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Das fängt ja schön an

Wie sich Ideale wandeln

8.6.2009 | Lutz Happel | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Was empfinden wir als schön? Wie entstehen Ideale? Warum boomen Casting-Shows und die Kosmetikindustrie? Ein Interview mit dem Soziologen Otto Penz über Körperbilder und Schönheitsideale und wie sie sich auf unsere Gesellschaft auswirken.

Herr Penz, lassen Sie uns über Körperbilder sprechen und gleich einmal groß einsteigen. Gibt es Schönheitsideale, die zeitlos sind?

Natürlich gibt es Ähnlichkeiten, wenn man größere geschichtliche Zeiträume miteinander vergleicht, etwa Körperideale der griechischen Antike, die heute wieder aktuell sind. Doch grundsätzlich, das zeigt auch die Geschichte, wandeln sich Schönheitsideale mit den kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen. Man muss nur an die bleichen eingeschnürten weiblichen Körper des 19. Jahrhunderts denken und sie mit den gebräunten athletischen Idealfiguren von heute vergleichen. Da gibt es schon erhebliche Unterschiede.

Körperideale sind also immer auch ein Produkt der Gesellschaft und damit ein munteres Auf und Ab?

Das kann man so sagen, und man muss vor allem immer die Geschlechter mitdenken. Es gibt viele Epochen in der Geschichte, in denen Schönheit für Männer kein Thema war. Das beginnt sich dann erst in den 1970er-Jahren zu verändern, als Männer allmählich unter den Zwang kommen, auf ihr Äußeres zu achten. Das hängt mit Gleichberechtigung und einer stärkeren Position der Frau in der Gesellschaft zusammen.

Wie entstehen solche Ideale? Ist es das Durchschnittliche oder das Außergewöhnliche, das sich durchsetzt?

Der Begriff "Ideal" deutet ja schon darauf hin, dass es sich vom Durchschnitt absetzt. Aber auf der anderen Seite bildet es auch die wesentlichen Merkmale ab, die in einer Zeit als schön empfunden werden. Für die Gegenwart heißt das: Der Körper sollte möglichst schlank, fit und enthaart aussehen, um als schön zu gelten. Und dabei ragen dann einige Körper ganz besonders heraus, wobei diese Ideale in der Hauptsache massenmedial erzeugt werden. Sie werden mit technischen Mitteln durch die Medien hergestellt.

Braucht Schönheit immer Jugend?

Wenn wir von heutigen Standards sprechen, ja. Die Jugendlichkeit ist eine Hauptcharakteristik der körperlichen Schönheit und das ist eine paradoxe Entwicklung: Wir werden immer älter, versuchen aber immer jugendlicher auszusehen. Es entsteht ein enormer Druck in diese Richtung.

Die Körperbilder des letzten Jahrzehnts scheinen bestimmt durch den so genannten Wellnessboom. Der coole, rauchende Outlaw-Typ im Kino scheint durch den sportiven, durchtrainierten Karrieretypen verdrängt worden zu sein. Wie erklärt sich diese Entwicklung?

Der steigende Wohlstand in der westlichen Welt ist dabei sehr wichtig. In der Soziologie heißt das dann: Es beginnen sich postmaterialistische Werte auszubreiten. Insgesamt wird die innere Befindlichkeit, das physische und psychische Wohlfühlen, wichtiger. Zudem überrollt, aus den Vereinigten Staaten kommend, die Fitnesswelle in den 1980er-Jahren Europa – und trägt zu einer stärkeren Körperfokussierung bei. Und das Ganze ist mit einer ziemlichen Disziplin verbunden. Das darf man sich nicht als hedonistische Bewegung vorstellen. Joggen hat überhaupt nichts Hedonistisches. Es ist eher eine sehr starke Disziplinierung des Körpers.

Das hört sich an, als ob da ein gewisser Druck sich selbst gegenüber aufgebaut wird. Ist die Arbeit am eigenen Körper eher Zwang oder Selbstverwirklichung?

