch &
Eppenberger, die uns mit Anträgen überziehen, bis wir nicht mehr atmen können.«
Schmerzhafter als der finanzielle Schaden war jedoch, dass sich die meisten
Kunden von ihm abwendeten und Freundschaften zerbrachen.
Kurz vor seinem 73. Geburtstag
erlebte Parr seine schlimmste Krise. Dutzende Bücher und Filme, Hunderte Artikel
beschreiben Monsanto als monströs und gierig. Trotzdem gelang es dem Konzern,
innerhalb von zwei Jahrzehnten zum weltweit dominierenden Biotechnologie-Konzern
anzuwachsen; einer Firma, die in über 160 Ländern Patente auf gentechnisch manipulierte
Tiere und Pflanzen angemeldet hat, und vor der sogar das »Wall Street Journal«
warnt: »Der Konzern beherrscht unsere Nahrungskette. Kaum ein Produkt im Supermarkt,
in dem nicht die Technologie von Monsanto steckt.« Monsanto dient jedem
Umweltschützer und Globalisierungsgegner von Indonesien bis Berlin als
Lieblingsfeindbild. Die Website prahlt unterdessen mit der Tatsache, Detektive
und Anwälte gegen Produktpiraten ins Feld zu schicken. Das Argument: Neue
Eigenschaften in Gene einzubauen, sei sehr teuer. Wie kann ein Konzern einen derart
schlechten Ruf pflegen und dennoch bei elf Milliarden Dollar Umsatz zwei
Milliarden Gewinn erzielen?
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Der Präsident und CEO Hugh Grant wird nicht müde, Monsanto als Heilsbringer
der globalen Landwirtschaft zu preisen: »In einigen Jahrzehnten müssen wir
neun Milliarden Menschen ernähren. Das wird ohne unsere Technologie nicht möglich
sein. 2015 wollen wir Mais auf den Markt bringen, der in Dürre gedeiht; ebenso
arbeiten wir an Reis und Soja, die fast ohne Wasser auskommen.« Den
nordamerikanischen Markt beherrscht Monsanto bereits, nun nimmt die Firma den
Rest der Welt ins Visier. In China, Indien, Brasilien, Argentinien, Südafrika
wächst Monsantos Marktanteil rasant. »Wir verhandeln mit jeder Regierung der
Welt, damit alle Menschen von unseren Produkten profitieren können«, sagt Grant.
Nur die EU erlaubt bislang keinen Import von GMOs. Grant bleibt gelassen: »Europa
braucht noch ein wenig Zeit.« 1981 lief das Geschäft des Chemiekonzerns Monsanto
schlecht, und in der Zentrale in St. Louis, Missouri diskutierten Vorstände und
Manager, was zu tun sei. Monsanto war ein führender Hersteller von giftigen Stoffen
wie PCB, Agent Orange, Dioxin oder DDT, was der Firma zwei existenzbedrohende
Probleme bescherte: Viele seiner Produkte wurden verboten. Plötzlich verlangten
Regierungen auf Druck der neuen Umweltschutzbewegung, die ökologischen Katastrophen
zu beheben, die Monsantos Fabriken angerichtet hatten.
Dieser Altlasten
entledigten sich die Vordenker in Missouri kurzerhand, indem man sie in die neu
gegründete Tochtergesellschaft Solutia auslagerte. Bis heute streitet deren
Rechtsabteilung mit enormem Aufwand jede Verantwortung ab. Nach einer
komplizierten Folge von Firmenaufkäufen ging 2002 ein unbelastetes Unternehmen mit
dem Namen Monsanto aus dem Konzern hervor. In der düsteren Vergangenheit des Konzerns
entdeckten die Manager ihren Ausweg in eine profitable Zukunft. Monsantos
Bestseller war seit den 80er-Jahren ein Herbizid namens Roundup, das schon 1973
auf den Markt gebracht wurde. Zwar liefen die Patente aus und billige Nachahmer
schmälerten die Profite, doch – so war der Plan – wenn Monsanto Pflanzen verkaufen
könnte, die immun wären gegen die harschen Nebenwirkungen des aggressiven
Herbizids, könnte die Firma eine Menge Geld verdienen. Heute beherrscht Saatgut
der Marke Roundup-Ready den Weltmarkt. 1983 gelang Monsanto der entscheidende Durchbruch,
als seine Wissenschaftler die erste genetisch manipulierte Pflanze herstellten.
Mehr als zehn Jahre bevor geklärt war, ob gentechnisches Saatgut jemals verkauft
werden darf, investierte das Unternehmen massiv in diese Technologie und
erarbeitete sich einen uneinholbaren Vorsprung gegenüber der Konkurrenz.
