Das sollen wir sein?
Wie der Spiegel 'Krisenkinder' macht
Alina Schröder | 15.8.2009
"Es war schön, dich im Spiegel zu sehen." Ein Kommilitone spricht mich auf der Absolventenfeier meiner besten Freundin an. "Welcher Spiegel?" "Der neue
Spiegel Special über Krisenkinder." Ich habe keine Zeit, über Krisenkinder und Spiegel nachzudenken; Anne ist aufgeregt; sie schickt mich eine Cola holen. Während anschließend die 265 Namen der diesjährigen Absolventinnen und Absolventen der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn inklusive Magister-Fächerkombination verlesen werden, erinnere ich mich: Meine erste Woche in Rom vor drei Monaten.
Spiegel online rief alle 20- bis 35-Jährigen zum Mitmachen auf: drei Sätze und ein Foto an
mitmachen at spiegel.de. Die drei Sätze hatte ich im römischen Alltag so schnell vergessen, wie sie entstanden waren, und nun sagt dieser Absolvent auch noch: "Echt schönes Foto." An das Foto erinnere ich mich noch viel weniger. Der erste Zeitungsladen schließt vor meiner Nase. Ich solle morgen früh um 5:30 wiederkommen. Beim zweiten ist die Ausgabe ausverkauft. Der dritte – inzwischen ist es halb zwei nachts – glaubt mir nicht, dass ich das bin auf dem Foto. Doch die Lage ist eindeutig.
Spiegel Special hat entschieden: Ich bin ein Krisenkind.
Jung, gut ausgebildet, chancenlos?
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| Alina |
Ich frage mich: Steckt meine Generation tatsächlich in einer so auswegslosen Situation? Von der Generation P. also direkt in die
Krise? Oder fehlte es lediglich an neuen Begrifflichkeiten? Jetzt, wo die Blumenkinder-Symbole längst nur noch Objekte einer Retro-Mode sind und die Generation Golf ihren VW im Prosecco-Rausch zu Schrott gefahren oder gegen einen A3 oder einen 1er BMW getauscht hat, da war es ja auch mal Zeit für neu gestempelte Kinder. Die Gölfe wurden schnell einverleibt, aber so fallen sie wenigstens mit. In unsere Generation. Und in die Krise. Denn großzügig werden die Altersgrenzen zwischen 20 und 35 gelegt. Während das Geburtsjahr der Ältesten von Willy Brandts Rücktritt und der Mahler/Meinhof-Verurteilung geprägt war, erlebten die Jüngsten den Mauerfall auf den Wickeltischen und mit elektrischen Kindermobiles überm Bett. Die Generationsältesten waren da schon mitten in der Pubertät und gingen auf Michael-Jackson-Konzerte. Ich war zu jung für Michael Jackson und zu alt für ein Kindermobile und dennoch empfinde ich keine Generationszugehörigkeit. Immerhin, ich kann sagen: Ja, ich bin im Wohlstand aufgewachsen, ja, ich bin verhältnismäßig gut ausgebildet und ja, ich bin jung. Ich gehöre sogar zum unteren Drittel meiner Generation. Fehlt noch ein Attribut, das der Spiegel meiner Krisengeneration zuschreibt. Das entscheidende. Das namensgebende: jung, gut ausgebildet, chancenlos.
Orientierungslose Dorfbewohner/innenKrisen gab es schon viele: eine
Weltwirtschaftskrise 1929. Auch damals brachen Industrienationen zusammen und Massenarbeitslosigkeit war die Folge. In Deutschland wurde die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1930 dann zweitstärkste Partei und eine "moralische Krise" folgte. 1974 und 1979/80 erschütterten Ölkrisen die Welt und dazwischen gab es in Deutschland, das vom Eisernen Vorhang nicht nur tangiert wurde, sondern diesen quasi darstellte, immer wieder krisenhafte Ereignisse. Und doch: Wir sind die Krisenkinder. Weil wir Praktika machen und im Ausland waren, schreibt der
Spiegel, und im Wohlstand aufwuchsen, weil wir
Bobby Cars und
Gameboys zu Weihnachten bekamen und jetzt nicht mal einen Job. Ja, das ist krisenhaft.
