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Ich
stehe auf einem Marktplatz in Berlin-Lichtenberg und sehe aus wie ein
Astronaut: roter Overall, gelbes Visier, Gewichte an den Beinen. Ich
fühle mich wie in einer anderen Welt. Nur dass ich nicht auf
einem fremden Planeten, sondern in meiner Zukunft gelandet bin. Ich
trage den so genannten "Age Explorer", zu Deutsch
"Alterssimulator". Für knapp vierzig Minuten bin ich
schlagartig vierzig Jahre älter. An meiner Seite: Beate Baltes,
Leiterin des Age-Explorer-Teams vom Meyer-Hentschel-Institut aus
Saarbrücken. Gemeinsam gehen wir auf Entdeckungstour durch meine
Zukunft. Ich will wissen, wie ich mit müden Gelenken, schlechten
Augen und schmerzenden Fingern meinen Alltag bewältige.
Einkaufen gehe. Geld abhebe. Treppen hinaufsteige. Ein Experiment.
Ein
paar Minuten vorher: Ich altere zuerst mit Ellenbogen- und
Knieschonern. Es spannt und fühlt sich schwer an. "Das soll
ihre Beweglichkeit einschränken", erklärt Beate
Baltes. Als nächstes schlüpfe ich in Handschuhe, die von
innen pieksen. Sie sind mit einer rauen Schicht gefüttert.
Dadurch lässt meine Feinmotorik nach. Später wird mir eine
Frau zum Abschied die Hand geben. Noch nie hat sich ein Händedruck
so schmerzhaft angefühlt. "Ältere Menschen haben oft
steife Finger und Schmerzen in den Händen", erklärt
die Frau, die mich Stück für Stück zum Greis macht.
Weiter mit dem Anzug, in dem Gewichte stecken. Er soll den
Kraftverlust durch Muskelschwund simulieren.
So fühlt sich Altsein also an?
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Meine Kräfte
schwinden mit zehn Kilo mehr auf den Rippen. An den Schultern wird er
festgezurrt. Schnallen von innen verstärken meine
Unbeweglichkeit. Bereits beim Zuknöpfen stelle ich mich
ungeschickt an. Doch das ist gar nichts zu dem, was nun folgt. Frau
Baltes setzt mir Kopfhörer und das Visier auf. Adieu Hör-
und Sehvermögen. Ich fühle mich wie Darth Vader. Aber in
Wirklichkeit bin ich höchstens ein Sternenkrieger im Ruhestand.
Meine Hör- und Sehkräfte schwinden schlagartig um die
Hälfte. Ich muss mich sehr konzentrieren, Blickkontakt halten.
Jetzt merke ich, wie wesentlich es ist, dass meine Gesprächspartnerin
mich anschaut. Sobald sich Frau Baltes umdreht, ist die Information
weg.
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Zum
Abschluss will ich Brötchen kaufen. Der Astronaut betritt den
Laden. Entsetzen im Blick der jungen Verkäuferin. Beate Baltes
beruhigt: "Der probiert nur den Alters-Anzug aus." Im
Supermarkt bringt es mich an der Kasse oft zur Weißglut, wenn
ältere Damen vor mir eine gefühlte Ewigkeit fürs
Bezahlen brauchen – jetzt kann ich nachvollziehen, warum: Ich kann
die Münzen schlechter unterscheiden, geschweige denn den Preis
hören, den die Verkäuferin leise vor sich hinnuschelt. Als
ich die Tüte in den Händen halte, war ich noch nie so stolz
auf gekaufte Brötchen. "Das Personal kann nur helfen, wenn
es weiß, wo das Problem ist", sagt Beate Baltes.
Ein
Grund, warum das Institut mit dem Anzug seit 1994 durch ganz
Deutschland reist und vor allem Mitarbeitern/innen mit Kundenkontakt die
Möglichkeit zur Greisen-Reise bietet. Der Age Explorer soll das
Verhalten gegenüber älteren Kunden/innen verbessern. Wer einmal
persönlich in der Haut einer/s 70-Jährigen gesteckt hat, wird
sich gegenüber Senioren/innen viel verständnisvoller und
hilfsbereiter verhalten. Diese Anschaulichkeit schafft keine Theorie.
Zusammen mit Ärzten/innen entwickelte das Institut innerhalb von vier
Jahren den Simulator, ließ wissenschaftliche Erkenntnisse aus
der Gerontologie und Physiologie einfließen. Zum Beispiel, dass
ein 80-Jähriger rund 80 Prozent seiner einstigen Sehschärfe
verloren hat. Oder wir mit 65 Jahren ungefähr ein Drittel
unserer jugendlichen Muskelkraft eingebüßt haben.
Nach
gut einer halben Stunde merke ich, dass es mir mit dem "Feeling
70" reicht. Stück für Stück streife ich das Alter
ab, steige aus dem Overall, reiße mir die Schoner vom Leib.
Darf endlich wieder mehr sehen, hören, fühlen. Wenn es doch
auch in vierzig Jahren nur so leicht ginge! "Jetzt fühlen
Sie sich wie neu geboren?!", bemerkt eine Beobachterin
schmunzelnd. "Wenn die wüsste", denke ich und freue
mich wie ein Kind zu Weihnachten über meine wieder erlangte
Jugend. Witzig. Noch nie war ich so froh, 30 Jahre alt zu sein.
Jörg
Oberwittler arbeitet als junger Journalist in Berlin.
Fotos: Meyer-Hentschel-Institut / Autor
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