Was empfinden
wir als schön? Wie entstehen Ideale? Warum boomen Casting-Shows
und die Kosmetikindustrie? Ein Interview mit dem Soziologen Otto
Penz über Körperbilder und Schönheitsideale und wie sie sich
auf unsere Gesellschaft auswirken.
Herr Penz,
lassen Sie uns über Körperbilder sprechen und gleich einmal
groß einsteigen. Gibt es Schönheitsideale, die zeitlos
sind?
Natürlich
gibt es Ähnlichkeiten, wenn man größere
geschichtliche Zeiträume miteinander vergleicht, etwa
Körperideale der griechischen Antike, die heute wieder aktuell
sind. Doch grundsätzlich, das zeigt auch die Geschichte, wandeln
sich Schönheitsideale mit den kulturellen und gesellschaftlichen
Veränderungen. Man muss nur an die bleichen eingeschnürten
weiblichen Körper des 19. Jahrhunderts denken und sie mit den
gebräunten athletischen Idealfiguren von heute vergleichen. Da
gibt es schon erhebliche Unterschiede.
Körperideale
sind also immer auch ein Produkt der Gesellschaft und damit ein
munteres Auf und Ab?
Das kann man so
sagen, und man muss vor allem immer die Geschlechter mitdenken. Es
gibt viele Epochen in der Geschichte, in denen Schönheit für
Männer kein Thema war. Das beginnt sich dann erst in den 1970er-Jahren zu verändern, als Männer allmählich unter den
Zwang kommen, auf ihr Äußeres zu achten. Das hängt
mit Gleichberechtigung und einer stärkeren Position der Frau in
der Gesellschaft zusammen.
Wie entstehen
solche Ideale? Ist es das Durchschnittliche oder das
Außergewöhnliche, das sich durchsetzt?
Der Begriff
"Ideal" deutet ja schon darauf hin, dass es sich vom
Durchschnitt absetzt. Aber auf der anderen Seite bildet es auch die
wesentlichen Merkmale ab, die in einer Zeit als schön empfunden
werden. Für die Gegenwart heißt das: Der Körper
sollte möglichst schlank, fit und enthaart aussehen, um als schön
zu gelten. Und dabei ragen dann einige Körper ganz besonders
heraus, wobei diese Ideale in der Hauptsache massenmedial erzeugt
werden. Sie werden mit technischen Mitteln durch die Medien
hergestellt.
Braucht
Schönheit immer Jugend?
Wenn wir von
heutigen Standards sprechen, ja. Die Jugendlichkeit ist eine
Hauptcharakteristik der körperlichen Schönheit und das ist
eine paradoxe Entwicklung: Wir werden immer älter, versuchen
aber immer jugendlicher auszusehen. Es entsteht ein enormer Druck in
diese Richtung.
Die
Körperbilder des letzten Jahrzehnts scheinen bestimmt durch den
so genannten Wellnessboom. Der coole, rauchende Outlaw-Typ im Kino
scheint durch den sportiven, durchtrainierten Karrieretypen verdrängt
worden zu sein. Wie erklärt sich diese Entwicklung?
Der steigende
Wohlstand in der westlichen Welt ist dabei sehr wichtig. In der
Soziologie heißt das dann: Es beginnen sich
postmaterialistische Werte auszubreiten. Insgesamt wird die innere
Befindlichkeit, das physische und psychische Wohlfühlen,
wichtiger. Zudem überrollt, aus den Vereinigten Staaten kommend,
die Fitnesswelle in den 1980er-Jahren Europa – und trägt zu
einer stärkeren Körperfokussierung bei. Und das Ganze ist
mit einer ziemlichen Disziplin verbunden. Das darf man sich nicht als
hedonistische Bewegung vorstellen. Joggen hat überhaupt nichts
Hedonistisches. Es ist eher eine sehr starke Disziplinierung des
Körpers.
Das hört
sich an, als ob da ein gewisser Druck sich selbst gegenüber
aufgebaut wird. Ist die Arbeit am eigenen Körper eher Zwang oder
Selbstverwirklichung?
Die Frage führt
tief in die Subjektbildung in unserer Gesellschaft. Es ist beides.
Auf der einen Seite haben wir gesellschaftliche Anforderungen und
Standards, denen wir zu genügen haben. Auf der anderen Seite
gibt es diesen Verinnerlichungsprozess. Wir erleben das nicht nur als
Zwang, sondern verinnerlichen diese Disziplin, als ob sie ganz normal
und natürlich wäre.
