"Physik im Wandel meiner Zeit" lautet der Titel eines Buches, das der deutsch-jüdische Mathematiker und Physiker Max Born 1957 veröffentlichte. Drei Jahre zuvor war der Freund und Kollege Albert Einsteins für seine Grundlagenforschung der Quantenmechanik, insbesondere für seine statistische Interpretation der Wellenfunktion, mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet worden. Was Wunder, wenn – mit einem derartig prominenten wie profunden familiären Erbe ausgestattet – Borns Enkelin einige Jahrzehnte später ihrerseits zum Forschen aufforderte: "Let's get Physical!"
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Die in England geborene und in Australien aufgewachsene Sängerin und Schauspielerin Olivia Newton-John mauserte sich nach etlichen Pop- und Country-Nummern spätestens im Jahr 1978 mit dem Musical-Film "Grease", in dem sie neben John Travolta die weibliche Hauptrolle spielte, zum internationalen Pop-Idol. Hits wie "Xanadu" oder "Magic" folgten. Newton-John haftete für kurze Zeit ein zwischen Unschuld und Laszivität changierendes Image an, das wenige Jahre später erfolgreich von Madonna übernommen werden sollte. Der Song "Physical", geschrieben von Steve Kipner und Terry Shaddick und im September 1981 veröffentlicht, wurde zu ihrem größtem Hit. Im Winter 1981 hielt sich das tanzbare Mainstreampop-Stück für 10 Wochen auf Platz 1 der US-Billboard-Charts. Auch in Westdeutschland verging in dieser Zeit kaum eine Radiostunde ohne Newton-Johns Seufzer "Let's get physical, physical, I wanna get physical". Die gleichnamige Video-Kassette von 1982 mit dem "Physical"-Video erhielt 1983 den Grammy Award für das beste Musik-Video.
Dass in diesem Fall das Video eine ganz besondere Rolle für die Popularität des Stückes spielte, war Teil einer Marketingstrategie, die auf die Mehrdeutigkeit des Songtitels setzte. Dass "Physical" nichts mit dem physikalischen Wissen von Großvater Max zu tun hatte: geschenkt. Dass das Video aber scheinbar auf ein neues, so modisches wie Schweiß versprechendes Körperbewusstsein abzielte, wurde spätestens dann klar, wenn man die Sängerin mit Body, Stirnband, Glitzergürtel, hellblauen Wollstulpen und pinken Leggings in einem Fitness-Studio zwei rundliche Nerds auf Laufband und mit Expander zu muskulösen Schönlingen umtrainieren sieht. Dem prüden Witz dieser Zeit folgend entpuppen sich die Muskelgestählten jedoch letztlich als schwul und somit sexuell undankbar.
Das Wort der Stunde hieß "Aerobics" – ein rhythmisch artikulierter Massentrend der frühen 1980er-Jahre, der dank zahlreicher Konsumvorschläge der Mode-, Freizeit- und Musikindustrie nun auch Frauen dazu bewegen sollte, mit Popgymnastik in die Männerdomäne des Bodybuilding einzudringen. Es war vor allem dieses Video, das "Physical" zur Hymne der Aerobic-Bewegung machte. Dabei haben die Aufforderungen im Songtext – "Let’s get Physical!" und "Let me hear your body talk!" – bei weitem nichts mit Aerobics im engeren Sinn zu tun. Denn so unschuldig die Musik tut und so sportlich das Video daherkommt, so explizit sexuell sind Newton-Johns Worte: "Let's get animal!"
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Dass hingegen das Video kinderdiscofreundlich suggeriert, die vorgeschlagene neue Körperlichkeit beziehe sich auf ein Stündchen auf dem Laufband und die Feststellung "There's nothing left to talk about unless it's horizontally" auf die Gymnastikmatte, steigert den Genuss am Lied für diejenigen, die den massenkulturellen Trick verstanden haben, nach dem hier einmal mehr Pop über den Umweg rhythmischen Trendsports mit Sex gleichsetzt wird. Ein Live-Mitschnitt aus dieser Zeit, in der die Sängerin Hunderte von Fans dazu animiert, die Worte "Physical, Physical" zu singen, zeigt, wie dieser Genuss funktioniert. Für Newton-John war "Physical" dabei auch ein karrieretechnisch kalkulierter Weg, ihre Rolle als "Mädchen von nebenan" hinter sich zu lassen: "I've been patient, I've been good, tried to keep my hands on the table, it's gettin' hard this holdin' back, you know what I mean" (Ich war geduldig, ich war brav, hab’ bemüht, mich zu benehmen, aber diese Zurückhaltung fällt mir jetzt schwer – du weißt schon, was ich meine). Mit einem Songtitel der deutschen Band Svevo aus den 1990er-Jahren könnte man in diesem Sinn Newton-Johns Anliegen auch einfacher formulieren: "Sie wollte eigentlich einfach sagen, komm, wir ficken."
Martin Conrads joggt und schreibt Texte in Berlin.
www.magistrix.de
Songtext von "Physical"
Musikvideos:
Hier geht es zu den verschiedenen Versionen (YouTube): zum einen zu dem offiziellen "Physical"-Video, zu einer Live-Version und zu einer alternativen Aufnahme von "Physical" von Olivia Newton-John.
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