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Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken im Wahlkampf

Ein Klassiker des New Journalism

2.9.2009 | Helmut Höge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

1972 fanden in den USA Präsidentschaftswahlen statt. Ein kompliziertes und finanziell aufwendiges Verfahren, bei dem die Kandidaten, begleitet von ihrer Familie, ihren Beratern, Helfern und einem Journalistentross, durch das ganze Land jetten, Reden halten, Hände schütteln und Interviews geben. Wenn sie bei diesen Vorwahlen gut abschneiden, werden sie eventuell von ihrer Partei nominiert. Die Demokraten nominierten 1972 notgedrungen den "Anti-Politiker" George McGovern, nachdem Hubert Humphrey und Edmund Muskie ausgeschieden und der für die Rassentrennung kämpfende George Wallace angeschossen und dabei schwer verletzt worden war. McGovern trat daraufhin gegen den republikanischen Amtsinhaber Richard Nixon an. Dieser hatte die Präsidentschaftswahl 1968 mit dem Versprechen gewonnen, den Vietnamkrieg zu beenden. Er ließ dann auch Truppenteile abziehen, gleichzeitig beschlossen er und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger jedoch insgeheim, auch noch Laos und Kambodscha zu bombardieren.

Nixons Wahlkampf und der Vietnamkrieg

Der demokratische Herausforderer – Robert Kennedy – war nach erfolgreichem Vorwahlkampf erschossen worden, ebenso der mit ihm verbündete schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King. 1968 waren die Amerikaner in Vietnam aufgrund der "Tet-Offensive" des Vietkong zudem überraschend in die Defensive geraten. Seitdem gewann die Studenten- und Friedensbewegung weltweit immer mehr Einfluss. Nixons Wahlkampf bestand 1972 vorwiegend aus außenpolitischen Erfolgen zur Entspannung des Verhältnisses der USA zur UDSSR und China. Zwar war der von ihm gleichzeitig angeordnete Einbruch in das Washingtoner "Watergate-Hotel", um dort im Hauptquartier der demokratischen Partei Abhörtechnik zu installieren, bereits öffentlich bekannt geworden, aber im Wahlkampf spielte dieser Skandal noch keine Rolle. Wohl aber der, dass McGovern den konservativen Senator Thomas Eagleton zu seinem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft ernannt hatte – und diesem zwei frühere Psychiatrieaufenthalte wegen Depressionen nachgewiesen wurden, woraufhin seine Kandidatur zurückgezogen werden musste.

Ein Journalist wird Wahljunkie

Im Journalistentross von McGovern befand sich auch der Inlandsredakteur des Pop-Magazins Rolling Stone: Hunter S.Thompson. Seine Artikel über die Präsidentschaftswahl 1972 fasste er anschließend zu einem Buch zusammen, das von McGovern und der New York Times als das "beste" beziehungsweise "wertvollste" über diese Wahlkampagne bezeichnet wurde. Thompson gilt als Vertreter des New Journalism – einer extrem subjektiven, immer wieder abschweifenden Sichtweise, die er auf den Romanautor Jack Kerouac zurückführt.
Ihr berühmtester Vertreter ist heute Tom Wolfe. Thompson arbeitete oft und gerne unter Drogen – ihm war fast jedes Rauschgift recht. Bevor er als "Wahljunkie" zum McGovern-Tross stieß, hatte er selbst in seiner Heimatstadt Aspen, Colorado, für das Amt des Sheriffs kandidiert – wobei seine lokale "Freak Power"-Kampagne ebenfalls schon dem republikanischen Kandidaten unterlegen war, sie verschaffte ihm jedoch ein "High", das weit über "alle bisher von ihm genommenen Drogen hinausging".

Ein ähnliches "High" erlebte er dann auch in dem fast ein Jahr dauernden Wahlkampf von McGovern, weil er sich mit ihm identifizierte, wie er schreibt, obwohl der konservative Senator aus South Dakota Thompsons "3-A-Kampagne" – das heißt Acid (Legalisierung von Drogen), Amnestie (von Deserteuren) und Abtreibung ablehnte, um die Normalwähler/innen nicht zu verschrecken. Wie bei jedem Wahlkampf ging es auch hier um Mehrheitsbeschaffung. Dies bedeutete, dass McGovern sich morgens vor Studentinnen als Feminist gerierte, mittags vor Farmern als halber Rassist, abends vor einem Supermarkt gegenüber Arbeitern auf Sozialist machte und nachts in der Hotelsuite gegenüber seinen reichen Geldgebern den Neoliberalen gab. Seine PR- und Kampagnenberater hatten die Aufgabe, sein täglich zerfaserndes Image anschließend wieder zu runden, so dass der Kandidat auch weiterhin für Ehrlichkeit und Charakter stand.

Hunter S. Thompson, 1988

Was im Fernsehen rüberkam

Manches hätte seine Truppe besser machen können, aber "das Fundraising funktionierte so gut, dass man fast schon von einem Wunder sprechen konnte", meinte McGovern hernach. Für ihn, den Vietnamkriegsgegner, ging es darum, vor allem die junge Generation, die nicht nach Vietnam geschickt werden wollte, die Erstwähler zu mobilisieren. Das lief auch bis zum Parteitag, der ihn nominierte, "großartig – aber was im Fernsehen rüberkam, das war", laut McGovern, "nichts als eine Menge aggressiver Frauen; sie sahen eine Menge militanter Schwarzer, sie sahen langhaarige Kids, und ich denke, eben diese Kombination, die mir ja zur Nominierung verhalf, hat viele abgeschreckt" (an der Wahlurne).

Ähnlich urteilt auch Thompson: Gerade die befreienden sozialen Umbrüche der 1960er-Jahre bewirkten, dass "die 'Stimmungslage der Nation' 1972 derart rachsüchtig, habgierig, bigott und rückhaltlos reaktionär war". McGovern machte anschließend die Medien für seine vernichtende Niederlage verantwortlich, wobei er seinen Unterstützer Hunter S. Thompson natürlich von dieser Schelte ausnahm. Dieser wechselte dann als Redakteur zur Außenpolitik, als solcher erlebte er 1975 die überstürzte Evakuierung der letzten Amerikaner/innen und ihrer Verbündeten aus Saigon – auf LSD. Die Präsidentschaft der Bushs begriff er später vollends als "faschistisch". Nachdem George Bush Junior 2004 bei den Wahlen im Amt bestätigt worden war, erschoss sich Hunter S. Thompson Anfang 2005 mit seinem Lieblingsrevolver.

Helmut Höge arbeitete zunächst als Dolmetscher (bei der US Air Force und für einen indischen Tierhändler) und als Erzieher (in Westberliner Kinderheimen), studierte dann Sozialwissenschaft und verdingte sich anschließend bei verschiedenen Bauern als landwirtschaftlicher Betriebshelfer, zuletzt auch noch in einer ostdeutschen LPG. Seit Anfang der 1970er-Jahre ist er journalistisch tätig. Zuletzt erschien von ihm ein Aufsatzband "WPP - Wölfe Partisanen Prostituierte" im Kulturverlag Kadmos Berlin.

Hunter S. Thompson: "Angst und Schrecken im Wahlkampf" (Heyne Verlag 2008, 573 Seiten, 9,95 €)



Foto: "Hunter S. Thompson", 1988 / ©Miami Dade College Archives, CC BY-SA 3.0



www.wikipedia.org
Hunter S. Thompson bei Wikipedia

www.newyorker.com
Nachruf auf Hunter S. Thompson im New Yorker

www.youtube.com
Hunter S. Thompson im Interview




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