Mithu M. Sanyal: Vulva

Die Enthüllung des “unsichtbaren“ Geschlechts

24.6.2009 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Als sie 15 war, fiel ihr auf, dass sie ihr eigenes Genital kaum kannte. "Ein Schlüsselerlebnis", sagt die 37-jährige Journalistin Mithu M. Sanyal heute. Jetzt hat sie ein Buch im Wagenbach Verlag darüber veröffentlicht, das eine unterhaltsame Version ihrer Doktorarbeit in Kulturwissenschaft ist. In "Vulva. Die Enthüllung des 'unsichtbaren' Geschlechts" forscht Sanyal, die als Mutter zweier Kinder in Düsseldorf lebt, den Darstellungen und anderen kulturellen Zeugnissen des äußerlich sichtbaren Teils des weiblichen Geschlechtsorgans nach – ein schon lange und immer noch tabuisiertes Körperteil, das nicht zuletzt dank Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte.

Liebe Mithu Sanyal, erkläre doch bitte mal genau, was die Vulva ist!
 
Also klinisch ist es so, dass das weibliche Genital drei Teile aufweist: einmal das, was im Körper liegt – also die Gebärmutter und der Muttermund und die Eileiter und das alles. Und dann gibt es das äußere Genital, also alles, was wir sehen, und das ist die Vulva: die großen und die kleinen Schamlippen, die Klitoris und so weiter. Und dann gibt es noch das, was das Äußere mit dem Inneren verbindet, und das ist die Vagina; das, was wir sozusagen nur als "Loch" sehen. Vagina ist Lateinisch für Scheide. Die Leute, die das damals benannt haben, haben sich gedacht, wofür ist das Ding gut? Das ist dafür gut, dass der Mann sein Schwert da reinsteckt. Das war damals gang und gäbe, Dinge nach Funktionen oder Analogien zu benennen. 
 
Einst hoch geschätzt, heute verschwiegen
 
Indem du in deinem Buch zusammenträgst, was es überhaupt an Kunstwerken, literarischen Texten und anderen kulturgeschichtlichen Zeugnissen, auch vor vielen Jahrhunderten, über die Vulva gibt, betrittst du Neuland. Das Wissen über die Vulva scheint irgendwann im 19. Jahrhundert zu enden. Was ist da los?
 
Das ist sogar noch länger her. Was ganz verschüttet ist, ist die Wertschätzung des weiblichen Geschlechtsorgans. Und es gab ja durchaus wertschätzende Bezeichnungen. In England zum Beispiel war "cunt" ein überaus wertschätzender Begriff. Heute kennt man das aus amerikanischen Filmen als eines der schlimmsten Schimpfworte. "Cunt" hat dieselbe Wortwurzel wie country, queen und kin (Heimat, Königin, Familie, Anm. d. Red.). Wahrscheinlich hieß es "heilige Höhle". Und im indischen Raum, im Sanskrit, gibt es das Wort "yoni" – ein unglaublich wertschätzendes, tolles Wort. Aber man kennt es halt aus der Esoterik und möchte es daher nicht verwenden.
 
Was ändert sich für ein Mädchen oder eine Frau, wenn sie ihren Körper besser benennen kann? Was gewinnt sie dadurch?
 
Es ist ja immer die Frage: Benenne ich meinen Körper oder wird das von außen zugeschrieben? Wenn es darum geht, das eigene Leben, die eigene Stimme selbst in die Hand zu nehmen, dann ist ein Aspekt davon Selbstbenennung. In einem Wort wie Vagina wird das sichtbare Genital verschwiegen – auch wenn wir sagen, wir meinen ja beides damit. Wir sind zwar mehr als unsere Körper, aber ich glaube tatsächlich, dass der nächste Schritt zur Abstraktion ist, dass wir gut verortet sind in der Welt. Mir geht es darum, dass wir in einer Kultur leben, die anhand von Genitalien auch viel verhandelt.
Die Männer haben den Penis, und der Penis ist in unserer Kultur gleichbedeutend mit dem Zepter, mit dem Pinsel, mit Kunst, mit "pen"; dem Stift. Das wird in unserer Kultur ganz stark gleichgesetzt. Aristoteles meinte, der Mann hat das innere Feuer, damit kann er seine Genitalien nach außen drücken, und der Frau fehlt das innere Feuer, deshalb bleibt ihr Genital nach innen gewölbt zurück. Daher ist die Frau quasi kein vollständiger Mensch. Ich glaube tatsächlich, dass diese Fehlbezeichnung der Vulva in unserer Kultur viel mehr ist als nur die Fehlbezeichnung von einem Körperteil. Weil an Genitalien immer ganz viel Geschlechterrollen verhandelt wurden.

Wie kamst du überhaupt darauf, über die Vulva zu forschen?
 
