Barfuß in den Kampf

Hanna Poddig erzählt aus ihrem Leben als Vollzeit-Aktivistin

16.9.2009 | Alina Schröder | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Hanna Poddigs Händedruck ist zart. Sie geht barfuß, trägt einen bunten Rock und ein schwarzes T-Shirt. Mit ihren 23 Jahren gehört sie in eine Altersgruppe, die man in Dänemark die "Latte-Macchiato-Generation" nennt. Nicht Milch, nicht Kaffee. Täglich wechselnde Geschmacksrichtung. Eine Generation, die Opportunismus über Charakter stellt, Konfrontationen scheut und sich hinter dem Schutz der Apathie versteckt, anstatt Flagge zu zeigen. Hanna Poddig ist anders: Die Vollzeit-Aktivistin engagiert sich dort, wo andere längst nicht mehr zu sehen sind.

Es ist leicht die Welt zu verändern – man muss bei sich anfangen

Nun hat Poddig ihr erstes Buch geschrieben, das am 21. September erscheint. Vom Cover strahlt ein freundliches Gesicht. Keine Spur von Verdrossenheit, Frustration oder missionarischer Attitüde. Die Autorin spricht von einem Reiseführer für ein widerständiges Leben. "Radikal mutig" heißt ihre "Anleitung zum Anderssein". Die junge Aktivistin hat schon an vielen Fronten Erfahrungen gesammelt: Sie dokumentiert ihre Aktionen gegen Atom- und Kohleenergie, Militarismus, Polizei und Gefängnisse, Gentechnik und die Ausbeutung von Tieren. Weil sie den Staat und das herrschende System ablehnt, wird Poddig am 27. September auch nicht zur Wahl gehen: Wer die Parteiendemokratie ablehnt, so sieht sie es, darf diese eben auch nicht durch zwei Kreuze legitimieren.

Poddig findet sich sowieso in keinem der Partei-Programme wieder und hält die Auseinandersetzung mit der Wahl für weitgehend unwichtig. Ihre Aktionen signalisieren stets dieselbe Botschaft: Es ist leicht die Welt zu verändern. Man muss nur bei sich anfangen. Selbst Globalisierungskritik lässt sich alltäglich leben. So eröffnet Poddig ihr Buch mit einem Thema, das für viele prekär, für Poddig selbst vergleichsweise belanglos ist: das Containern. Dahinter verbirgt sich Lebensmittelbeschaffung aus Müllcontainern der Supermarktketten, ohne dass dahinter existenzielle Not stünde.

Vielfältiges Aktionspotenzial

Das Aktionspotenzial der 23-Jährigen ist so vielfältig wie ihre Themen. Sie verteilt Flyer, diskutiert in der Fußgängerzone und schätzt die erzürnten Beschimpfungen einiger Passanten/innen. Sie sei nicht hier, um gemocht zu werden. So kettete sie sich im Februar 2008 in Oster-Ohrstedt an Gleise, um gegen eine Militärübung zu demonstrieren. Für die Resonanz, die diese Aktion in der Presse fand, nahm sie eine Nacht auf der Polizeiwache gerne in Kauf. Poddig spielt Theater oder moderiert Veranstaltungen. Sie besteigt einen Tag vor dem Klimagipfel 2006 das Brandenburger Tor, um es mit einem "Kohle killt Klima"-Banner zu schmücken. Sie verkleidet sich als mahnende Putzfrau bei der Öffnungsfeier der O2 Arena in Berlin oder spricht als Anteilseignerin auf den Aktionärsversammlungen des Energiekonzerns Eon, um im offiziellen Rahmen und direkter Auseinandersetzung Fragen zu deren heuchlerischen Marketingkampagnen zu stellen. Ihre Aktionen scheinen genial plausibel. Und immer ist dabei auch der Spaßfaktor ein Kriterium. Eine Portion Egoismus, sagt sie, gehöre auch dazu.
Die Mutter findet das Leben der Tochter cool

Hanna Poddig lebt in einer veganen 12er-WG am Görlitzer Bahnhof in Berlin Kreuzberg. Sie weiß, dass sie privilegiert ist. Obwohl sie täglich "kämpft", blieben ihr in ihrer Jugend viele Kämpfe erspart. Mit dem moralischen und finanziellen Background ihrer Eltern fiel ihr der Einstieg in ein aktivistisches Leben leicht. Die Mutter findet das Leben ihrer Tochter cool; der Vater unterstützt sie, auch wenn er sich um das Wohlergehen der Tochter hin und wieder sorgt. Sie solle aufpassen, dass sie dieses Leben nicht kaputt mache. Die junge Aktivistin stieß schon in der Schule auf Skepsis ihrer Mitschüler/innen und fühlte sich oft ganz schön allein.

