Wer in Deutschland arm aufwächst, hat kaum eine Chance. "Was?", denken wir, "so schlimm kann es doch nicht sein. Die sind selber schuld; schließlich gibt es Hartz 4." Im Interview erzählt Bernd Siggelkow, Leiter der Kinder- und Jugendeinrichtung
Die Arche in Berlin Hellersdorf, warum Deutschland doch eine Zweiklassengesellschaft ist, welche Chancen benachteiligte Jugendliche für sich selber sehen und was sie sich von Wahlen und Politik erwarten.
Welche Chancen haben Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft? 
Bernd Siggelkow
Nicht alle Kinder und Jugendlichen haben in Deutschland die gleichen Chancen; ihre Möglichkeiten sind stark davon abhängig, welchen sozialen Hintergrund sie haben. Ein Kind aus einer Hartz-4-Familie hat schon viel schwierigere Startbedingungen. Das liegt daran, dass in unserem Land Bildung vom Einkommensniveau der Eltern abhängig ist. Zwar ist die Schule kostenlos, und auch die Schulbücher kosten für Hartz-4-Empfänger nichts; aber dazu kommen ja noch die Arbeitshefte, die pro Jahr bestimmt auch noch mal 70 Euro kosten, Schulmaterialien, Stifte, etc. So ein Kind kann nicht in den Sportverein gehen oder ein Musikinstrument lernen, weil das Geld dafür nicht da ist. Wenn es Nachhilfe braucht, dann kann es froh sein, wenn es jemanden gibt, der ihm kostenlos hilft. Das heißt, je mehr Geld die Eltern haben, desto besser können sie ihr Kind fördern. Und wenn kein Geld und auch kein Interesse da sind, bleibt das Kind auf der Strecke.
Wie nehmen die Kinder und Jugendlichen ihre Chancen selber wahr?
Ich habe vor Kurzem einen Achtjährigen in der Arche gefragt, was er später mal werden will. Da sagt er: "Hartz-4-Empfänger". Der Junge ist erst acht! Aber er wächst mit Perspektivlosigkeit auf und erlebt als Kind schon die existentiellen Probleme der Eltern; also kann er sich gar nicht vorstellen, dass er eine andere Zukunft vor sich hat. Welche Chancen Kinder und Jugendliche für sich selbst sehen, hängt davon ab, was Erwachsene ihnen vorleben und was ihr Leben bestimmt. Die meisten Kinder in unserer Einrichtung wollen Arche-Mitarbeiter oder Superstar werden. Das kennen sie, da sie viel Zeit bei uns und vor dem Fernseher verbringen. Viele Hartz-4-Eltern sagen inzwischen: "Ich kann nichts und ich bin nichts", und das ist es auch, was sie ihren Kindern vermitteln.
Wie kommt man da wieder heraus?
Indem alle Kinder dieselben Chancen bekommen, egal ob sie Geld haben oder nicht. Indem der Staat zum Beispiel eine Grundsicherung für Kinder bereitstellt: Schulmaterialien und ein kostenloses Schulessen. Der Betrag wird dann mit den Hartz-4-Bezügen der Eltern verrechnet. So könnte gewährleistet werden, dass das Geld an der richtigen Stelle ankommt und die Eltern nicht an Bildung und Ernährung sparen. Außerdem plädieren wir für ein kostenloses Nahverkehrsticket. Viele unserer Kinder hier in Berlin waren noch nie außerhalb ihres Stadtteils.
Leider ist es ja so, dass sich sozial schwache Familien in bestimmten Vierteln konzentrieren, weil dort die Mieten günstiger sind. Wenn die Jugendlichen aber einmal rauskämen, würden sie auch sehen, wie viele verschiedene Lebenskonzepte es gibt. Wir in der
Arche bemühen uns sehr darum, das Potenzial eines Kindes zu entdecken und zu fördern. So haben wir zum Beispiel einer 18-Jährigen einen Modelvertrag vermittelt. Sie ist von zu Hause ausgezogen und lebt mit einer Freundin in ihrer eigenen Wohnung. Sie hat sieben Geschwister, die sie auch besuchen. Die Geschwister sehen an ihr, dass viel mehr möglich ist, als ihnen zu Hause vorgelebt wird.

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Welche Rolle spielt für die Kinder und Jugendlichen die Politik? Würden sie wählen gehen? Glauben sie, ihre Chancen dadurch beeinflussen zu können?
Die Kinder und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen setzen sich eher wenig mit Politik auseinander. So ein Jugendlicher denkt kaum an die Zukunft, in der er eh keine Perspektive sieht. Er denkt an den Tag, den er gerade erlebt, und versucht, das Beste aus ihm zu machen. Diese Jugendlichen klammern sich an jeden Strohhalm, der sich ihnen bietet. Wir in der
Arche vermitteln den Kindern und Jugendlichen Lebensinhalt, Selbstwertgefühl und Hoffnung. Daher denken viele Kinder bei uns, auf sie wartet eine tolle Zukunft. Das motiviert sie wiederum, sich in der Schule mehr anzustrengen und etwas anderes zu wollen, als ihre Eltern haben. Aber wir sind nicht die Einzigen, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern. Die NPD macht zum Beispiel auch viel Jugendarbeit – und auch sie vermittelt Lebensinhalt und Hoffnung, nur dass das, was dahintersteht, sehr gefährlich ist. Das heißt, Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen wählen entweder gar nicht, weil sie sich bereits aufgegeben haben. Oder sie wählen extrem rechts.
Zur Person: Bernd Siggelkow ist gelerneter Kaufmann, hat eine theologische Ausbildung bei der Heilsarmee absolviert und als Jugendpastor gearbeitet. 1995 gründete er in Berlin-Hellersdorf das christliche Kinder- und Jugendwerk
Die Arche. Das Hilfswerk betreibt eine Grundschule sowie Freizeiteinrichtungen in Berlin, Hamburg, München und Potsdam. Der Verein will gegen soziale Defizite agieren sowie Kinder wieder ins Zentrum der Gesellschaft stellen. Er finanziert sich zu 100 Prozent aus Spendengeldern.
www.kinderprojekt-arche.de/arche.htm Buch: "Deutschlands große Chance: Was sich unsere Kinder wünschen und warum wir sie unbedingt ernst nehmen müssen" von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher (erschienen am 27. August 2009 bei Gerth Medien)
Katrin Arnholz ist freie Journalistin in Berlin.
Foto oben: ©Die Arche
Foto unten: ©Karsten Jipp/ photocase.com
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