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Von Organen und Mikroben

Politische Körper von der Antike bis heute

9.6.2009 | Anne Haeming | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Auf den Fotos ist sibirischer August, die Region Tuwa ist ausgedorrt. Mittendrin ein Mann mit Outdoorkappe und Hose in Steppengrün. Es ist Wladimir Putin, oben ohne, die Muskelpakete gut sichtbar. Die Bilder vom präsidialen Oberkörper bestimmten im vorletzten Sommer einige Tage lang die internationale Presse, bevor er das Amt abgab. Es ist eine Foto-Story: der russische Präsident am Lagerfeuer. Der Präsident beim Angeln. Der Präsident hoch zu Ross. Wladimir Putin, in Saft und Kraft.

Putin war nicht Opfer eines Paparazzo geworden, im Gegenteil: Er setzte sich gezielt in Szene, machte Propaganda in eigener Sache. Indem er seinen Körper inszenierte, inszenierte er automatisch auch seine politische Funktion. Der eigene Körper gehört fest zum männlichen Staatsgeschäft, nicht nur bei Putin: So zeigte sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy mit freiem Oberkörper und als Cowboy im Sattel; Gerhard Schröder ließ sich als Bundeskanzler gerne beim Fußballspielen ablichten; der ehemalige US-Präsident George W. Bush glänzte im Fliegeranzug, knalleng im Schritt; und Silvio Berlusconi, Ministerpräsident Italiens, flanierte mit weißem Kopftuch und sperrangelweit offenem Hemd.

Der starke Mann im Staat

Die Herren Politiker sind meist braungebrannt, stets muskelbepackt, mit vollem Haar, natürlich ungefärbt. Sie produzieren sich in diesen Momenten buchstäblich selbst, spekulieren auf die Macht der Bilder. Denn diese Photos sind genau das: Machtdemonstrationen. Sie strotzen vor jugendlichen Referenzen: Seht her, sagen sie, wir sind so unverbraucht, wie wir aussehen, unsere Stärke ist unantastbar! Männlichkeit steht für physische Kraft, diese wiederum für Macht. Bei Frauen in ähnlichen Ämtern funktioniert dieses Körperbilderspiel nicht.

Die Verquickung von Körper und Politik hat Tradition. Die Vorstellung, den privaten Körper vom politischen Körper einer Person zu trennen, gab es bereits im Mittelalter: Der König war als Mensch zwar sterblich, doch als Darsteller dieses Amtes wiederum nicht – die Institution des Königtums überlebte. Zumindest bis zur Abschaffung der Monarchie. Diese Zweiteilung findet sich übrigens bis heute, sei es im Rechtssystem, das rechtliche Personen und Körperschaften von "natürlichen" Personen unterscheidet, oder wenn über das Privatleben von Politikern berichtet wird: Wo hört der politische Körper auf und wo fängt der private an?

Doch diese Metapher taucht nicht nur auf, wenn es um Funktionsträger wie Präsidenten oder Könige geht. Der Körper als Symbol taugt auch, Machtstrukturen in einem Staat und einer Gesellschaft zu analysieren und zu beschreiben. Der französische Theoretiker Michel Foucault kehrte immer wieder zu diesem Bild zurück, ihm ging es um "Gesellschafts-Körper" – im doppelten Sinne: die Gesellschaft als Körper auf der einen Seite, der individuelle Körper als von der Gesellschaft bestimmt auf der anderen. Der Leib des/der Einzelnen war für Foucault ein Ort, an dem sich die Macht des Staates zeigen kann. Wie zentral der individuelle Körper für ihn war, lässt sich schon allein an den Titeln seiner Werke ablesen: "Sexualität und Wahrheit", "Wahnsinn und Gesellschaft", "Die Geburt der Biopolitik", "Die Geburt der Klinik" oder, vielleicht am wichtigsten in diesem Zusammenhang, "Überwachen und Strafen".

Das Zusammenspiel der Organe

In jenem Text zeigt sich deutlich, wie stark der menschliche Körper Foucaults Meinung nach vom Gesellschaftskörper geprägt wird: Gefängnis – und auch Klinik – sind Institutionen, in denen der/die Einzelne rein körperlich gesellschaftlichen wie politischen Strukturen unterworfen ist. Die "Machtverhältnisse legen ihre Hand auf [den Körper]", schreibt Foucault in "Überwachen und Strafen", "sie umkleiden ihn, sie markieren ihn, sie martern ihn, zwingen ihn zum Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen." Kurz: zwischen Selbstkontrolle und Fremdkontrolle zu unterscheiden, funktioniert nicht mehr. Das eine ist unauflöslich mit dem anderen verquickt.