Einer der Auslöser, an den ich mich erinnern kann, ist ein Buch, das ich mit 15 gelesen habe, darin gab es eine Nebenfigur, die Vulvas genäht hat zum An-die-Wand-Hängen und Streicheln. Das fand ich total faszinierend – aber ich war eben 15 und hatte überhaupt keine Möglichkeit, an so was ranzukommen. Und dann dachte ich: Dann mache ich das einfach selber. Das Problem war aber nicht, dass ich nicht nähen konnte, sondern dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie meine eigene Vulva aussah. Es war aber gar nicht einfach, in der Wohnung, in der ich damals mit meinen Eltern gewohnt habe, genug Privatsphäre zu haben, sich vor den Spiegel hinsetzen und sich das angucken zu können.
 
Offensichtliche Schieflage
 
Ich habe das dann irgendwann geschafft, habe mir das angeguckt und wusste gar nicht, wie ich das jetzt finde. Finde ich die jetzt schön oder nicht? Ist sie schöner oder hässlicher als andere? Der Blick darauf war mir total fremd. Ich fand das offensichtlich hochfaszinierend, aber ich konnte das nicht beurteilen, nicht "sehen". Dann bin ich in die Bücherei gegangen, wusste aber gar nicht, nach was für Stichwörtern ich suchen muss. Als ich irgendwann genug Mut gefunden habe, jemanden zu fragen, habe ich ein Buch über die verschiedenen Erkrankungen der Vagina bekommen. Das war natürlich nicht, was ich gesucht habe – ich habe nach etwas Kulturgeschichtlichem gesucht. Das war so ein Schlüsselerlebnis: Okay, das kann jetzt gar nicht sein, da muss ja vorne und hinten was nicht stimmen!
 
Ist es auch ein Buch für Männer und Jungs?
 
Ich glaube schon, dass es rein optisch – wegen des Pinks – eine Kaufhürde gibt. Schwerpunktmäßig besteht die Zielgruppe wohl aus Frauen. Es ist aber schon so geschrieben, dass es Männer nicht ausschließen soll. Die Aussage ist jetzt nicht, dass der Phallus durch die Vulva ersetzt werden muss und dass die Vulva besser ist! Meine Aussage ist ja, dass es einen sehr eingeschränkten Blick gibt, der auch den Blick auf das männliche Genital verstellt. Ich weiß, dass mein Sohn es total spannend findet. Der ist jetzt fünf und hat es mit in den Kindergarten genommen und gesagt: "Meine Mama hat ein Buch über die Vulva geschrieben!" Der findet das sehr faszinierend, auch die Bilder. Die hat er sich mit Faszination angeguckt.
 
Hype um "Feuchtgebiete"
 
Das Erscheinen des Buches wurde vom Verlag vorgezogen, was ja auf ein starkes Interesse der Presse  hinweist – war das der Grund?
 
Der Verlag hatte unendlich viele Vorbestellungen! Was sicher nicht nur daran liegt, dass es ein tolles Buch ist – was es natürlich auch ist –, sondern dass es zufällig auch in diese ganze Welle, in diesen Hype um "Feuchtgebiete" und um Lady Bitch Ray und so weiter, also in dieses ganze Interesse reingekommen ist.
 
Wie fandest du denn Charlotte Roches "Feuchtgebiete"?
 
Ich habe mich sehr darüber gefreut! Ich finde, diesen Anspruch, den wir an Literatur haben, dass es eine neue Stimme sein soll und dass sie im besten Fall neue Themen behandeln soll: Das löst sie alles ein. Sie schreibt, wie es bisher in der deutschen Mainstream-Literatur noch nicht passiert ist. Und sie schreibt als Frau mit einer aggressiven Sexualität, das gab es hier noch nicht.
 
Was hast du als Nächstes vor?
 
Jetzt schreibe ich erst mal zwei Hörspiele. Und ich sehe mich auch immer noch als Journalistin. Aber das nächste Buchprojekt ist tatsächlich ein Roman. Ich hatte ja ursprünglich vorgehabt, einen Roman zu schreiben, und dann kam das "Vulva"-Projekt dazwischen. Was aber toll für mich war – ich habe unendlich viel an diesem Buch gelernt. Ich glaube auch, dass ich dabei sehr viel über Struktur gelernt habe. Und das alles soll jetzt in diesen Roman reinfließen. Aber es ist halt ein großes Projekt, und ich bin nebenbei auch noch Fulltime-Mutter. Die Zeit, um da mal einen Roman am Stück zu schreiben, ist sehr kurz. 
 
Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des "unsichtbaren" Geschlechts
(Wagenbach Verlag 2009, 240 S., 19.90 €)



Stephanie Wurster lebt als freie Autorin und fluter.de-Redakteurin in Berlin.

Fotos: ©Wagenbach Verlag


www.youtube.com
WDR-Feature zur "Vulva" mit Mithu M. Sanyal (YouTube)

www.wirfrauen.de
Wir Frauen – eine feministische Frauenzeitschrift aus Düsseldorf, bei der Mithu M. Sanyal Mitarbeiterin ist
 
www6.txt.de
Mehr zu Sanyals "Vulva" beim Wagenbach Verlag
 
www.bravo.de
Auf bravo.de gibt es eine "Vulva-Galerie".




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