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Ein Hase erschießt Hasen

Die Geschichte der Wahlplakate

31.8.2009 | Anne Haeming | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sie stehen derzeit an jeder Straßenecke, an jedem Laternenpfahl sind die so genannten hölzernen "Wesselmänner" festgezurrt: Wahlplakate. Es ist Wahlkampf. Doch funktionieren diese Plakate überhaupt? Und wenn ja, wie? Stephanie Geise ist Kommunikationswissenschaftlerin und hat die politischen Pappbilder erforscht. Ein Gespräch über Pickelhauben, Problemlösungskompetenzen und darüber, was ironische Wahlkampagnen über die Gesellschaft sagen.

Frau Geise, seit wann gibt es überhaupt Wahlplakate?

Das Spannende ist: Das Plakat ist gar kein so modernes Mittel, wie man annehmen würde. Schon in der Antike gab es Vorläufer, als Kommunikationsform taucht es auch im 16. Jahrhundert in den Niederlanden auf, und zwar bereits für politische Zwecke. Während des Befreiungskrieges gegen Spanien schrieben die Spaniengegner ihre Proteste auf große Zettel, auch bereits mit großen Lettern, und "plakten" sie dann überall an die Wände. Deswegen nannte man sie "Plakatten" – der Ursprung unseres Wortes "Plakat". 

Aber so richtig politisch wurden sie doch sicher erst, als es um politischen Wettbewerb ging, also in der Demokratie, oder?

Nun ja, eigentlich begann das schon früher. Im 18. Jahrhundert setzten Regierungen Plakate ein, um Soldaten anzuwerben, und das ging dann über in Motive, die gegen den Feind mobilisieren sollten und dazu aufriefen, Kriegsanleihen zu zeichnen. Das war auch während des Ersten Weltkriegs üblich.

Wie sahen die Plakate damals eigentlich aus?

Da waren natürlich vor allem Soldaten abgebildet – man muss dazu sagen, dass Deutschland europaweit hinterherhinkte, was die Bildsprache angeht. In Frankreich, Großbritannien, vor allem den USA lief das während des Ersten Weltkriegs schon professioneller ab. Man denke nur an das berühmte "I Want You"-Poster der US Army mit Uncle Sam, der mit dem Finger auf den Rezipienten zeigt: eine wiedererkennbare Figur, die Betrachter werden direkt einbezogen, alles in den amerikanischen Nationalfarben gehalten, klar und prägnant. So weit war man hier noch nicht.

Was machten die anderen Länder anders?

Anders als die Deutschen setzten sie stark auf prägnante Symbole, oft auch auf negative Stereotype, arbeiteten mit klaren Feindbildern. Beispielsweise zeigt ein US-Plakat von 1918 einen Affen mit der deutschen Pickelhaube, im Arm wie King Kong eine Frau, in der anderen Hand eine Keule, auf der "Kultur" steht. Darüber der Slogan: "Destroy this mad brute", also: Zerstört diese kranke Brut. 

Der Affe, Onkel Sam – das waren alles Zeichnungen. Auch in den ersten Wahlkämpfen der Nachkriegszeit dominierten Illustrationen statt Photos. Wieso eigentlich?

Anfang des 20. Jahrhunderts war das vor allem eine technische und damit auch eine finanzielle Frage: Photographien derart zu nutzen war einfach zu teuer. Und selbst bis in die 1950er hatten Graphiken einen hohen Stellenwert, sie waren hochwertig – schließlich mussten sie von Hand gezeichnet werden. Aber bevor wir über die Plakate nach 1949 sprechen, wäre es wichtig, noch zu erzählen, was davor geschah.

Was denn?

Der Blütezeit der Wahlplakate während der Weimarer Republik setzten die Nationalsozialisten Poster als ganz perfide Propagandamittel entgegen, um für ihre "Neue Welt" zu werben. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich politische Plakate folglich erst langsam wieder. Man muss wissen: In einer quasi zunächst medienlosen Öffentlichkeit wie der Nachkriegszeit waren Plakate geradezu konkurrenzlos. Alle Informationen – Lebensmittelmarken, Straßensperrung – wurden über Plakate kommuniziert. Zeitungen, Radio, all das musste erst einmal wieder aufgebaut werden. Wie auch die Parteien. 

Sah man das an den Plakaten?

Ja, bei den Parteien ging es damals zunächst um Imagebildung, sie mussten ja neu anfangen. Man blieb allgemein, forderte auf den Plakaten auf, das Land wieder mit aufzubauen, feuerte sich an, ganz glücklich über den Frieden: "Es geht voran!" Mit konkreten Slogans hielt man sich anfangs zurück.

Inwiefern spiegeln Plakate die Gesellschaft, die sie mobilisieren sollen?

Es ist nie klar zu sagen, ob Politik die Strömungen der Gesellschaft aufgreift oder andersherum. Aber man kann anhand der Plakatgeschichte tatsächliche Geschichte ablesen, etwa während des Kalten Krieges: Jene Illustrationen, die die Gefahr des Kommunismus thematisieren ...

... etwa eine große Hand, die von Osten aus nach der Bundesrepublik greift ....

... zeigen ja eine realpolitische Situation: Man hatte Angst davor, dass der Kalte Krieg doch noch eskalierte. 

