Enteignungen gibt es nicht nur in sozialistischen Ländern, sondern auch in Deutschland
Arne Semsrott | 5.10.2009
Enteignungen gibt es nicht nur in sozialistischen Ländern, sondern
auch in Deutschland. Zum Beispiel, wenn Autobahnen, neue Deiche oder
Eisenbahnlinien gebaut werden sollen. Legal ist das hierzulande nach dem
Grundgesetz: Artikel 14 regelt, dass die Eigentümer angemessen entschädigt
werden und Enteignungen »dem Wohl der Allgemeinheit« dienen müssen. Genau hier
liegt aber das Problem. Denn was »zum Wohle der Allgemeinheit« ist und was
nicht, ist oft nicht klar. Ein Überblick über erfolgreiche und verhinderte
Enteignungen.
Daimler-Benz will eine Teststrecke für seine
Autos bauen, dafür müssen einige Einwohner des Dorfes ihre Grundstücke
aufgeben
Protest: Erfolgreiche Klage einer Bürgerinitiative:
Die Interessen eines privaten Unternehmens dürfen durch Enteignungen nicht
durchgesetzt werden, befand das Bundesverfassungsgericht
Landenteignungen nach 1945 ehemalige DDR, 1992
Nach dem Zweiten Weltkrieg beschließt die
sowjetische Militäradministration eine Bodenreform in ihrer Besatzungszone, um
die Landwirtschaft zu fördern. Viele Ländereien bekommen neue Eigentümer. Die
Regierung unter Helmut Kohl macht diese Bodenreform nach der Wiedervereinigung
rückgängig. Rund 70.000 Erben der Neubauern werden entschädigungslos enteignet
Protest: Klagen der Geschädigten vor dem
Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte werden abgelehnt
Braunkohletagebau, Garzweiler II Nordrhein-Westfalen, seit 1995
Bagger reißen ganze Ortschaften ab, um den
Braunkohletagebau Garzweiler zu vergrößern. Die Bewohner werden umgesiedelt
Protest: Ja. Die Klagen wurden aber in
verschiedenen Instanzen abgelehnt
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Airbus-Landebahn-Verlängerung Hamburg, 2004
Airbus verspricht der Stadt Hamburg 400
Arbeitsplätze im Gegenzug für das Recht, seine Flugzeuglandebahn im Süden
Hamburgs ausbauen zu dürfen. Dafür müssen allerdings auch viele Obstbauern
der Region weichen, die dem Flugzeugwerk im Weg sind
Protest: Klagen von Obstbauern wurden abgelehnt.
Nach wochenlangen Protesten verkauften schließlich die meisten Eigentümer
unter der Drohung von Enteignung ihre Grundstücke
Autobahn A94 Isental, Bayern, seit
2008
Für rund 45 Millionen Euro lässt der Freistaat
Bayern die Autobahn A94 im Isental ausbauen. Für die Verlängerung der
Fernverkehrsstraße droht ansässigen Bauern die Enteignung
Protest: Ja. Alle Klagen wurden bisher Abgelehnt
Hypo Real Estate München, 2009
Die Bank Hypo Real Estate droht wegen der
Finanzmarktkrise pleitezugehen. Weil sie mit Steuermilliarden gerettet wird,
macht die Regierung es per Gesetz möglich, die Bank »zum Wohle der
Allgemeinheit« zu verstaatlichen, um die Kontrolle über die Verwendung der
Steuergelder zu erlangen. Dies ist aber gar nicht nötig, da der Bund durch eine
sogenannte Kapitalerhöhung Eigentümer der Bank wird
Protest: Die FDP warf der Bundesregierung vor,
sich am Wirtschaftsstandort zu »versündigen«