Vermutlich spekulierten die Manager auf ihre perfekten Verbindungen zu den
Gesetzgebern. Laut der Organisation Food First besetzten mindestens 22
ehemalige Mitarbeiter Schlüsselpositionen in den Ministerien. Ein ehemaliger
Monsanto-Anwalt gehört gar dem Obersten Gerichtshof an – Clarence Thomas
entschied bereits Fälle zugunsten von Monsanto. S chließlich
kam dem Konzern der Zufall zu Hilfe. Um Alaskas Küste vom Öl der Exxon Valdez
zu befreien, hatte General Electric eine Bakterie entwickelt und erstmals in
der Geschichte der Menschheit ein Patent für einen lebenden Organismus
erstritten. Monsanto konnte nun im großen Stil Urheberrechte auf seine
genetisch veränderten Organismen anmelden – inzwischen besitzt das Unternehmen etwa
700 Patente und nimmt alleine durch die Lizenzgebühren Milliarden Dollar ein.
Der
Farmer Bob Duval erinnert sich noch genau an den Tag im Jahre 1997, als ein
Vertreter an seiner Tür klingelte und ihm ein neues Saatgut namens RRC2 anbot.
»Die Argumente überzeugten mich: Weil die Pflanzen resistent gegen das
Herbizid sind, konnte ich viel Zeit und Geld sparen. Ich unterschrieb ohne zu
ahnen, dass ich einen Pakt mit dem Teufel schloss.« Damals lockten Monsantos Vertreter
mit einem Kampfpreis, denn ihr Ziel bestand darin, dass der Farmer den sogenannten
Technologie- Vertrag unterschrieb. Die zwei entscheidenden Klauseln: Der Farmer
darf nicht länger einen Teil seiner Ernte behalten, um daraus Saatgut fürs nächste
Jahr zu gewinnen, sondern erwirbt nach jeder Ernte neues Saatgut. Falls er sich
für ein Produkt der Konkurrenz entscheidet, muss er sicherstellen, dass sich
in seinem Grund kein einziges Samenkorn mit Monsantos Technologie befindet. Was
absolut unmöglich ist. Bill Freese, Berater des »Center for Food Safety« hilft
Bauern, die durch Monsantos Knebelverträge in Not geraten. Er sagt: »10.000
Jahre lang besaßen Farmer das Recht, über ihr Saatgut entscheiden zu können.
Monsanto hat diese Tradition beendet.« Selbst die wenigen Farmer, die nie einen
Vertrag unterschrieben haben, sind inzwischen gezwungen, Monsantos Technologie
zu nutzen. Der Konzern hat seit 1998 Hunderte Saatguthersteller aufgekauft und
nur ein Konkurrent überlebte, der Chemiegigant DuPont. Doch selbst DuPont muss
auf Monsantos Roundup-Ready- Technologie zurückgreifen und überweist für die
Lizenz Gebühren. Inzwischen gibt es in Amerika nur noch zwei Sorten von
Farmern. Die Mehrheit, die schweigt, und Ärger vermeiden will. Schließlich
reicht ein anonymer Anruf bei der kostenlosen Hotline und Monsanto schickt die Detektive
los. Auf der anderen Seite einige 100 Rebellen, die den Konzern offen
kritisieren. Leute wie Bob Duval und Moe Parr. Moe verlor Freunde und sein
Einkommen, auch Duval sprach seit Jahren mit keinem seiner Nachbarn. Weil seine
GMO-Samen auf deren Felder wehten und Monsantos Detektive aktiv wurden? Oder
weil sie Angst davor haben, sich mit einem Monsanto- Kritiker gemein zu machen?
Die beiden Männer stehen auf dem Feldweg, der endlos dem Horizont entgegenführt.
Glauben sie, Monsantos Macht brechen zu können? Und warum wenden sich die
Farmer nicht gemeinsam an Politiker, damit diese sie aus dem Dilemma befreien?
Da gäbe es ein kleines Problem, lacht Parr. Der Gouverneur von Indiana, beide
Senatoren des Staates und die Kongressabgeordneten der umliegendenWahlbezirke finanzieren ihre Wahlkämpfe
u. a. mit Spenden von Monsanto. In anderen Bundesstaaten sieht es ähnlich aus.
Selbst die Universität von Indiana, die die Langzeitfolgen der GMOs erforscht,
wird von Monsanto gesponsert. »Hätten Sie an unserer Stelle Hoffnung?«, fragt
Parr. Und zieht sich die Mütze noch einmal zurecht. Diesmal um seine Tränen zu
verbergen.
Lars Jensen (35) lebt und schreibt in den USA. Auch wenn es dort nicht ganz
leichtfällt, konnte er bisher den Konsum von genmanipulierten Lebensmitteln
vermeiden.