t

Chumbawamba: Always Tell The Voter What The Voter Wants to Hear

Punkrock in Zeiten des Wahlkampfs

25.9.2009 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 23290

Image 23290


Im Jahr 1987 veröffentlichte die britische Punk-Band Chumbawamba ein Konzept-Album mit dem Titel "Never Mind The Ballots" ("Scheiß auf die Stimmzettel"). Es war die zweite LP der Band und sie versteht sich als Kommentar auf die Wahlen in der parlamentarischen Demokratie (im britischen Fall: der parlamentarisch-konstitutionellen Monarchie). Chumbawamba sind der Meinung, dass die Bürgerinnen und Bürger, die in regelmäßigen Abständen zur politischen Abstimmung gebeten werden, dabei heuchlerischen, irreleitenden Versprechungen und Kampagnen ausgesetzt sind. Der Wahlkampf sei eine Zeit lügender Politiker/innen, die ihre Wähler/innen des bloßen Machterhalts oder -gewinns wegen dazu verführten, ihr Kreuz an der passenden Stelle zu setzen.

Werben um die Gunst der Wähler

Somit ist "Never Mind The Ballots" eine radikale Kritik an der so genannten "Politischen Kommunikation". Und mehr noch: Chumbawamba stellt das System der parlamentarischen Demokratie überhaupt in Frage – und zwar zugunsten einer anarchistischen Ordnung. Bereits der erste Song der Platte "Always Tell The Voter What The Voter Wants To Hear" soll klarstellen, dass Wählerstimmenfang durch Politiker/innen mit leeren Versprechungen und korrupten Methoden gleichzusetzen ist. Versprochen wird, was die Wähler/innen hören wollen – diesen Populismus karikiert die Band durch eine so genannte "Call-In-Show", in der zwei Kandidaten verschiedener Parteien – im damaligen britischen Kontext klar als Konservative Partei und Labour-Partei erkennbar – um die Wählergunst der Radiohörer/innen werben: "Just give me your vote, Put your cross in the box".

Erst die Beine brechen – dann Krücken anbieten

Image 23291

Image 23291

Dies ist bei Chumbawamba die nackte Wahrheit: Politik ist längst völlig korrumpiert und inhaltsleer geworden. In den weiteren Songs des Albums formulieren Chumbawamba, worin der Verrat des politischen Systems am Prinzip der demokratischen Wahl besteht – "They break our legs, and we say 'Thank You' when they offer us crutches" ("Zuerst brechen sie uns die Beine, und wir sagen 'Dankeschön', wenn sie uns dann Krücken anbieten") und definieren Demokratie auf ihre eigene, anarchistische Weise: "A toast to democracy, The prison guard of this society, Sides in the voting game, Disappear into the same machine" ("Ein Hoch auf die Demokratie, die Gefängniswächterin der Gesellschaft. Die verschiedenen Seiten im Wahlkampfspiel verschwinden doch in der gleichen Maschinerie").

Es gewinnt immer das System

Das anarchistische, "herrschaftsfreie" Selbstverständnis der Band verbleibt jedoch nicht bei der Verneinung des parlamentarischen Systems und der Wahl als dessen wichtigstem Instrument. Es setzt zugleich auf einen radikaldemokratischen Willen zur Selbstorganisation gesellschaftlicher Sphären: "There comes a time when we organize, When we take control of our daily lives, When we don't obey orders from authority, When we disbelieve the myths of democracy" ("Es wird eine Zeit kommen, wenn wir uns organisieren, wenn wir die Kontrolle über unseren Alltag übernehmen, wenn wir den Befehlen der Autoritäten nicht mehr gehorchen, wenn wir den Mythen der Demokratie keinen Glauben mehr schenken"). Zu diesen Mythen zählt die Band den Glauben daran, dass der Wahlsieg einer Partei systemreformierend wirken könne. Ein Trugschluss, behaupten Chumbawamba, denn am Ende gewinnt immer nur das System selbst: "A toast ... To the party who wins the next election, By definition a victory to capitalism" ("Ein Hoch auf die Partei, die die nächste Wahl gewinnt, per Definition wird es ein Sieg des Kapitalismus sein").

Zurück im Pariser Mai '68

Statt eines Wahlversprechens setzen Chumbawamba also das Versprechen einer anderen Gesellschaftsordnung – ein Versprechen, das nicht durch ein Kreuz, sondern nur durch gesellschaftlichen Kampf eingelöst werden könne: "We don't want power, And we don't want money, We're fighting for the right to decide, How the power and the wealth, Be equally divided" ("Wir wollen keine Macht, Und wir wollen kein Geld, Wir kämpfen um das Recht zu entscheiden, wie die Macht und der Reichtum gerecht verteilt werden").

Die Cover-Ästhetik von "Never Mind The Ballots" bedient sich beim Grafikdesign des Pariser Mai’68: Zwei von unten hochgereckte Fäuste weisen auf einen oben angebotenen – und bereits angekreuzten – Stimmzettel zurück. Chumbawamba befand sich mit diesem Album nicht nur in einer politisch-aktivistischen, sondern auch in einer künstlerischen Tradition, die in unserem Jahrzehnt etwa durch Projekte wie Vote-Auction von Ubermorgen.com, bei bei dem es um den Handel mit Wählerstimmen ging, fortgeführt wurde.

Der erste Anrufer im Songtext heißt Martin. Martin lebt in Berlin und erzählt fluter.de-Leser/innen, was fluter.de-Leser/innen hören könnten.

Fotos: Graham Burnett



www.metrolyrics.com
Songtext von "Always Tell The Voter What The Voter Wants to Hear"

www.chumba.com
Offizielle Chumbawamba-Website

www.wikipedia.de
Chumbawamba auf Wikipedia

www.wikipedia.de
"Never Mind the Ballots" auf Wikipedia

www.youtube.com
www.youtube.com
www.youtube.com
"Never Mind the Ballots" auf YouTube (3 Teile)

www.vote-auction.net
Ubermorgen.com mit "Vote-Auction"





Kommentare

Dein Kommentar