Wir sind die Generation des digitalen Fortschritts; doch
verbindet uns mit ihm eine "Hassliebe". Dieser Fortschritt, der die
Welt, zumindest die industrialisierte, zum globalen Dorf und uns zu
jenen orientierungslosen Dorfbewohnern/innen macht, die vor lauter
Unterhaltungsparks und sozialen Verpflichtungen, Online-Profilen und
beruflichen Chancen allmählich den Überblick über das Dorf verloren
haben. Und so suhlen wir uns allzu gerne im Schutz des
Informationsschlammes. Wir sind politisch zu nichts zu gebrauchen.
Parteien finden wir verstaubt, ideologisch und festgefahren,
Demonstrationen halten wir für unnütz und die falsche Methode. Die
offensichtlich bessere ist eine Mischung aus Ignoranz, Verzögerung und
lähmender Naivität.
Ist unsere Generation bisher jemals für etwas eingetreten?
Wir sind Fremdgänger/innen unserer Moral, falls überhaupt beziehungsfähig.
Risiko versuchen wir weitgehend zu minimieren, und trotz unseres Talents, Informationen zu beschaffen, trotz unserer scheinbaren Allwissenheit sind wir doch eine leicht manipulierbare Generation. Das ist eine gesellschaftliche Krise. Chancenlos aber sind wir nicht. Vielleicht ist der
Arbeitsmarkt gerade nicht der einsteigerfreundlichste. Vielleicht müssen wir uns heute mehr denn je gegen den weltweiten Nachwuchs durchsetzen. Und vielleicht sind unsere Renten nicht sicher. Doch diese teilweise sogar zeitweiligen Zustände in ihrer Häufung als Chancenlosigkeit zu bezeichnen, ist genau die Vereinfachung, derer wir uns selbst allzu gerne bedienen. Die vermeintliche Komplexität unseres Alltags wird zum gefundenen Fressen für uns Krisenkinder oder krisenursächlich oder beides.
Angst vor einem ausgefallenen Xing-ProfilWir sind die Generation des Überflusses. Und so sehr wir uns Bescheidenheit zuschreiben möchten, haben wir nie gelernt, was das ist. Wir haben nie gelernt, was Scheitern heißt, denn das hätte die vorherige Übernahme von Verantwortung bedeutet. Und so sehr wir unsere Individualität verhätscheln mögen, fürchten wir uns vor einem allzu ausgefallenen
Xing-Profil oder der ehrlichen Antwort auf die Frage nach unseren Träumen. Wir wechseln unsere Ideale, Interessen und Ideen – je nach Zeitgeist, je nach Nachrichtenagenda, je nach Melancholie, in die wir einzutauchen vermögen. Wir sind Mitglied beim
WWF, können aber nicht einmal sechs vom Aussterben bedrohte Tierarten nennen. Wir kaufen CO2-Abschläge, um guten Gewissens Billig-Airlines zu nutzen. Wir begrüßen das Rauchverbot und tragen uns heute anstandslos in die Datenreihen der Raucherclubs ein. Wir beschweren uns über Schäubles Eingriff in die Privatsphäre, stellen aber neue Urlaubsbilder bei
Facebook online.
Wir vermeiden es, unsere Anspruchsideale zu hinterfragen, und pflegen gemeinsam unseren schützenden Opportunismus. Wir sind die Generation, deren Chancen kaum vielfältiger sein könnten. Die Generation, die mehr von der Welt gesehen hat als jede andere zuvor. Die Generation, die jeden erdenklichen Studiengang und -ort wählen könnte. Die Generation, die durch ihren selbstverständlichen Umgang mit den neuen Medien den älteren Generationen zwangsläufig überlegen hätte sein können. Die Generation, die bisher weitgehend von Krisen verschont war. Und die Generation, die Angst hat, ihren Chancen ausgeliefert zu sein.
P.S. Auf den Seiten 8-17 der neuesten
Spiegel-Sonderausgabe ("Was wird aus mir? Wir Krisenkinder", Heft 1 2009) sind sie exemplarisch abgedruckt: die Krisenkinder. Das erste bin ich. Ganz krisenhaft habe ich keine der knapp 7 € teuren Ausgaben erhalten.
Alina Schröder, 24, studiert an der Universiät Bonn Medienwissenschaft, Psychologie und VWL. Zurzeit absolviert sie in Berlin ein Praktikum und drückt sich damit erfolgreich vor ihrer Magisterarbeit.Fotos: Alina Schröder (Foto oben), Hans-Martin Schmidt (Foto mitte), Martin Bruch (Foto unten)
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