Die Frage führt tief in die Subjektbildung in unserer Gesellschaft. Es ist beides. Auf der einen Seite haben wir gesellschaftliche Anforderungen und Standards, denen wir zu genügen haben. Auf der anderen Seite gibt es diesen Verinnerlichungsprozess. Wir erleben das nicht nur als Zwang, sondern verinnerlichen diese Disziplin, als ob sie ganz normal und natürlich wäre.

Sport und Chirurgie

Die Schönheitschirurgie scheint ebenfalls immer populärer zu werden, nicht nur unter Filmstars. Ist das einfach nur eine Abkürzung, um ohne anstrengenden Sport zum gleichen Ergebnis zu gelangen?

Es ist ja gar nicht möglich, mit körperlicher Betätigung zu solchen Ergebnissen zu kommen. Man kann gar nicht so viel Gesichtsgymnastik treiben, um faltenlos zu werden. Das funktioniert nicht. Die Entwicklung zeigt nur, wie selbstverständlich diese operativen Eingriffe im Laufe der Zeit geworden sind, um den Körper in Form zu bringen. Das beurteilt die Gesellschaft nicht mehr abwertend, noch dazu, da die Resultate möglichst natürlich aussehen sollen. Es wird dabei hierzulande, anders als in den Vereinigten Staaten, nicht viel darüber geredet. Das Ergebnis soll natürlich wirken, und das hinterfragt man dann am besten nicht.

Die Castingshow "Germanys Next Topmodel" ist extrem erfolgreich. Was kann das über eine Gesellschaft aussagen?

Es wird dabei klar, welche Bedeutung Aussehen in der Gesellschaft hat. Auf der anderen Seite wird auch deutlich, wie Menschen darum kämpfen, diese sprichwörtlichen 15 Minuten Aufmerksamkeit zu bekommen, und dabei ist das Fernsehen bei weitem das wirksamste Medium.

Könnte man denn bei diesen ganzen Entwicklungen von einem Schönheitspluralismus sprechen? Jede/r sieht so aus, wie er/sie ist?

Ich würde sagen, es gibt Indizien dafür, dass Schönheit unterschiedliche Bedeutungen in den verschiedenen Milieus der Gesellschaft hat. Es gibt eben Menschen, die enorm viel Zeit und Geld investieren, um jugendlich beziehungsweise schön auszusehen. Das erkennt man aber nicht nur an chirurgischen Eingriffen. Wenn man sieht, wie die Kosmetik-Industrie boomt, wie es zum alltäglichen Leben dazugehört, gut auszusehen, wird klar, welche Bedeutung es hat und wie diese Bedeutung wächst.

Und was ist mit der Intelligenz?

Sowohl Schönheit als auch Intelligenz kann man als persönliche Handlungsressourcen begreifen. Viele Untersuchungen zeigen, dass die Ressource Intelligenz bei Menschen dazu führt, der eigenen Schönheit nicht überdurchschnittlich viel Bedeutung beizumessen. Auf der anderen Seite hat in bildungsfernen Milieus Schönheit eine größere Bedeutung. Zweitens: Ein ganzer Haufen psychologischer Ergebnisse aber sagt: Schönen Menschen werden tendenziell eher positive Dinge zugeschrieben. Das heißt, sie bekommen mehr positives Feedback als andere Menschen, was sich wiederum auf das eigene Selbstvertrauen auswirkt. Das ist, wenn man so will, eine Self-Fulfilling Prophecy. Und dann gibt es umgekehrt negative Stereotype, nach dem Motto: blond und dumm. Ein anderes Beispiel: Männer, die sich um ihr Aussehen kümmern und intelligent sind, werden oft als homosexuell eingeschätzt, was nicht selten abwertend gemeint ist.

Lutz Happel ist freier Journalist in Berlin.

Zur Person: Dr. Otto Penz, Jahrgang 1955, ist Soziologe, unterrichtet in Wien, Graz und ist Adjunct Associate Professor am Department of Sociology der Universität Calgary. Er befasst sich vor allem mit kulturwissenschaftlichen Themen wie Schönheit, Körper, Freizeit, Tourismus, Massenkommunikation und Sport. 2001 erschien sein Buch "Metamorphosen der Schönheit. Eine Kulturgeschichte moderner Körperlichkeit" bei Turia & Kant.

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