Schon mit 17 kommt sie über Freunde zu der für spektakuläre Aktionen bekannten Naturschutzgruppe Robin Wood, wird dort bald Vorsitzende. Poddig hatte nie einen Job außerhalb des aktivistischen Umfelds. Sie habe nie anders gelebt und hatte nie etwas zu verlieren. Die Form ihres Aktionismus habe sich dennoch mit den Jahren geändert, sagt sie. Poddig hinterfragte seltener ihre inhaltlichen Schwerpunkte und reflektierte stattdessen mehr über die Form ihres Widerstands. Die Folge: Die Arbeit in Verbänden und Initiativen schränkte sie immer weiter ein. Zu starr die Köpfe und Strukturen.

Aktionsfernweh und Angst vor dem Schwarzfahren

Am 4. September muss sich Poddig in Hamburg-Altona vor Gericht wegen eines Aufklebers auf einem Wahlplakat verteidigen. Dieses Mal stellte sie Prinzip über Pragmatismus und lehnte das Einstellen des Verfahrens gegen eine Zahlung von 50€ ab. Im Gerichtssaal in Hamburg hat sie "Aktionsfernweh": Ihre Mitstreiter/innen sind zeitgleich mit dem Anti-Atom-Track auf dem Weg nach Berlin.

Poddig hat Angst vor dem Schwarzfahren, die Fahrkartenkontrolle jedoch nutzt sie, um Preispolitik und Privatisierung der Verkehrsunternehmen lautstark anzuprangern. Ehrlicher Aktionismus hat immer mit Angst zu tun. Die 23-Jährige fürchtet sich nicht vor den juristischen Konsequenzen ihrer Aktionen. Wenn aber die körperliche Angst zu groß wird, bricht sie ab. So ließe sie sich nicht von Polizisten verprügeln.

Kein angepasstes Leben denkbar

Die junge Frau will nicht missionieren oder moralisieren, und doch wird ihren Lesern/innen an vielen Stellen ein schlechtes Gewissen kaum erspart bleiben. Offenbar konnte Poddig nur so und nicht anders schreiben. Die Stärke und Schwäche des Buches sieht Poddig selbst in seiner "phänomenalen Unwissenschaftlichkeit". Poddigs Anleitung überfordert nicht durch erhöhte Komplexität, sie macht den Lesern/innen auf überraschend einfache Art klar, wie passiv und unbedacht sie eigentlich leben.

Poddig ermutigt dazu, Fragen zu stellen, ohne vor den Antworten zurückzuschrecken. Die Augen zu öffnen, ohne das Gesehene zu fürchten. Zu handeln, ohne die Konsequenzen zu überschätzen. Doch lieber, so die junge Aktivistin, gingen die Menschen in ihren Identitäten auf, statt ihre Beschränktheit zu überwältigen. Ein angepasstes Leben ist für Poddig so wenig vorstellbar wie erstrebenswert. Sie will Visionen realer machen und zeigen, dass utopisches Denken und alltägliches Leben zusammengehen können.

Schon bald wird Hanna Poddig in einer der großen Polit-Talkshows zu sehen sein. Denn im Grunde sehnt man sich in dieser Republik nach einer jungen mutigen Frau, die in einem "verantwortungslosen" System Verantwortung übernimmt, die sich nicht vor Utopien fürchtet, die ihren vermeintlich verlorenen Kampf aufrecht geht und dennoch in all ihrem aktivistischen Widerstand überraschend verletzbar wirkt. Eine junge Frau, die keine Angst vor der eigenen Courage hat. Hanna Poddig hat einen zarten Händedruck. Einen auffallend zarten Händedruck.

Hanna Poddig: Radikal mutig: Meine Anleitung zum Anderssein (Rotbuch Verlag 2009, 224 S., 14,90 €) erscheint am 21. September 2009




Alina Schröder, 24, studiert an der Universiät Bonn Medienwissenschaft, Psychologie und VWL. Zurzeit absolviert sie in Berlin ein Praktikum und drückt sich damit erfolgreich vor ihrer Magisterarbeit.

Fotos: ©Rotbuch Verlag


www.youtube.com
Hanna Poddig auf youtube in der taz-Serie "Unerhört"

www.bpb.de

Dossier "Umwelt" auf bpb

www.bpb.de

Artikel auf bpb über die Arbeit von NGO's





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