Eine verwandte Vorstellung findet sich übrigens bereits in einer der ältesten – und bekanntesten – dieser Staatskörpergeschichten. Sie wird Menenius Agrippa zugeschrieben, einem Patrizier, der knapp 500 Jahre vor Christus in Rom verhindern wollte, dass ein Aufruhr unter den Bürgern eskaliert. Es gelang ihm, indem er eine Fabel erzählte, so schildert es zumindest der Geschichtsschreiber Livius 500 Jahre später – eine Ur-Metapher vom "Gesellschaftskörper". Agrippa sprach über den Staat, als sei er ein Körper: Die Bürger waren die einzelnen Glieder, die sich über den faulen Magen beschwerten, der nur "ruhig mittendrin" liege und nur darauf warte, von ihnen gefüttert zu werden. Sie beschlossen, ihn zu boykottieren, "die Hände sollten keine Speise mehr zum Munde führen". Daraufhin brach natürlich das gesamte Versorgungssystem zusammen. Die gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Körperteile und, na klar, Organe (auch dieses Wort ist ein durch und durch politischer Begriff) wurde offensichtlich. Ein Wesensmerkmal der Demokratie.

Achtung, Ansteckungsgefahr

Körpermetaphern wie diese, die nicht für eine Funktion, sondern für eine Gemeinschaft stehen, hatten und haben besonders in einem Fall Konjunktur: Wenn der "Körper" bedroht wird. So waren etwa während der Kolonialzeit Vergleiche zwischen Völkern und Körpern ganz selbstverständlich an der Tagesordnung. Genauer gesagt: zwischen sauberen Körpern und schmutzigen. Die so genannte "Rassenhygiene" gehörte zur kolonialen Denkweise, die unter anderem auf der Keimtheorie des deutschen Mikrobiologen Robert Koch basierte. Der hatte herausgefunden, dass sich Krankheiten oder Epidemien verbreiten, wenn es nicht sauber zugeht: Vom Schmutz und Abfall führte einen die Argumentation dann zu Keimen, Mikroben, Bakterien und damit flugs zu Menschen, die ansteckende Krankheitserreger mit sich herumtragen könnten.

Diese unsauberen "Elemente", so die koloniale Logik, mussten unter allen Umständen vom gesunden Körper des Imperiums ferngehalten werden. Die Nation durfte nicht befallen werden und am Ende gar erkranken. Das Perfide: Das Fremde, Gefährliche, das waren die Menschen, die die Kolonialherren in den Regionen antrafen, die sie eroberten. Und die nicht zu europäischen Vorstellungen von Hygiene passten. Und natürlich errichtete man Schutzhüllen, die verhindern sollten, dass Schädlinge eindringen: so genannte "cordons sanitaires", seuchenfreie Sicherheitszonen. Auch das System der Apartheid, das bis Anfang der 1990er für Rassentrennung in Südafrika stand, war ein Ausdruck dieser Überlegung: Der gesunde, weiße "Volkskörper" sollte nicht infiltriert werden. Wenig verwunderlich: Auch Adolf Hitler nutzte diese Bildsprache, so schrieb er etwa in "Mein Kampf", Juden seien "Parasiten im Körper der anderen Völker". In Abgrenzung dazu verfolgte er seinen arischen Plan vom "Heranzüchten kerngesunder Körper".

Übrigens findet sich diese Sprache bis heute. Ein Begriff hat es geschafft, die koloniale Vorstellung vom gesunden Nationalkörper wieder aufleben zu lassen, der bedroht ist von todbringenden Keimen. Ein Wort, das die Zeit seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nachhaltig prägte: die "Schläferzelle".

Anne Haeming schreibt für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin.

Foto, oben: ©photocase.com / laja
Foto, unten:
©photocase.com / misterQM



www.spiegel.de
Bericht über den "Haarfarbe-Prozess" von Gerhard Schröder

www.dhm.de
Hier erklärt das Deutsche Historische Museum die Rassenideologie Hitlers.

www.dhmd.de
Seite der Ausstellung "Krieg und Medizin" im Deutschen Hygienemuseum (bis 9.8.2009)




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