Im Wahlkampf 1980 tauchen erstmals Plakate mit Augenzwinkern auf: Die SPD plakatierte eine gezeichnete Blumenwiese und titelte: "Viele Blumen aber keinen Strauß" – gegen den CSU-Kandidaten Franz-Josef Strauß. Woher kam diese plötzliche Lockerheit?

Das war bevor die Rentenlücke aufkam, die brisante RAF-Zeit war vorbei, man hatte das Gefühl politischer Stabilität, kurz: Man war gesettelt, es ging uns gut. Deswegen war einerseits Platz für Umweltthemen, wie die Grünen bewiesen: Die provozierten mit einem Wasserfarbenbild eines Kindes oder einem Plakat von Joseph Beuys, wo ein Hase andere Hasen erschießt. Andererseits konnten sich die Parteien eben Humor leisten, das zeigt auch ein CDU-Plakat: eine Boxerin mit grünem Handschuh und Blume im Mund. Der Slogan: "Komm aus Deiner linken Ecke". Ironie tauchte jetzt im Europawahlkampf auch wieder auf.

Und?

Das funktionierte nicht recht: Ironie passt einfach nicht in eine Zeit der Weltwirtschaftskrise. Da wollen die Wähler konkrete Lösungsvorschläge, keine Witze. Man kann also auch sagen: Am kommunikativen Freiraum der Plakate erkennt man den politischen Freiraum der jeweiligen Zeit.

Was in den vergangenen Jahren verstärkt auffällt: Die Kandidaten und Kandidatinnen, das bekannte politische Personal wird bei den Plakatbildern immer wichtiger. Woher kommt das?

Ich stimme dem ehrlich gesagt nicht zu, oft heißt es, das sei Teil der zunehmenden Professionalisierung oder Amerikanisierung unserer Wahlkämpfe. Aber ehrlich gesagt: Das ist nicht neu, Personalisierung gab es auch schon bei Konrad Adenauer und Willy Brandt. Politik ist eben abstrakt, da ist es oft sinnvoll, ein Gesicht mit einem Thema verbinden zu können. Wir wissen übrigens aus Studien, dass es nicht gut ankommt, wenn die Kandidaten überhaupt nicht abgebildet sind.

Weshalb?

Die Wähler fragen sich dann: Für wen stimme ich überhaupt? Die Politiker zu zeigen, steht für Ernsthaftigkeit und Seriosität. Wir haben das untersucht.

Wie denn?

Wir haben zum Thema Arbeitsmarktpolitik zwei Plakate testen lassen: Auf dem einen winkt die Politikerin und lacht, auf dem anderen ist sie offensichtlich in ein argumentatives Gespräch vertieft. Die Frage war: Welches Motiv kommt besser an?

Und?

Plakat Nummer eins fand unser Testpublikum unglaubwürdig, sie sehe aus wie ein nettes Mädchen, aber nicht wie eine, die anpacke. Das zweite Motiv zeige sie als Politikerin mit Problemlösungskompetenz, so das Ergebnis. Motiv und Thema müssen also zusammenpassen. Ein gut umgesetztes Beispiel hierzu ist aus dem Bundestagswahlkampf 2002: Ein Plakat zeigte Gerhard Schröder im Dunkeln an seinem Schreibtisch, nur eine Lampe brannte. Die Botschaft: Er krempelt die Ärmel hoch, arbeitet auch bis tief in die Nacht, damit wir Arbeit haben.

Ein Klassiker. Gibt es noch andere?

Klar, das sind: Menschen in ihren Lebenssituationen – als Stellvertreter für die Wähler. Mal mit, mal ohne den Kandidaten. Schüler, Rentner mit ihren Enkeln, Arbeiter an der Maschine: Diese klassischen Stereotype finden sich bei allen Parteien. Manchmal müssen sie aufpassen, das driftet schnell in eine Karikatur ab. 

Sie sind also nur noch am Parteilogo erkennbar – und am Corporate Design ihrer Kampagne. Seit wann tauchen die Parteien denn im Wahlkampf als Marke auf?

Auch das gab es in Ansätzen schon immer, aber natürlich professionalisierte sich das mit den Jahrzehnten. Das Corporate Design ist übrigens immer oft wischi-waschi. Ich habe mit Werbeagenturen darüber gesprochen, die diese Auftritte entwerfen. Oft wird argumentiert, die Parteien wollen für jede Wahl eine neue Markenidentität, jede Wahl sei schließlich ein Neuanfang. Mal ehrlich: Aus kommunikationsstrategischer Sicht ist oft harrsträubend, was plakatiert wird. Das wird auch im aktuellen Bundestagswahlkampf deutlich.


Zur Person:
Stephanie Geise forscht als Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Hohenheim. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie die Wirkung von Wahlplakaten.





Anne Haeming schreibt als freie Journalistin für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin.

Foto, oben: ©photocase.com / evamam
Foto, unten: ©photocase.com / AllzweckJack
Foto, unten: privat



www.bpb.deWahlplakate
Wahlplakate im Spiegel der Zeit

www.politik-visuell.de
Hier wird die Optik der Wahlplakate kritisiert, analysiert, kommentiert. Zum Mitmachen

www.historische-wahlplakate.de
und www.wahlkreis.com 
Zwei Übersichtsseiten – Wahlplakate zum Durchklicken




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