Ich hebe den Spaten an. Mit aller Wucht ramme ich ihn in das zwar sandige, aber trotzdem harte Loch im Boden. Ein "Klong" ist alles, was ich für meine Mühe bekomme. Der Schweiß läuft mir die Arme herunter. Kein Wunder, wenn man bei über 35 Grad in der Sonne arbeitet. Mein Rücken schmerzt. Ich drehe den Spaten, und ein kleiner Brocken Erde bricht weg. Neben mir gräbt Roland, mein Gastgeber. Auch er müht sich mit dem harten, sandigen Boden ab. Es ist bereits mein fünfter Arbeitstag auf einem Bauernhof im Südosten Ungarns nahe dem Dorf Opusztaszer. Zweieinhalb Wochen arbeite ich dort als freiwilliger Helfer im Rahmen von
WWOOF (
WorldWide Opportunities on Organic Farms). Für meine Arbeit erhalte ich kostenlose Unterkunft, Verpflegung und Erfahrungen über eine ökologische und nachhaltige Lebensweise aus erster Hand.
Alles begann mit meinem Wunsch, einmal zu spüren, wie es ist, in der
Landwirtschaft körperlich hart zu arbeiten. Außerdem stellte ich mir schon lange die Frage, wie ich wohl zurechtkommen würde mit einem Leben abseits von Städten und Überfluss.
WWOOF schien diese Möglichkeit zu bieten. Nach einigem Hin und Her entschied ich mich, einen Hof in Ungarn zu suchen, obwohl ich kein Wort Ungarisch sprach. Bald darauf saß ich im Zug.
Von Chicago aufs DorfMeine Gastgeber Cheryl und Roland sind beide 32 Jahre alt und haben sich den Hof vor drei Jahren gekauft. Er umfasst mehrere freistehende Häuser, einen Brunnen und ein etwa zehn Hektar großes Grundstück. Der Hof befindet sich aber noch im Aufbau. Ihr Ziel ist es, eines Tages vollkommen ökologisch und damit auch nachhaltig zu leben und zu produzieren. Sie verwenden kaum Maschinen und kochen mit Holz. Um den Boden möglichst natürlich zu halten, benutzen sie Werkzeuge, die nicht lackiert sind, und versuchen alle Kunststoffe aus dem Boden zu entfernen. Natürlich verwenden sie keinerlei Pflanzenschutzmittel und düngen mit Humus vom Kompost. Allein beim Einkaufen müssen sie auf konventionell produzierte Nahrungsmittel zurückgreifen, da Biolebensmittel in Ungarn noch extrem teuer sind.
Sowohl Cheryl als auch Roland haben sich aus Überzeugung für diesen Lebensstil entschieden, obwohl sie einen ganz anderen kulturellen Hintergrund haben. Cheryl stammt aus der Nähe von Chicago und hat in den USA Gartenkultur studiert. Roland ist Ungar, stammt aber wie 1,4 Millionen Ungarn im Südosten seines Landes aus dem heutigen Rumänien. Weltweit gibt es 14 Millionen Magyaren, wie sich die Ungarn selbst nennen. Viele von ihnen leben im Ausland, nicht einmal 10 Millionen in Ungarn selbst. Auch Roland war eine Zeit lang im Ausland. Er studierte Landschaftsarchitektur in den USA, wo er auch Cheryl kennen lernte. Später kauften sie den Hof in Ungarn, auf dem ich Mitte Juli meine Arbeit aufnahm.
Graben bis zum Umfallen
Mein Morgen begann um kurz nach fünf mit Mähen. Verschlafen ging es bei aufgehender Sonne auf das taufrische Feld. Nach knapp einer Stunde Handarbeit mit der Sense machten wir eine Frühstückspause. Wir sägten Feuerholz zurecht, jäteten Unkraut auf einem fünf Hektar großen Feld oder räumten ein eingefallenes Gebäude aus. Das Hauptprojekt während meines Aufenthaltes war die Umzäunung des Komposts, der ein wichtiges Element des Hofes ist. Alles biologisch Abbaubare landet dort, inklusive des Toiletteninhalts. Die Toilette besteht aus einem Eimer und einem Brett darüber, in dessen Mitte sich ein Loch befindet. Gespült wird mit Stroh aus einem Eimer neben dem Brett.
Damit nun der Kompost nicht nur als Haufen in der Landschaft liegt, bauten wir die Umzäunung. Um die insgesamt vierzehn Pfosten in der Erde zu versenken, gruben wir Löcher. Am fünften Tag war ich bereits gegen Mittag so erledigt, dass mir schwindlig wurde und Roland mich dazu bewegte, aufzuhören. Auf jedem WWOOF-Hof hat man pro Woche eine gewisse Anzahl freier Tage, die man sich selbst einteilen kann. In meinem Fall waren das zwei Tage, und zu meinem Glück hatte ich mir am sechsten Tag freigenommen. So konnte ich mich bei einem Spaziergang durch die nahe Stadt Szeged entspannen.
Nudeln mit Mohn und Honig
Aber nicht nur die freien Tage, auch die gute und an Süßspeisen reiche ungarische Küche hielten mich bei Kräften. Cheryl buk jeden zweiten Tag frische Brötchen, und ich lernte Apfelsuppe, Nudeln mit Honig und Mohn oder mit gesüßtem Kohl kennen. Für Trinkwasser mussten wir mit dem Fahrrad 15 Minuten zum nächsten Trinkwasserbrunnen fahren.
Beim Essen und auch während der Arbeit unterhielten wir uns über alle möglichen Dinge. Mal ging es um Rezepte, mal um ihre Erfahrungen mit dem Hof, mal um Ideen für eine bessere Welt oder ihre Pläne für den Hof. So wollen sie zum Beispiel noch diesen Herbst mit der Zucht einer in Vergessenheit geratenen ungarischen Schafsart beginnen. Die Wolle wird Cheryl zu Garn spinnen, das sie dann verkaufen werden. Cheryl und Roland haben noch viel mehr Ideen für ihren Hof, der eine Vorbildfunktion in ihrer Umgebung einnehmen soll, erzählt Roland. Denn dort kümmere sich bislang keiner um ökologische Landwirtschaft. Die zweieinhalb Wochen vergingen wie im Flug. Am Ende freue ich mich zwar wieder auf zu Hause, aber bin auch traurig, dass es vorbei ist. Bei meiner Abreise ist mein Kopf voller Ideen und Träume und ich hoffe, dass sie lange halten und vielleicht auch Realität werden.
Patrick Rein, 20, hat letztes Jahr sein Abitur gemacht und schreibt als freier Mitarbeiter für eine Lokalredaktion des schwäbischen Tagblatts.
Fotos: Patrick Rein
www.wwoof.orgWebsite des internationalen
WWOOF-Verbandes, in dem auch ungarische Höfe aufgelistet sind
www.echotanya.huDie Website des Hofes auf Ungarisch und Englisch
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