Sport und
Chirurgie
Die
Schönheitschirurgie scheint ebenfalls immer populärer zu
werden, nicht nur unter Filmstars. Ist das einfach nur eine
Abkürzung, um ohne anstrengenden Sport zum gleichen Ergebnis zu
gelangen?
Es ist ja gar
nicht möglich, mit körperlicher Betätigung zu solchen
Ergebnissen zu kommen. Man kann gar nicht so viel Gesichtsgymnastik
treiben, um faltenlos zu werden. Das funktioniert nicht. Die
Entwicklung zeigt nur, wie selbstverständlich diese operativen
Eingriffe im Laufe der Zeit geworden sind, um den Körper in Form
zu bringen. Das beurteilt die Gesellschaft nicht mehr abwertend, noch
dazu, da die Resultate möglichst natürlich aussehen sollen.
Es wird dabei hierzulande, anders als in den Vereinigten Staaten,
nicht viel darüber geredet. Das Ergebnis soll natürlich
wirken, und das hinterfragt man dann am besten nicht.
Die
Castingshow "Germanys Next Topmodel" ist extrem erfolgreich. Was kann
das über eine Gesellschaft aussagen?
Es wird dabei
klar, welche Bedeutung Aussehen in der Gesellschaft hat. Auf der
anderen Seite wird auch deutlich, wie Menschen darum kämpfen,
diese sprichwörtlichen 15 Minuten Aufmerksamkeit zu bekommen,
und dabei ist das Fernsehen bei weitem das wirksamste Medium.
Könnte
man denn bei diesen ganzen Entwicklungen von einem
Schönheitspluralismus sprechen? Jede/r sieht so aus, wie er/sie
ist?
Ich würde
sagen, es gibt Indizien dafür, dass Schönheit
unterschiedliche Bedeutungen in den verschiedenen Milieus der
Gesellschaft hat. Es gibt eben Menschen, die enorm viel Zeit und Geld
investieren, um jugendlich beziehungsweise schön auszusehen. Das
erkennt man aber nicht nur an chirurgischen Eingriffen. Wenn man
sieht, wie die Kosmetik-Industrie boomt, wie es zum alltäglichen
Leben dazugehört, gut auszusehen, wird klar, welche Bedeutung es
hat und wie diese Bedeutung wächst.
Und was ist
mit der Intelligenz?
Sowohl Schönheit
als auch Intelligenz kann man als persönliche
Handlungsressourcen begreifen. Viele Untersuchungen zeigen, dass die
Ressource Intelligenz bei Menschen dazu führt, der eigenen
Schönheit nicht überdurchschnittlich viel Bedeutung
beizumessen. Auf der anderen Seite hat in bildungsfernen Milieus
Schönheit eine größere Bedeutung. Zweitens: Ein
ganzer Haufen psychologischer Ergebnisse aber sagt: Schönen
Menschen werden tendenziell eher positive Dinge zugeschrieben. Das
heißt, sie bekommen mehr positives Feedback als andere Menschen,
was sich wiederum auf das eigene Selbstvertrauen auswirkt. Das ist,
wenn man so will, eine Self-Fulfilling Prophecy. Und dann gibt es
umgekehrt negative Stereotype, nach dem Motto: blond und dumm. Ein
anderes Beispiel: Männer, die sich um ihr Aussehen kümmern
und intelligent sind, werden oft als homosexuell eingeschätzt,
was nicht selten abwertend gemeint ist.
Lutz Happel
ist freier Journalist in Berlin.
Zur Person:
Dr. Otto Penz, Jahrgang 1955, ist Soziologe, unterrichtet in Wien,
Graz und ist Adjunct Associate Professor am Department of Sociology
der Universität Calgary. Er befasst sich vor allem mit
kulturwissenschaftlichen Themen wie Schönheit, Körper,
Freizeit, Tourismus,
Massenkommunikation und Sport. 2001 erschien
sein Buch "Metamorphosen der Schönheit. Eine
Kulturgeschichte moderner Körperlichkeit" bei Turia &
Kant.
Foto, oben: ©photocase.com / schmonzetten-punkette
Foto, unten: ©photocase.com / emoji
www.bpb.deIm
traditionellen Körperbild von Frauen und Männern sind erste Brüche
feststellbar. Warum ändern sich Rollenbilder und wie wandelt sich unser Bild vom Körper?
www.bpb.de/Aufrecht
Ein
Text über die Verbindung von Politik und Sport
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